Schlimmer kann es für einen Süßwarenhersteller kaum kommen: Salmonellen, Werkschließung - und all das eine Woche vor Ostern. Schon seit Monaten wusste Ferrero von einem Problem in einer belgischen Fabrik. Nun aber zog die dortige Behörde die Notbremse, dem Werk wurde die Lizenz entzogen. Die Missstände waren aber offenbar bereits seit Monaten bekannt. Die Gemeinwohlstiftung Común prüft rechtliche Schritte, hieß es in einer Aussendung am Samstag.

Auch in Österreich werden ausgewählte Chargen von Kinderprodukten vorsorglich zurückgerufen beziehungsweise aus den Regalen in den Supermärkten entfernt. Allerdings war der Salmonellenbefall bei Ferrero offenbar schon im Dezember 2021 bekannt und könnte somit auch das Weihnachtsgeschäft betroffen haben. Ein großer Teil der betroffenen Produkte dürfte also schon verkauft und verzehrt worden sein.

In der Produktionsstätte, die Ferrero nun wegen des Verlusts der Lizenz schließen musste, wurden bisher 7 Prozent der weltweiten "Kinder"-Produkte erzeugt, viele auch für den österreichischen Markt. Der Konzern räumte in einer Aussendung zwar "interne Ineffizienzen" ein, die Verbraucherschützer üben nun aber scharfe Kritik, weil die Öffentlichkeit nicht schon im Dezember informiert wurde, sondern erst diese Woche. Hunderte Fälle von teils schweren Erkrankungen, etwa blutiger Durchfall bei Kindern, seien dokumentiert, erklärte die Gemeinwohlstiftung Común. Die Dunkelziffer könnte den Verbraucherschützern zufolge noch weitaus höher liegen, immerhin wurden nun auch Weihnachtsartikel zurückgerufen, es dürften also Millionen Produkte betroffen sein. Die Gemeinwohlstiftung prüft nun rechtliche Schritte.

Mehr Schutz für Konsumenten gefordert

Eine genaue Liste der betroffenen Produkte befindet sich auf der AGES-Homepage. Die Gemeinwohlstiftung Común mit ihren beiden Bürgerinitiativen "oekoreich" und "Lieferkettengesetz" fordert nun rechtliche Folgen: "Es kann doch nicht sein, dass ein milliardenschwerer Konzern mutmaßlich über Monate hinweg ein ernsthaftes Problem verschweigt und damit durchkommt. Dieser Fall zeigt auf, wieso es endlich Haftungsmöglichkeiten geben muss. Wir lassen jetzt rechtliche Schritte gegen den Konzern prüfen, auch wenn wir wenig zuversichtlich sind", sagte Común-Vorsitzende Veronika Bohrn Mena. Sie hält die geltenden Gesetze für zu schwach, um Konsumenten vor den Machenschaften der Konzerne zu schützen. "Ferrero ist auch hier kein unbeschriebenes Blatt. Konzerne wie dieser schreiben Milliarden-Gewinne, aber übernehmen keine Verantwortung für ihre Missetaten. Damit muss jetzt Schluss sein", forderte Bohrn Mena.

Sollte die rechtliche Prüfung, mit der ein renommierter Jurist beauftragt wird, zum Ergebnis kommen, dass keine Möglichkeiten für rechtliche Schritte bestehen, so wird eine entsprechende Gesetzesänderung angestrebt, hieß es in der Aussendung. Die Gemeinwohlstiftung ist bereits mit Justizministerin Alma Zadic (Grüne) in Kontakt und wird etwa im Mai im Rahmen der "Österreichischen Konsumdialoge" einen Round Table zum Lieferkettengesetz organisieren.

Erster Fall bereits am 15. Dezember

Bereits am 15. Dezember ist Ferrero ein Salmonellen-Fall in der Fabrik im belgischen Arlon bekannt geworden, wie aus einer Mitteilung von Ferrero France in Luxemburg hervorgeht. Demnach wurden dort Salmonellen in einem Sieb am Auslass von zwei Rohstofftanks festgestellt. Die daraus gefertigten Produkte seien daraufhin zurückgehalten worden. Der Filter sei ausgetauscht und Kontrollen der unfertigen und fertigen Produkte seien gesteigert worden, so Ferrero.

Am Freitag erreichten die inzwischen eingeleiteten Ermittlungen der Lebensmittelbehörden schließlich ihren vorläufigen Höhepunkt. Der Süßwaren-Riese muss die Produktion der seit Tagen im Fokus stehenden Fabrik in Belgien vorerst stoppen. Die Aufsichtsbehörde Afsca kündigte an, die Produktionslizenz für die Fabrik infolge von Ermittlungen zu entziehen. Ferrero habe in den Ermittlungen nicht ausreichend Informationen geliefert, so die Mitteilung. Mitten im wichtigen Ostergeschäft muss Ferrero nun alle Produkte aus dem Werk zurückrufen, unabhängig von ihrem Produktionsdatum.

Der Mitteilung von Afsca zufolge sind hiervon alle "Kinder Surprise", "Kinder Mini Eggs", "Kinder Surprise Maxi" und "Schoko-Bons" betroffen, die in Arlon gefertigt wurden. Betroffen von dem Rückruf ist auch das Produkt "Kinder Mix Easter Gift Bag", das in einigen deutschen Testmärkten angeboten wurde. Afsca bat auch alle Vertriebsfirmen, betroffene Produkte aus dem Einzelhandel zu nehmen. Das Werk in Arlon dürfe erst wieder öffnen, wenn alle Regeln und Anforderungen der Lebensmittelsicherheit erfüllt seien.

Ferrero gibt Fehler zu

Am Freitagnachmittag meldete sich Ferrero nochmals zu Wort und gab Fehler im Umgang mit den Rückrufen einiger Produkte zu. Über die Gründe für die monatelange Lücke zwischen Bekanntwerden des Salmonellen-Falls in Arlon und den Rückrufen im April blieb das italienische Unternehmen jedoch im Ungefähren: Es hieß, "interne Ineffizienzen" hätten dafür gesorgt, "dass es Verzögerungen bei den Rückrufen und beim Informationsaustausch gab". Deshalb seien die Untersuchungen zu dem Fall nicht so schnell und effizient wie nötig durchgeführt worden, hieß es in der Mitteilung.

Seit Wochenbeginn hatte das Unternehmen in etlichen Ländern Produkte seiner Kinder-Süßwarenserie zurückgerufen, nachdem mehrere Salmonellen-Erkrankungen bekannt geworden waren, die in Verbindung mit den Produkten aus der Fabrik in Arlon gebracht wurden. Das Unternehmen hatte zunächst betont, dass es sich bei den Rückrufen um reine Vorsichtsmaßnahmen handle.

"Bevölkerung muss sofort gewarnt werden"

Am Donnerstag teilte Ferrero mit, dass es durch die Zusammenarbeit mit Lebensmittel- und Gesundheitsbehörden in Europa neue Daten erhalten habe, die eine Übereinstimmung zwischen den in Europa gemeldeten Salmonellenfällen und dem eigenen Werk in Arlon zeigten.

Heftige Kritik an dem Unternehmen übte indes die Verbraucherorganisation Foodwatch. "Wenn so ein Fehler passiert, muss die Bevölkerung sofort gewarnt werden", sagte Andreas Winkler von Foodwatch am Freitag. Seiner Ansicht nach sind Eigenverantwortung und Eigenkontrollen der Hersteller nicht ausreichend, notwendig seien "Transparenzpflichten für Behörden, damit Fälle wie Ferrero umgehend öffentlich gemacht werden müssen".

Bereits zuvor hatten die EU-Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA und die EU-Gesundheitsbehörde ECDC Untersuchungen aufgenommen. Die beiden Behörden hatten am Mittwoch von 105 bestätigten Salmonellenfällen und 29 Verdachtsfällen gesprochen, die meisten davon bei Kindern im Alter von unter zehn Jahren. Bestimmte Schokoladenprodukte seien als wahrscheinlicher Infektionsweg identifiziert worden. (apa/dpa)