Diese Temperaturen lassen niemanden kalt: Über 1.500 Grad sind nötig, um Glas herzustellen. Dabei wird in feuerfesten Wannen ein Gemisch aus Primärrohstoffen und Altglasscherben eingeschmolzen. Die nötige Hitze für die Glasherstellung wird zum Großteil mit Erdgas erzeugt, das sich schon im Vorjahr aufgrund der hohen Nachfrage stark verteuert hat. Der Krieg in der Ukraine hat die Preissituation bei Erdgas noch verschärft, was die Kosten für energieintensive Branchen, zu der auch die Glasindustrie zählt, extrem in die Höhe treibt. Zudem drohen Lieferengpässe oder sogar Ausfälle.

Bei Erdgas lag der Tagespreis im Februar 2021 durchschnittlich bei etwa 17 Euro pro Megawattstunde. Im Februar 2022 waren es durchschnittlich 82 Euro pro MWh, im März 2022 bereits 131 Euro pro MWh, weiß Johann Eggerth, Geschäftsführer der Vetropack Austria GmbH, Österreichs führendem Hersteller von Glasverpackungen. Produziert wird in Pöchlarn (Niederösterreich) und Kremsmünster (Oberösterreich).

Gasrationierungen, wie sie derzeit wegen eines möglichen Lieferstopps durch Russland im Raum stehen, würden auch die Glasindustrie und ihre Kunden treffen. Bei Stufe 3 des staatlichen Notfallplans Gas hätte nämlich die Gasversorgung von Haushalten und kritischer Infrastruktur Vorrang, die Industrie müsste zurückstecken. "Die mit Abstand größten Gasverbraucher der Glasindustrie sind Zulieferer der Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie der Pharmaindustrie. Die Behörden sind darüber informiert, und wir gehen davon aus, dass eine allfällige Rationierung von Gas diesem Umstand Rechnung trägt und die Produktion in diesen Bereichen solang irgend möglich aufrecht erhalten bleibt", sagt Eggerth in seiner Eigenschaft als Obmann des Fachverbands der Glasindustrie in der Wirtschaftskammer Österreich.

Eggerth vertritt 50 heimische Unternehmen, die in der industriellen Glaserzeugung beziehungsweise Glasveredelung tätig sind und insgesamt rund 7.200 Mitarbeiter beschäftigen. 2020 ging der Produktionswert der Branche um rund 20 Prozent auf 1,035 Milliarden Euro zurück. Mengenmäßig gab es ein Minus von 4,82 Prozent auf 524.033 Tonnen. Den größten Anteil machte mit 429.219 Tonnen (minus 3,6 Prozent) Verpackungsglas aus.

Warnung vor irreversiblen Anlageschäden

In keinem anderen Land in Europa gibt es so viele Glas produzierende Unternehmen wie in Deutschland. 2020 zählte die Branche 388 Betriebe mit rund 54.000 Beschäftigten. Der Bundesverband Glas, der den Großteil dieser Unternehmen vertritt, betont, dass eine Komplettabschaltung der Erdgasversorgung unmöglich sei. Das würde nicht nur zu einem Produktionsausfall, sondern auch zu irreversiblen Anlageschäden führen, deren Wiederaufbau Monate oder Jahre dauern würde. Das könnte zu Engpässen bei der Versorgung mit Glas führen und Lieferketten in vielen anderen Bereichen gefährden, etwa in der Lebensmittel-, Getränke-, Pharma- sowie der Automobil- oder Bauindustrie.

"Es ist ein Dilemma", sagte Axel Drösser, Chef des deutschen Glasherstellers Ritzenhoff, in einem Interview mit dem TV-Sender WDR. Es herrsche tiefe Betroffenheit angesichts des Kriegs in der Ukraine, aber auch große Sorge um das Überleben des Unternehmens. Ritzenhoff brauche für die Glasproduktion im Jahr 110 Millionen Kubikmeter Erdgas, das entspreche der Leitung von 10.000 Haushalten. "Wir können Gas nicht kurzfristig ersetzen", betonte er.

Ein Glasofen sei 365 Tage im Jahr rund um die Uhr im Betrieb. Würde das Gas abgestellt, würden die Öfen ausgehen und die Rohglasmasse in den Öfen aushärten. Der Glasofen wäre dann irreversibel zerstört. Deshalb kämpft das Unternehmen darum, dass ihm der Gashahn nicht zugedreht wird. Rückhalt gibt es vom Betriebsrat und den Gewerkschaften.

Nachfragerückgang
durch Corona

Die Vetropack Austria GmbH zählt zahlreiche namhafte Unternehmen aus dem Lebensmittel- und Getränkebereich zu ihren Kunden, darunter Mineralwasserabfüller Vöslauer und Milchverarbeiter Berglandmilch. Die Nachfrage nach Glasverpackungen auf dem europäischen Markt sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, dann kam Corona. "In normalen Zeiten werden rund 20 bis 30 Prozent der Glasverpackungen von Restaurants und Bars an Endkunden verkauft. Die pandemiebedingten Lockdowns und die damit verbundene Schließung der Lokale führten daher zu einem zeitlich begrenzten, aber starken Rückgang dieser Nachfrage", so Eggerth.

Der Einbruch im Tourismus in einigen Ländern habe sich ebenfalls negativ auf den Absatz im Gastgewerbe ausgewirkt. "Gleichzeitig wurde die Nachfrage nach glasverpackten Produkten durch den Heimkonsum positiv beeinflusst", sagt er. Im Zuge der teilweisen Lockerungen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie habe sich diese Entwicklung ab dem ersten Quartal 2021 wieder leicht abgeschwächt. Allerdings habe die vielerorts ab dem dritten Quartal 2021 geltende Covid-19-Zertifikatspflicht, aber auch die anhaltende Beliebtheit des Home-Office das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten und insbesondere die Außer-Haus-Verpflegung spürbar beeinträchtigt.

Die Vetropack-Gruppe setzte 2019 noch 5,16 Milliarden Stück Glasverpackungen ab, 2020 waren es nur 4,86 Milliarden. 2021 stieg der Absatz wieder auf 5,88 Milliarden Stück. Die Nettoerlöse des Unternehmens, die von 2019 auf 2020 um rund 7 Prozent auf 662,6 Millionen Schweizer Franken (umgerechnet 651,61 Millionen Euro) gesunken waren, stiegen im Vorjahr auf 816,5 Millionen Franken (804 Millionen Euro).

Der Rohstoff Altglas hat in der Glasherstellung bei Vetropack einen Anteil von durchschnittlich 70 Prozent. Die Vorteile liegen auf der Hand: "Aus einem Kilogramm Altglas wird ein Kilogramm Neuglas - unendlich oft", betont Eggerth. Glas sei daher Vorreiter der Kreislaufwirtschaft. Die Österreicherinnen und Österreicher sammeln fleißig: Die Recyclingquoten liegen mittlerweile bei über 80 Prozent.

Die restlichen 30 Prozent der "Zutaten" in der Glasherstellung sind im Wesentlichen Quarzsand, Soda, Kalk und Dolomit. "Wir beziehen die Primärrohstoffe vorzugsweise von inländischen Herstellern, bevorzugt aus der Region", betont Eggerth. So kommt Quarzsand als einer der Hauptrohstoffe aus Zelking, das nur 10 Kilometer von Pöchlarn entfernt liegt.

Vermehrter Einsatz
von Altglas

Durch den vermehrten Einsatz von Altglas und technologischen Innovationen hat sich die Umweltbilanz der Glasproduktion innerhalb weniger Jahrzehnte enorm verbessert: Die europäische Verpackungsglas-Industrie konnte damit in den vergangenen 25 Jahren die CO2-Emissionen und Abfallbelastung um 70 Prozent zurückschrauben.

In der Produktion macht Wärmeenergie für die Schmelzwannen mehr als 60 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen aus. Altglas lässt sich mit einer deutlich niedrigeren Schmelztemperatur einschmelzen, und es werden weniger Primärrohstoffe benötigt. "Pro 10 Prozent Altglas werden 3 Prozent Energie und 7 Prozent CO2 eingespart", so Eggerth. Vetropack Austria setzt bei Weißglas bis zu 65 Prozent Altglas ein. Bei Braunglas sind es bis zu 75 Prozent, bei Grünglas bis zu 90 Prozent.