Der Rohstoffmix für die Stahlproduktion beim Linzer Stahltechnologiekonzern Voestalpine ist geheim. Doch so viel ist klar: Die für die Hochöfen benötigte Kohle aus Russland oder die Erz-Pellets aus der Ukraine werden nicht geliefert, da musste der Konzern auf andere, teurere, Lieferanten aus Europa und Übersee umschwenken beziehungsweise die Lieferungen umleiten. Auf das Gas aus Russland aber "können wir nicht verzichten", sagte Herbert Eibensteiner, Vorstandschef der Voestalpine AG.

"Ein Gaslieferstopp würde die europäische Industrie massiv schädigen", warnte er am Donnerstag in einer Pressekonferenz und präzisierte: "Die Industrieproduktion wird nicht nur wenige Monate zum Stillstand kommen, so wie einige meinen, sondern viel länger, und das wird extreme Auswirkungen auf den europäischen und österreichischen Arbeitsmarkt haben."

Voestalpine-CEO Herbert Eibensteiner 
- © voestalpine

Voestalpine-CEO Herbert Eibensteiner

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Die Voestalpine deckt ein Viertel ihres Energiebedarfs durch Gas, das für die Stahlerzeugung essenziell ist. Kurz- und mittelfristig sei dieses nicht zu ersetzen, längerfristig werde an Lösungen gearbeitet, hieß es seitens des Konzerns. Die hochwertigen Stahlerzeugnisse kommen etwa in der Auto- und Bahnindustrie zum Einsatz.

HBI-Werk verkauft

Während Russlands Krieg in der Ukraine dem heimischen Industrieriesen wohl noch Sorgen bereiten wird, schloss das Unternehmen ein sorgenreiches Kapitel diese Woche jedoch ab: Die Voestalpine verkaufte 80 Prozent an ihrem Roheisenwerk in Texas um 610 Millionen Euro an den europäisch-indischen Stahlriesen ArcelorMittal. Bei dem Werk im US-amerikanischen Corpus Christi handelt es sich um eine Direktreduktionsanlage zur Erzeugung von Eisenschwamm (Hot Briquetted Iron, HBI), einem Vorprodukt in der Stahlerzeugung. Damit werde die Nettofinanzverschuldung des Voestalpine-Konzerns verringert, hieß es am Donnerstag.

20 Prozent behält die Voestalpine jedoch auch, um weiterhin Eisenpellets beziehen zu können. 420.000 Tonnen des insgesamt erzeugten Roheisens von zwei Millionen Tonnen benötigt die Voestalpine in der Stahlerzeugung in Linz und Donawitz jährlich. Den Rest musste man in der Vergangenheit mit Schwierigkeiten am Spot-Markt verkaufen. Dieses Risiko ist man nun los.

Schlechte Vorzeichen in Texas

Die Investition in Texas war von Rückschlägen geprägt: angefangen bei den höheren Errichtungskosten als ursprünglich geplant, über Stürme und Überschwemmungen, bis hin zu Zusatzkosten aufgrund von behördlichen Umweltauflagen. So verschlang etwa der Bau der Anlage, die 2016 in Betrieb gegangen war, mit rund einer Milliarde US-Dollar fast das Doppelte der ursprünglich geplanten 550 Millionen Dollar. Die außerplanmäßigen Abschreibungen in den Jahren 2019 und 2020 betrugen laut Voestalpine-Chef Eibensteiner 372 Millionen Euro.

Unabhängig vom Deal mit ArcelorMittal verbessert sich laut Eibensteiner der Ausblick auf das Geschäftsjahr 2021/22 (per Ende März) von einem Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von bisher 2,2 Milliarden Euro auf etwas unter 2,3 Milliarden Euro.

"Greentec steel"

Der Deal bringe den Konzern dem Ziel näher, die De-Karbonisierung der Stahlproduktion voranzutreiben und die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen. Unter dem Stichwort "greentec steel" habe man einen Stufenplan entwickelt, der unter anderem vorsieht, dass jeweils ein Hochofen in Linz und Donawitz durch einen Elektrolichtbogenofen ersetzt werde, so Eibensteiner. Das bewirke eine CO2-Reduktion von 30 Prozent, was einer Einsparung von drei bis vier Millionen Tonnen CO2 pro Jahr entspreche. Anfang 2027 könne dieses Projekt, das etwa eine Milliarde Euro kosten würde, in Betrieb gehen.

Nach 2030 werde die Voestalpine mehr grünen Wasserstoff zur CO2-Reduktion in der Stahlproduktion einsetzen. In der eigenen Wasserstoff-Anlage in Linz werde das bereits getestet.