Seit Monaten schreitet die Teuerung in der Eurozone hurtig voran. Im März erreichte sie mit 7,5 Prozent den höchsten Stand seit der Einführung des Euro als Verrechnungswährung (1999). Dennoch wartet die Europäische Zentralbank (EZB) weiterhin damit zu, das Zinskarussell in Bewegung zu bringen. Wie die Notenbank am Donnerstag im Anschluss an die Ratssitzung verkündete, bleibt der Leitzins unverändert. Der geldpolitische Schlüsselsatz liegt damit nun schon seit rund sechs Jahren auf dem Rekordtief von null Prozent.

Die Tür für eine Zinserhöhung hält der EZB-Rat aber weiterhin offen. Bei Bedarf würde das unter Führung von Christine Lagarde stehende Gremium demnach "alle seine Instrumente" anpassen. Damit wollen die Währungshüter sicherstellen, dass sich die Inflation im Euroraum mittelfristig bei ihrem Zielwert von 2,0 Prozent stabilisiert. Hoffungen, dass sie jetzt angesichts der rasant steigenden Verbraucherpreise ein rascheres Vorgehen ins Auge fassen, weckten sie allerdings keine.

Ein Ende der milliardenschweren Anleihenkäufe, die als Voraussetzung für eine Zinswende gelten, ist unterdessen absehbar. So soll das APP-Programm wie schon bisher kommuniziert im dritten Quartal auslaufen - wann genau, ist freilich nach wie vor offen. Zudem ist die geplante Beendigung an die Bedingung geknüpft, dass sich der Inflationsausblick nicht eintrübt.

Krieg erhöht Abwärtsrisiken

Nach den Worten der EZB-Präsidentin Chefin Christine Lagarde wird die Europäische Zentralbank erst "einige Zeit" nach dem ihrer Anleihenkäufe die Zinsen anheben. Die EZB halte an der anvisierten Reihenfolge fest, sagte sie vor Journalisten. "Die Reihenfolge, auf die wir uns geeinigt haben, ist: zuerst die Netto-Anleihenkäufe abschließen und einige Zeit danach über die Zinserhöhung und nachfolgende Zinserhöhungen entscheiden." Wobei "einige Zeit danach" alles zwischen einer Woche und bis zu mehreren Monaten sein kann", wie die französische Notenbankerin in ihrer Pressekonferenz erklärte.

Letztmalig hatte die EZB die Leitzinsen im Jahr 2011 angehoben, seitdem kannten diese im Euroraum nur eine Richtung: nach unten. Doch zuletzt waren jene Stimmen in der Europäischen Zentralbank immer lauter geworden, die angesichts des jüngsten Inflationsschubs von einer baldigen Zinserhöhung ausgehen. So hatte etwa EZB-Ratsmitglied Robert Holzmann, Chef der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), eine Zinsanhebung schon im Spätsommer für möglich gehalten.

Was der EZB derzeit gewisse Sorgen bereitet und sie beim Einleiten einer Zinswende vorerst noch zögern lässt, ist Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Laut Lagarde macht dieser militärische Konflikt der Wirtschaft der Eurozone schwer zu schaffen. "Der Krieg belastet bereits jetzt die Zuversicht von Unternehmen und Verbrauchern, auch durch die Unsicherheit, die er mit sich bringt", sagte Lagarde. Handelsunterbrechungen führten zu neuen Materialengpässen, gleichzeitig drückten steigende Energie- und Rohstoffpreise die Nachfrage und hemmten die Produktion. "Die Abwärtsrisiken für die Wachstumsaussichten haben infolge des Krieges in der Ukraine erheblich zugenommen", betonte die EZB-Chefin.

Fed ist einen Schritt voraus

Dass die jüngste Zinssitzung der EZB kaum Neues gebracht hat, überrascht die Wiener Analystin Monika Rosen keineswegs. Sie sieht die Euro-Währungshüter in einem Dilemma. "Die Bank of England und die US-Notenbank sind der EZB zwar einen Schritt voraus (in Großbritannien und den USA ist die Zinswende bereits eingeleitet, Anm.)", sagt die Finanzmarktexpertin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG). "Aber die EZB muss die Inflation glaubhaft bekämpfen und gleichzeitig sicherstellen, dass hoch verschuldete Länder wie etwa Italien ihre Anleihen weiter platzieren können." Aus der Sicht von Rosen sind die Notenbanker in Frankfurt derzeit offenbar dabei, "einen Krisenmechanismus zu entwickeln - für den Fall, dass die Renditen (bei den Bonds von Eurostaaten, Anm.) stark steigen".

Rosen selbst will keine eigene Prognose stellen, wann und wie oft die EZB heuer an der Zinsschraube drehen wird. Sie verweist auf den Markt: "Der preist zwei Zinsanhebungen bis Jahresende 2022 ein - die erste im September."

"Dieses Abwarten ist riskant"

Für Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Frankfurter Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe, ist der zinspolitische Fahrplan der Europäischen Zentralbank weiterhin unbestimmt. "Die EZB hält aber daran fest, dass Leitzinsen frühestens ‚einige Zeit‘ nach den beendeten Nettokäufen erfolgen." Nachsatz: "Wahrscheinlich sind das drei bis vier Monate."

Dass sich die EZB mit einer Zinserhöhung nach wie vor zurückhält, sieht Jörg Krämer, Chefökonom der deutschen Commerzbank, kritisch: "Dieses Abwarten ist riskant. Je länger die EZB an ihrer sehr lockeren Geldpolitik festhält, desto mehr steigen die Inflationserwartungen der Menschen und setzt sich die sehr hohe Inflation dauerhaft fest." Krämers Einschätzung zufolge sollte die EZB ihren Leitzins "zügig in Richtung auf ein zumindest neutrales Niveau anheben, das bei rund zweieinhalb Prozent liegen dürfte".

Indes lässt Friedrich Heinemann, Ökonom des deutschen ZEW-Instituts, die Behauptung der EZB, sie stecke in einem Dilemma, weil sie mit einer hohen Inflation und einer kriegsbedingten Rezessionsgefahr gleichzeitig konfrontiert sei, nicht gelten. Aus seiner Sicht muss die Preisstabilität das vorrangige Ziel sein. "Das angebliche Dilemma existiert nicht, wenn die EZB ihren Auftrag ernst nimmt", sagt Heinemann.