Erdgas hat eine höchst praktische Eigenschaft. Wenn man es unter Druck setzt und auf minus 162 Grad Celsius herunterkühlt, wird es flüssig und braucht weniger Platz. Das Volumen ist dann circa 600 mal kleiner als im Normalzustand. Das Flüssiggas - auf Englisch "liquefied natural gas" oder einfach "LNG" - kann so leichter transportiert werden, gerade über große Distanzen. Einmal angekommen, verwandeln es spezielle Anlagen wieder zurück in Gas und leiten es in herkömmliche Pipelines.

Es sind monströse Schiffe, die das LNG quer über die Ozeane transportieren und vor allem in Asien maßgeblich zur Energieversorgung beitragen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sind die Tanker aber auch vor Europas Küsten häufiger anzutreffen, angelockt von hohen Energiepreisen. Dass viele europäische Länder die Abhängigkeit von russischem Gas reduzieren - oder sogar beenden - wollen, könnte den Bedarf an LNG in ungeahnte Höhen treiben. Liefern würden es Länder wie die USA oder Katar, die große Mengen exportieren.

Kein sicherer Ausweg

Auch Österreich, das zu 80 Prozent von russischem Gas abhängig ist, stellt sich für mehr Flüssiggas an. Anfang März reiste Bundeskanzler Karl Nehammer mit zwei Ministerinnen in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Katar, um über LNG zu reden. Die teilstaatliche OMV hat bereits seit 15 Jahren einen Vertrag mit einem LNG-Terminal in Rotterdam, der es dem heimischen Energiekonzern erlaubt, erhebliche Mengen Flüssiggas zu verarbeiten. Und trotzdem würden wohl auch große Anstrengungen nicht reichen, um einen Totalausfall von russischem Gas auszugleichen.

"Selbst, wenn man alle LNG-Kapazitäten mobilisieren würde, gäbe es immer noch erhebliche Lücken. Ein Totalausfall von Gas aus Russland könnte kurzfristig nicht durch alternative Routen kompensiert werden", sagt Michael Schmöltzer, Niederlassungsleiter bei Uniper Energy Storage Austria, einer Tochter des deutschen Energiekonzerns Uniper. Zwar sei Flüssiggas die wichtigste alternative Quelle, der Zugang in Zentral- und Osteuropa sei aber sehr begrenzt, weil sich die Infrastruktur dafür vor allem auf Spanien, Frankreich und Italien konzentriere, so Schmöltzer. Auch wenn die Terminals im vergangenen Jahr EU-weit nicht einmal zur Hälfte ausgelastet gewesen seien, müsse LNG mit Schiffen transportiert werden, was je nach Meerzugang große regionale Unterschiede in Europa zur Folge habe.

Außerdem würden Transportengpässe zwischen Spanien und Frankreich im Weg stehen. "Das LNG kommt nicht so leicht zu uns", sagt Schmöltzer, der zwischen 2002 und 2013 den Gasbereich beim österreichischen Energiemarkt-Regulator E-Control geleitet hat.

Deutschland außen vor

In der EU gibt es etwa 24 große Terminals für den Import von LNG, die sich vor allem an den Küsten im Nordwesten und Südwesten gruppieren. Die Einfuhren des Flüssiggases machen in der EU rund 20 Prozent des gesamten Gasimports von Ländern außerhalb der Union aus, wobei Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande und Belgien die größten Abnehmer sind.

Deutschland, das derzeit 55 Prozent seines Gasbedarfs über Russland deckt, verfügt trotz Meerzugang noch über keinen eigenen Terminal, will nun aber rasch aufrüsten. Die Regierung in Berlin stellte kürzlich auch 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung, um vier schwimmende LNG-Terminals anzumieten. Über sie soll schon kommenden Winter Flüssiggas importiert werden. Als Standorte sind Brunsbüttel in Schleswig-Holstein und Wilhelmshaven in Niedersachsen geplant.

So könnte schon bald etwa ein Fünftel der Importe aus Russland mit LNG aus anderen Ländern ersetzt werden - vor dem Hintergrund, dass Deutschland laut der Umweltorganisation Greenpeace heuer die Rekordsumme von 31,8 Milliarden Euro für Energielieferungen an Russland überweisen wird. Österreich hat laut einem Artikel des Industriemagazins letztes Jahr etwa Gas im Wert von insgesamt 4,2 Milliarden Euro importiert.

Auch in Spanien soll die Infrastruktur ausgebaut werden, um mehr Gas in andere Teile Europas leiten zu können. Die dortige Regierung forderte so zuletzt die EU dazu auf, Gelder für die finalen 226 Kilometer einer Pipeline über die Pyrenäen nach Frankreich bereitzustellen, deren Bau im Jahr 2019 eingestellt wurde, weil sie für nicht mehr wirtschaftlich gehalten wurde.

Dünne Röhren vom Mittelmeer

Als Binnenstaat ist Österreich beim Bezug von LNG auf seine Umgebung angewiesen und über die TAG-Pipeline mit einem Terminal in La Spezia in Italien verbunden. Auch Kroatien betreibt auf der Insel Krk ein Terminal, das erst letztes Jahr in Betrieb ging. In beiden Fällen könne aber nur relativ wenig Gas nach Österreich gelangen, weil die mit den Terminals verbundenen Pipelines keine großen Kapazitäten hätten, so Schmöltzer von Uniper.

Dass es heute aber grundsätzlich leichter möglich ist, innerhalb von Europa Gas in verschiedene Richtungen zu schicken, sei eine Konsequenz aus dem Winter 2009, als Russland den Gashahn für zwei Wochen zudrehte. Daraufhin sei die Flexibilität im europäischen Gasnetz erhöht worden, um Lieferausfälle abzufedern.

Laut Schmöltzer sei es jetzt durch den Ukraine-Krieg wieder an der Zeit für Anpassungen. Er sehe etwa den Ausbau von LNG-Kapazitäten in Europa und die verbesserte Einbindung in das bestehende Transportnetz, den Ausbau von Gasspeichern und den Umstieg auf grünes Gas und Wasserstoff als Prioritäten, so der Manager. "Hoffentlich ziehen wir aus der jetzigen Krise auch unsere Lehren."