Angesicht rasant steigender Preise setzt die US-Notenbank Fed zum größten Zinssprung seit mehr als 20 Jahren an. Fed-Chef Jerome Powell signalisierte jüngst, dass bei der Sitzung am Mittwoch eine Erhöhung um einen halben Punkt "auf dem Tisch" liege. Dies wäre eine ungewöhnlich große Straffung, wie sie es zuletzt im Mai 2000 gegeben hat. Für die kommenden Monate erwarten die Investoren eine Serie weiterer kräftiger Erhöhungen, mit denen die Fed die Inflation ausbremsen möchte.

Außerdem dürfte die Fed den Abbau ihrer in der Corona-Pandemie durch Anleihenkäufe massiv aufgeblähten Bilanz angehen: "Die hohe Inflation mit zuletzt über 8 Prozent lässt ihr keine Wahl", meint Kapitalmarktexperte Jürgen Callies vom Vermögensverwalter Meag.

Dass die US-Konjunktur zu Jahresbeginn überraschend einen Durchhänger hatte und um 1,4 Prozent schrumpfte, dürfte die Zentralbank in Washington nicht aufhalten. Der Kurs der Fed sei festgezurrt, erklärt Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank: "Die US-Währungshüter haben der Inflation den Kampf angesagt." Nun würden bald "die nächsten beiden Raketenstufen" gezündet. Er spielt damit auf die Schubkraft der von der Fed geplanten Anhebung an, die das Zinsniveau auf einen Schlag um 50 Basispunkte auf das neue Niveau von 0,75 bis 1,00 Prozent katapultieren dürfte. Normalerweise belassen es die Währungshüter bei Erhöhungsstufen um 25 Basispunkte.

Teuerungsrate bei 8,5 Prozent

Der für die Geldpolitik zuständige Offenmarktausschuss (FOMC) reagiert mit der bereits Mitte März eingeleiteten Zinswende auf die rasant steigenden Preise im Land. Die US-Teuerungsrate hat im März mit 8,5 Prozent den höchsten Stand seit über 40 Jahren erreicht, was die Kaufkraft der Verbraucher schmälert. Die Fed steht daher unter Zugzwang, die Zügel weiter kräftig anzuziehen. Experten erwarten mit Spannung, was Powell nach dem Zinsentscheid zum geldpolitischen Kurs zu sagen hat: "Da bis zur letzten Fed-Sitzung in diesem Jahr nur noch etwas mehr als sieben Monate verbleiben, sind wir auf jeden Hinweis gespannt, wohin sich der FOMC bis Ende des Jahres orientieren wird", sagt Ellen Gaske, leitende Volkswirtin beim Vermögensverwalter PGIM.

Sie verweist darauf, dass für den Markt eine Anhebung des Leitzinses um 50 Basispunkte am Mittwoch bereits ausgemachte Sache sei. In den Kursen vorweggenommen seien zudem zwei weitere Anhebungen um 50 Basispunkte auf den Sitzungen im Juni und Juli. Die entscheidende Frage sei letztlich, wie schnell die Fed den Leitzins auf ein "neutrales Niveau" anheben werde. Damit ist jene Zins-Zone gemeint, mit der die Notenbank die Konjunktur weder stimuliert noch bremst.

Investoren spekulieren darauf, dass Ende des Jahres ein Zinsniveau von 3,0 bis 3,25 Prozent erreicht sein könnte. Der US-Währungshüter James Bullard hat gar 3,5 Prozent ins Spiel gebracht. Er wähnt die Notenbank auch nach vollzogener Zinswende "hinter der Kurve". Fed-Chef Powell ließ bei seinem viel beachteten Auftritt auf der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) allerdings keinen Zweifel an der Tatkraft der Währungshüter: "Wir sind wirklich entschlossen, unsere Instrumente einzusetzen, um die Inflation zurückzudrängen."

Bilanz wird eingedampft

Flankiert wird der an der Zinsfront geführte Kampf gegen die Inflation von dem geplanten Manöver zum Eindampfen der auf fast neun Billionen Dollar angewachsenen Bilanz: "Um die Straffung zu unterstützen, dürfte die Fed beschließen, das Anleiheportfolio – das man bis in den März noch aufgestockt hat – bereits kurzfristig deutlich abzubauen", sagt Helaba-Ökonom Patrick Franke voraus.

Notenbankchef Powell hat signalisiert, dass schon im Mai mit dem Abschmelzen begonnen werden könne. Auf der Sitzung im März wurde auch ein konkreter Fahrplan durchgespielt: Demnach könnten die Staatsanleihenbestände zunächst um monatlich 60 Milliarden Dollar und zugleich der Bestand an Hypothekenpapieren (MBS) um 35 Milliarden Dollar verringert werden. "Die Fed wird also Liquidität im Umfang von rund 90 Milliarden US-Dollar monatlich einsammeln. Sie würde erst dann ihren Kurs ändern, wenn der private Konsum stärker unter die Räder kommen würde", prophezeit VP-Chefökonom Gitzel. (apa)