Der russische Versorger Inter RAO hat laut dem finnischen Netzbetreiber Fingrid seit 1 Uhr Nacht (Ortszeit) seine Stromlieferungen nach Finnland bis auf weiteres eingestellt. Grund sei, dass über die Energiebörse Nord Pool seit dem 6. Mai keine Zahlungen bei der russischen Firma eingegangen seien, teilt Fingrid unter Verweis auf eine Erklärung von Inter RAO mit. Fingrid sei nicht für die Zahlungen zuständig, so der Netzbetreiber. Die Stromversorgung in Finnland sei nicht gefährdet. Nord Pool lehnte eine Stellungnahme ab. 

Nicht nur aufgrund dieser jüngsten Entwicklung hat Finnlands Sauli Niinistö diesen Samstag das Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gesucht. Niinistö erklärte, er habe am Samstag ein "direktes und aufrichtiges" Telefongespräch mit Putin geführt. "Es wurde als wichtig erachtet, Spannungen zu vermeiden", ergänzte Niinistö. Er betonte, der Anruf sei von Finnland ausgegangen. Sein Land wolle sich "der praktischen Fragen, die sich aus der Nachbarschaft zu Russland ergeben, korrekt und professionell annehmen". Er habe Putin zudem mitgeteilt, "wie grundlegend Russlands Forderungen von Ende 2021 mit dem Ziel, Staaten vom Beitritt zur Nato abzuhalten, sowie Russlands massive Invasion der Ukraine im Februar 2022 Finnlands Sicherheitsumfeld verändert haben".

Der Kreml teilte nach dem Telefongespräch mit, Putin habe gegenüber Niinistö "unterstrichen, dass das Ende der traditionellen Politik militärischer Neutralität ein Fehler wäre, da keine Bedrohung für die Sicherheit Finnlands besteht". Niinistö und Regierungschefin Sanna Marin hatten am Donnerstag erklärt, Finnland wolle angesichts des russischen Militäreinsatzes in der Ukraine "unverzüglich" einen Antrag auf den Beitritt zur Nato stellen. Nach Jahrzehnten der militärischen Bündnisneutralität ist dies für Helsinki ein grundsätzlicher verteidigungspolitischer Richtungswechsel.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hatte nach der Ankündigung gesagt, Russland würde eine finnische Mitgliedschaft in dem westlichen Militärbündnis "definitiv" als Bedrohung ansehen. Das russische Außenministerium erklärte, Moskau sehe sich gezwungen, darauf "militärtechnisch und auf andere Weise" zu reagieren. In der Nacht zum Samstag stoppte Russland nach vorheriger Ankündigung seine Stromlieferungen nach Finnland.

In der Vergangenheit spielten in Finnland Stromimporte aus Russland eine wichtige Rolle. Im Jahr 2021 wurden fast 9 Terawattstunden aus dem östlichen Nachbarland eingeführt. Neben den anderen nordischen Volkswirtschaften war Russland damit der wichtigste Stromlieferant für Finnland. Das dürfte nun allerdings der Vergangenheit angehören. Mitte März 2022 hat Finnlands fünfter Atomreaktor Olkiluoto 3 mit der Stromproduktion begonnen. Ursprünglich sollte der Reaktor bereits 2009 fertiggestellt werden.

In der Testphase wird der neue Reaktor die russischen Stromimporte zumindest zur Hälfte kompensieren können. Bei voller Auslastung soll der neue Reaktor nach Einschätzung von Experten in der Lage sein, den aus Russland importierten Strom in Gänze zu ersetzen. Laut finnischer Wirtschaftszeitung Kauppalehti wird Olkiluoto 3 die Stromimporte aus Russland spätestens ab Juli 2022 vollständig ersetzen können. (apa/afp)