Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, erwartet im Kampf gegen die hohe Inflation gleich mehrere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in diesem Jahr. In der Juni-Sitzung der EZB müsse ein deutliches Signal gegeben werden, wohin die Reise gehe, sagte Nagel dem "Spiegel" in einem am Freitag veröffentlichten Interview. "Aus meiner heutigen Sicht müssen wir dann im Juli einen ersten Zinsschritt machen und weitere in der zweiten Jahreshälfte folgen lassen."

Nagel sagte zudem, die Inflation werde "nicht über Nacht" wieder sinken. "Das kann noch etwas dauern." Es komme darauf an, dass die längerfristigen Inflationserwartungen gut verankert sind. Nagel hatte bereits wiederholt ein schnelles Handeln der EZB gefordert, damit die Inflationserwartungen nicht aus dem Ruder laufen. Die Inflation im Euroraum lag zuletzt auf dem Rekordhoch von 7,4 Prozent. Sie ist damit inzwischen mehr als dreimal so hoch wie die Zielmarke der EZB. Die Währungshüter steuern zwei Prozent Teuerung als Optimalwert für die Wirtschaft an.

Gefahr für Italien?

Die Gefahr, dass Länder wie Italien angesichts hoher Schuldenstände und steigender Leitzinsen in Bedrängnis geraten könnten, sieht Nagel nicht. "Es stimmt, dass sich Italiens Schuldenquote während der Pandemie noch mal erhöht hat. Aber die Risikoaufschläge italienischer Staatsanleihen sind weiterhin nicht außerordentlich hoch." Die EZB dürfe nicht einzelnen Ländern mit verdeckten, gezielten Käufen von Staatsanleihen zur Seite springen, um deren Zinsen zu drücken und den Regierungen die Aufnahme neuer Schulden zu erleichtern. "Die Staatsfinanzen in Italien, Deutschland oder einem anderen Land dürfen für die europäische Geldpolitik nicht maßgebend sein."

Die deutsche Wirtschaft steht aus Nagels Sicht nicht so schlecht da. "Wir haben vor dem Krieg für 2022 mit mehr als vier Prozent Wachstum gerechnet", sagt er. Jetzt könne sich das etwa halbieren. "Mit einem Wachstum von etwa zwei Prozent sieht es dann immer noch ganz ordentlich aus." Das Szenario einer Stagflation, einer Mischung aus Konjunkturflaute und starker Inflation, hält er derzeit nicht für wahrscheinlich. "Die Lage ist weiterhin robust", sagte er. (reuters)