Ein kurzfristiger Stopp russischer Gaslieferungen würde einer Studie zufolge im zweiten Halbjahr 12,7 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung kosten. Besonders stark betroffen wären Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, sagte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt, am Dienstag zu der Studie, die das Forschungsinstitut Prognos im Auftrag der vbw erstellt hat.

Auch die Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel- und Textilbranche dürften einen Gas-Lieferstopp unmittelbar zu spüren bekommen.

Dazu kämen indirekte Effekte, sollten die russischen Gaslieferungen am 1. Juli eingestellt werden. "Die Erdgas-Engpässe bewirken Dominoeffekte", sagte Brossardt. "Diese treffen die gesamte Wertschöpfungskette empfindlich."

Arbeitslosigkeit kaum zu vermeiden

Die Störungen in den Lieferketten hätten branchenübergreifend etwa die dreifache Auswirkung im Vergleich zu den direkten Folgen. "In Summe droht damit ein Wertschöpfungsverlust in der zweiten Jahreshälfte von 193 Milliarden Euro." Sollte die Mangellage länger anhalten, sei auch eine Zunahme der Arbeitslosigkeit kaum zu vermeiden.

Die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas sei unterschätzt worden, sagte Prognos-Chefvolkswirt Michael Böhmer. Rund die Hälfte des Erdgases werde von geschützten Kunden verbraucht - dazu zählen Verbraucher, Krankenhäuser oder soziale Einrichtungen. Dieser Bedarf könne zu 93 Prozent gedeckt werden. Nicht-geschützte Kunden, zu denen die Industrie zähle, erhielten dagegen weniger als die Hälfte des benötigten Gases.

Besonders kritisch werde der Oktober, sagte Böhmer: Hier sei die Deckungslücke besonders groß. In dem Monat beginnt üblicherweise die Heizperiode, in der der Bedarf ansteigt. Zugleich werde aber noch nicht auf Gas aus den Gasspeichern zugegriffen.

Wahrscheinlichkeit für Gasausfall gesunken

Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke mit Erdgas im Fall eines russischen Lieferstopps in Richtung Deutschland nach einer Studie führender Wirtschaftsforscher deutlich geringer als noch im April. Aber: Es seien trotz inzwischen besser gefüllter Speicher noch nicht alle Risiken für die Gasversorgung der Industrie im Winterhalbjahr gebannt, teilten das Münchner Ifo-Institut, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das Essener RWI und das IWH Halle mit.

Als Gegenmaßnahme empfahlen die Ökonomen am Dienstag unter anderem, "zeitnah die Preissignale bei den Verbrauchern ankommen zu lassen" - also die Preise zu erhöhen, damit weniger Gas verbraucht werde.

Grund für die günstigere Prognose ist, dass die Gasspeicher in Deutschland inzwischen deutlich besser gefüllt sind. Vollkommen sicher ist die Versorgung der Industrie allerdings noch nicht. Bei einem sofortigen Lieferstopp ergäbe sich noch mit 20 Prozent Wahrscheinlichkeit eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh) mit Wertschöpfungsverlusten von 46 Milliarden Euro für die Wirtschaft. Im negativsten Szenario wären es sogar fast 160 TWh und 283 Milliarden Euro. Bleibe es dagegen bei einer - wie aktuell - auf 40 Prozent gedrosselten Gaslieferung durch Russland, drohe auch bei ungünstigen Konstellationen kein Engpass.

Prämien für Gassparen, wie sie zuletzt diskutiert wurden, lehnen die Wirtschaftsforscher ab. Höhere Preise lieferten bereits einen starken Anreiz zum Energiesparen. Stattdessen sollten bedürftige Haushalte gezielt unterstützt werden.

G7 beraten über Preisdeckel

Indes haben sich die G7-Staaten darauf geeinigt, mögliche Preisobergrenzen für russisches Öl und Gas zu prüfen. Das geht aus der Abschlusserklärung des Gipfels der Staats-und Regierungschefs der wichtigsten westlichen Industriestaaten hervor, die die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag einsehen konnte. Eine solche Preisobergrenze soll die Möglichkeiten der russischen Regierung zur Finanzierung ihrer Invasion in der Ukraine einschränken. Die US-Regierung hatte am Montag angekündigt, man werde sich auf eine solche Prüfung einigen. Allerdings lässt sich eine Preisobergrenze nur in Zusammenarbeit mit großen Öl-Importländer wie China oder Indien durchsetzen.

Beide Länder hatten ihre Importe aus Russland nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar sogar noch erhöht. Die Formulierung in der G7-Erklärung zielt deshalb auf die Zusammenarbeit mit anderen Staaten. Die EU werde mit internationalen Partnern Möglichkeiten zur Senkung der Energiepreise prüfen, einschließlich der Möglichkeit, vorübergehende Preisobergrenzen für Importe einzuführen, heißt es in der Erklärung. Ein G7-Vertreter sagte, dies gelte sowohl für Öl als auch für Gas. Die USA kaufen bereits kein russisches Öl mehr, die EU steigt bis Ende des Jahres aus. (apa/reu/dpa)