Die EU-Umweltminister haben sich wider Erwarten in der Nacht auf Mittwoch doch noch geeinigt: Das Verkaufsende für neu erzeugte Verbrennermotoren bis 2035 steht. So einfach, wie es scheint, sieht es bei den Details des Beschlusses jedoch nicht aus.

Denn um alle in ein Boot zu holen - im Vorfeld hatten Länder wie Italien einen Aufschub des Termins gefordert -, hat man sich bei E-Fuels und synthetischen Kraftstoffen ein Hintertürchen offengelassen. Beschlossen wurde nur, dass Neuwagen ab 2035 "emissionsfrei" fahren sollen.

Das wäre allerdings auch mit E-Fuels oder synthetischem Sprit möglich. Diese alternativen Treibstoffe sind jedoch nicht automatisch umweltfreundlich. Studien hatten zuletzt dargelegt, dass die Herstellung von E-Fuels sehr stromintensiv ist: Um einen Liter E-Fuel herzustellen, braucht es 16 bis 27 Kilowattstunden (kWh) Strom. Und nur wenn dieser Strom auch aus "grünen" Quellen kommt, wäre der Kraftstoff tatsächlich klimaneutral. Nachhaltige Stromerzeugung ist derzeit allerdings Mangelware.

Kaum Emissionsersparnis

Zudem sorgen Autos, die mit synthetischen Kraftstoffen oder E-Fuels betrieben werden, während ihrer gesamten Lebensdauer im Vergleich zu herkömmlichen Benzin- oder Dieselfahrzeugen nur für minimale Einsparungen an CO2-Emissionen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die von der Expertenrunde "Transport and Environment" (T&E) vergangene Woche erst veröffentlicht wurde.

In der Studie wurden die Emissionen eines kompletten Lebenszyklus von Autos berechnet, die im Jahr 2030 gekauft werden, inklusive Herstellung und Betrieb. Demnach würde ein Fahrzeug, das mit einer Mischung aus E-Fuels und Benzin angetrieben wird, seine Emissionen im Vergleich zu konventionellen Kraftstoffen nur um fünf Prozent reduzieren.

Ein Elektrofahrzeug wäre um 53 Prozent sauberer als ein Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen. Dies sei vor allem auf Verluste in der E-Fuel-Herstellung und den ineffizienten Verbrennungsmotor zurückzuführen, konstatiert die Studie.

"Fauler Kompromiss"

"Das geplante Schlupfloch für E-Fuels wäre aus Energiesicht kontraproduktiv und ein "fauler Kompromiss", heißt es am Mittwoch vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) via Aussendung. Die Herstellung von E-Fuels verschlinge viel Energie und sei sehr teuer.

"Der beschlossene Ausstieg aus Benzin und Diesel ist erfreulich, dass dieser für Neuwagen erst ab 2035 kommt, ist aus Klimaschutzsicht zu spät", so VCÖ-Expertin Lina Mosshammer, sie ergänzt: "Während ein Pkw mit E-Fuels mit 100 kWh Primärenergie nur von Wien nach St. Pölten kommt, kommt ein batterieelektrischer Pkw mit 100 kWh Primärenergie von Wien bis nach Salzburg."

Greenpeace Österreich sprach zwar von einem "wichtigen Signal", aber das Ausstiegsdatum sei zu spät, um das 1,5-Grad-Ziel im Verkehr zu erreichen. "Das Luftschloss E-Fuels, das auf den letzten Verhandlungsmetern von fossilen Lobbys eingeschleust wurde, bremst zudem den anstehenden Umbau der Autoindustrie", so Greenpeace-Verkehrsexpertin Klara Maria Schenk am Mittwoch in einer Aussendung.

Gerade die Autoindustrie hat jedoch die Elektromobilität bereits vorbereitet und eingepreist. Immerhin braucht eine solche Technologieumstellung jahrelange Vorarbeiten und milliardenschwere Investitionen. Branchengrößen reagierten daher im Vorfeld schon recht gelassen auf ein mögliches Verbrenner-Aus.

"Es kann kommen - wir sind am besten vorbereitet", meinte etwa Volkswagen-Chef Herbert Diess. Der deutsche Verband der Automobilindustrie erklärte allerdings, eine flächendeckende europaweite Ladeinfrastruktur sei eine zwingende Voraussetzung für E-Mobilität.

Zwischen "Technologieoffenheit" und einem raschen Umstieg auf E-Mobilität, rangen EU-Politiker zuletzt um eine gemeinsame Linie. Nun soll jedenfalls zunächst einmal die EU-Kommission prüfen, ob es Ausnahmen für Verbrenner geben könnte, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden. Und die Verhandlungen mit dem EU-Parlament, das ein "echtes" Verbrenner-Aus will, beginnen erst. Da dürften sich die Weichen im zweiten Halbjahr 2022 stellen. (mojo)