Saftige Äpfel, fleischige Orangen, süße Trauben: Panagiotis Kostouros (53) groß gewachsen, kräftige Hände, bringt seine frische Ernte Woche für Woche von seinen Feldern in der Nähe von Korinth auf den Markt im Athener Vorort Vrilissia. Schon seit 30 Jahren tut er dies, auch an diesem heißen Freitagmittag im Juli steht er an seinem reichlich bestückten Stand. Trotz der Topqualität seiner Ware, die Preise kann er für seine vielen Stammkunden niedrig halten. Schließlich ist er Bauer und Verkäufer in einer Person. 50 Cent das Kilo Äpfel, 50 Cent die gleiche Menge Orangen.

"Wie laufen die Geschäfte, Panagiotis?" "Wie sollen sie laufen? Die Sache ist so: Heute ist Monatsanfang. Da haben die Leute noch etwas Geld in der Tasche und sie kaufen, wie Du siehst. Ab der Monatsmitte kaufen sie aber immer weniger ein, am Monatsende bleiben sie dann ganz weg", sagt er mit einem eher säuerlichen Lächeln.

Erlebte Realwirtschaft

Den Krisenmodus kennt Kostouros wie alle Griechen seit mehr als einer Dekade nur zu gut. Erst der faktische Staatsbankrott von Griechenland im Frühjahr 2010. Ihm folgte ein langer, rigoroser Sparkurs in Athen. Das bedeutete: Den Euro durfte Hellas zwar behalten, die Löhne, Gehälter und Pensionen sanken aber in der Spitze um bis zu 55 Prozent. So sollte Hellas im Euroraum wettbewerbsfähig werden. Der Fachbegriff für das wilde Kürzen: interne Abwertung.

Die unweigerliche Folge war, dass die Realwirtschaft, die sich in Griechenland, trotz einer Unzahl von Reformen, bis heute zu 80 Prozent auf den Konsum stützt, jäh abstürzte. Davon haben sich Griechenland und die Griechen nie erholt. Heute, zwölf Jahre nach der Beinahe-Staatspleite, beträgt das Durchschnittsgehalt für einen Vollzeitjob 1.227,24 Euro brutto pro Monat (Stand: Februar 2022).

Davon kann ein Drittel der Arbeitnehmer im Privatsektor jedoch nur träumen. Sie haben einen Teilzeitjob. Ihr Verdienst: 451,20 Euro, brutto wohlgemerkt. Den Pensionisten geht es auch nicht viel besser. Sie müssen sich im Schnitt mit 746,02 Euro pro Monat begnügen.

Kaum konnten sich die Hellenen nach der brutalen Bruchlandung eine Verschnaufpause gönnen, brach auch zu Füßen der Akropolis die Corona-Pandemie aus. Die ökonomischen und sozialen Folgen? Verheerend. Nicht enden wollende Lockdowns lassen grüßen. Nun der dritte Schock. Der Krieg in der Ukraine lässt die Energie- und Treibstoffpreise in die Höhe schnellen. Die Inflation erreichte im Juni in Hellas nach ersten Schätzungen 12 Prozent. Die Teuerung ist für das Gros der Griechen unangefochten das Problem Nummer eins. Kein Wunder, denn mit ihren radikal geschrumpften Einkommen bei vergleichsweise hohen und weiter steigenden Preisen verfügen sie über eine Kaufkraft, die in der Europäischen Union nur noch vor jener der Bulgaren liegt.

12 Prozent Inflation im Juni, auch die Preise für frischen Fisch steigen in Griechenland. - © Ferry Batzoglou
12 Prozent Inflation im Juni, auch die Preise für frischen Fisch steigen in Griechenland. - © Ferry Batzoglou

Dabei lief erst kürzlich eine Jubelmeldung über die Ticker. Sie lautete: Griechenland solle "erstmals seit der Schuldenkrise nicht mehr verstärkt von der EU-Kommission überwacht" werden. Man werde die bisherige Regelung im August auslaufen lassen. Denn die Griechen hätten "die meisten verlangten Reformen umgesetzt".

Sein Land sei damit nicht mehr "das schwarze Schaf Europas", frohlockte der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis in fast pathetischer Überhöhung. "Damit schließt sich ein schmerzhafter Kreislauf, der vor zwölf Jahren anfing", so Mitsotakis.

Epizentrum der Eurokrise

Die unmissverständliche Botschaft von Europas Polit-Elite: Griechenland sei "wieder ein ganz normales Euroland" und könne "finanzpolitisch selbstbestimmen". Operation gelungen, Patient lebt, nicht wahr?

Fakt ist: Kein Land erhielt in der Eurokrise mehr und länger Geld von seinen öffentlichen Kreditgebern EU, EZB und IWF, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Exorbitante 288,7 Milliarden Euro an Krediten flossen ab 2010 in Tranchen nach Athen. Davon entfielen 32,1 Milliarden Euro auf besonders teure, weil hochverzinste, IWF-Kredite.

Das ökonomisch sehr viel größere Spanien, der kurz ins Strudeln geratene "keltische Tiger" Irland, Portugal sowie Zypern erhielten zusammen weniger Hilfskredite als Griechenland allein, das ultimative Epizentrum der Eurokrise.

Die selbsternannten Griechenland-Retter sehen sich im Nachhinein bestätigt. Seit August 2018 fließen keine Hilfsgelder mehr nach Hellas. Athen steht seither wieder finanziell auf eigenen Beinen. Damit verloren Griechenlands öffentliche Kreditgeber aber unstrittig ihr direktes Druckmittel, um wie zuvor im Gegenzug den rigiden Sparkurs samt Reformen in Athen durchzupeitschen. So ganz wollten sie der der finanzpolitischen Souveränität, statt der für die Griechen so demütigenden Zwangsverwaltung von außen, jedoch nicht trauen.

"Enhanced Surveillance"

Nach der knallharten Überwachung der bis dahin laufenden Sparprogramme folgte ein weiterer, neuer Kontrollmechanismus: die sogenannte "Enhanced Surveillance" ("verstärkte Überwachung"). Dieses Regime ist zwar weniger einschneidend als die Überwachung während eines Sparprogramms. Im Vergleich zur üblichen multilateralen Überwachung im Rahmen des europäischen Semesters ist es jedoch strenger. Exakt aus diesem Kontrollmechanismus wird Hellas im August entlassen.

Gerne wird in Brüssel betont, Athen habe zuletzt vorzeitig seine IWF-Kredite getilgt, nun könne die "verstärkte Überwachung" enden. Alles gute Nachrichten, wird einem versucht einzubläuen. Wer aber glaubt, das einstige Euro-Sorgenkind par excellence sei damit endlich aus dem Schneider, der irrt gewaltig.

Der Haken: Die Ratingagenturen stufen die Hellas-Bonds immer noch als Ramsch ein. Will heißen: "Hochspekulativ! Finger davon lassen!" Kein Land in der Welt kann sich so in Ruhe Gelder an den internationalen Kapitalmärkten beschaffen.

Würde die EZB nicht griechische Staatsanleihen im großen Stil kaufen, geriete Hellas angesichts ohnehin auf breiter Bond-Front steigender Zinsen erneut in die Bredouille, warnen Experten zudem. Schon jetzt, mit der EZB im Rücken, hat Athen für seinen zehnjährigen Hellas-Bond rund 4 Prozent Zinsen zu berappen.

Teuerung in Hellas: 25 Euro für eine Sonnenliege in einer Beachbar. 
- © Ferry Batzoglou

Teuerung in Hellas: 25 Euro für eine Sonnenliege in einer Beachbar.

- © Ferry Batzoglou

Das ist teuer. Keine andere Staatsanleihe in der Eurozone weist einen so hohen Zins auf. Dabei brauchen die Griechen wieder mehr Geld. Das war so nicht geplant. Eigentlich hätte Griechenland gemäß dem von seinen öffentlichen Kreditgebern angelegten engen Sparkorsett von 2020 bis 2022 primäre Haushaltsüberschüsse (ohne Schuldendienst) in Höhe von jeweils 3,5 Prozent und danach bis 2060 von 2,2 Prozent pro Jahr erzielen müssen, um seine nominal enorme Staatsschuld tragfähig zu gestalten.

Mammut-Staatsdefizite

Doch dann kam Corona. Und die Griechen warfen die hehren finanzpolitischen Vorsätze kurzerhand über Bord. Seit 2020 weist Athen wieder primäre Mammut-Staatsdefizite auf: 7,2 Prozent 2020, 5 Prozent 2021.

Brüssel gab dafür grünes Licht. Die Griechen sollten keine Ausnahme in der Corona-geplagten Eurozone bilden, ihrer enormen Staatsschuld zum Trotz. Die unweigerliche Folge: Griechenlands Schuldenberg wächst weiter. Er ist doppelt so hoch als das jährliche Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Nun droht neues Ungemach. Obgleich der Krieg in der Ukraine auch für Athen finanzpolitisch neue Herausforderungen erzeugt, leisten sich die Griechen ein enorm kostspieliges Wettrüsten mit der Türkei. Dabei ist Ankara Bündnispartner von Athen in der Nato. Geld spielt an dieser Stelle offenbar keine Rolle.

Kaum von den Euro-Partnern in die finanzpolitische Selbstbestimmung entlassen, bestellte die Regierung in Athen unter dem konservativen Premier Kyriakos Mitsotakis - bis zu seinem Amtsbeginn ein erklärter Sparbefürworter - in der vorigen Woche gleich 20 hypermoderne Kampfjets vom Typ F-35 vom US-Hersteller Lockheed Martin. Kostenpunkt: 3,6 Milliarden Euro. Obendrein sicherte sich Athen eine Option auf den Kauf von 20 weiteren F-35. Das würde noch einmal so viel kosten.

Supermacht Hellas

Hellas’ Verteidigungsausgaben haben bereits fast 4 Prozent gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung erreicht. Pikanterweise liegt ausgerechnet das ökonomisch schwache Griechenland damit sogar noch vor der Supermacht USA!

Doch statt den Griechen weiter genau auf die Finger zu schauen, um neue ökonomische Verwerfungen am Peloponnes im Keim zu ersticken, werden sie über den grünen Klee gelobt, ganz so als wolle man in Brüssel eine maximale Normalität in der Causa Hellas herbeiinszenieren. Zumindest formal. Das ist ebenso falsch wie das ungehemmte Griechenland-Bashing zu Beginn der Staatsschuldenkrise.

Für Europas Schuldenkönig Hellas gilt indes: Totgesagte leben länger, schwarze Schafe so gesehen aber auch. Für Panagiotis Kostouros, den fleißigen Obstverkäufer, ist derweil der Markt in Vrilissia zu Ende. Er hat seine ganze Ware verkauft. Monatsbeginn eben. Fragt man ihn nach dem Auslaufen der "verstärkten Überwachung" und ihren Auswirkungen, reagiert er nur mit einem säuerlichen Lächeln.