Inmitten großer Sorgen um die Gasversorgung Europas haben norwegische Öl- und Gasarbeiter ihre Arbeit im Kampf für höhere Löhne niedergelegt. "Der Streik hat begonnen", sagte der Vorsitzender der Gewerkschaft Lederne, Audun Ingvartsen, am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Das Arbeitsministerium kündigte an, den Konflikt "aufmerksam" zu verfolgen: Es kann eingreifen und einen Streik beenden, wenn außergewöhnliche Umstände vorliegen.

Der Arbeitskampf begann um Mitternacht auf drei Feldern - Gudrun, Oseberg Süd und Oseberg Ost. Ab Mittwoch soll er auf drei weitere Felder - Kristin, Heidrun und Aasta Hansteen - ausgeweitet werden. Ein siebtes Feld, Tyrihans, muss ebenfalls am Mittwoch geschlossen werden, da dessen Produktion von Kristin verarbeitet wird.

Die Mitglieder der Lederne-Gewerkschaft, die rund 15 Prozent der Offshore-Arbeiter vertritt, hatten einen von Unternehmen und Gewerkschaftsführern ausgehandelten Tarifvertrag abgelehnt. Die anderen norwegischen Gewerkschaften haben ihn hingegen akzeptiert und wollen nicht streiken.

Lohnverhandlungen scheiterten

Nach gescheiterten Lohnverhandlungen hätten zunächst 74 technische Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt, sagte Lederne Vorsitzender Ingvartsen der Deutschen Presse-Agentur. Am Mittwoch sollen demnach weitere 117 Mitarbeiter auf drei weiteren Feldern in den Streik treten. Auch hier muss nach Angaben des norwegischen Energiekonzerns Equinor die Produktion unterbrochen werden.

Ingvartsen hofft, dass es schnell zu Gesprächen komme: "Wir müssen dieses Mittel nutzen, um die Arbeitgeber aufzuwecken. Sie müssen sehen, was passiert, wenn sie nicht mit uns reden." Gibt es keine baldige Einigung, könnten nach seinen Angaben ab dem 9. Juli weitere 191 Mitarbeiter auf drei großen Plattformen streiken.

Eskalation bis Samstag

Die Öl- und Gasproduktion werde infolge der Arbeitsniederlegung am Dienstag um 89.000 Barrel Öläquivalent pro Tag gedrosselt, wovon 27.500 auf die Gasproduktion entfielen, teilte Equinor mit. Bei einer weiteren geplanten Eskalation bis Samstag könnten nach einer Reuters-Berechnung fast ein Viertel der norwegischen Gasproduktion sowie rund 15 Prozent der Ölförderung lahmgelegt werden.

Für die EU-Staaten kommt die Arbeitsniederlegung zur Unzeit, sind sie doch wegen ausbleibender russischer Lieferungen auf mehr Gas aus Norwegen angewiesen. Beide Seiten wollten die Zusammenarbeit intensivieren, um kurz- und langfristig zusätzliche Gaslieferungen aus Norwegen zu gewährleisten, teilten die EU und Westeuropas größter Gasproduzent Ende Juni mit. Russland hat etwa die Lieferungen unter anderem an Polen und die Niederlande eingestellt, weil diese Staaten die von der Regierung in Moskau eingeführten neuen Bezahlmodalitäten in Rubel ablehnten.

Aufgrund dieser Lieferkürzungen hat Norwegen seine Gasproduktion bereits hochgefahren und erklärt, seinen Absatz heuer um acht Prozent zu steigern. Die EU importiert bisher rund 20 Prozent ihres Gases aus Norwegen. Aus Russland kamen vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar rund 40 Prozent. (apa/Reuters)