Die mittel- und osteuropäischen EU-Mitgliedsländer sowie die Westbalkanländer haben sich seit Beginn des russischen Kriegs in der Ukraine "erstaunlich widerstandsfähig" gezeigt, stellte das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) in seiner Sommerprognose am Mittwoch fest. Doch die positive Stimmung ist nur vorübergehend - auch in diesen Ländern werden die Kriegsfolgen deutlicher zu spüren sein als bisher, sagt Mario Holzner, Leiter des WIIW.

Demgegenüber war der Wirtschaftseinbruch in der Ukraine schon im ersten Quartal 2022 massiv. Die Schäden an Infrastruktur und Gebäuden beträgt inzwischen 60 Prozent des Vorkriegs-BIP beziehungsweise mehr als 100 Milliarden Dollar. 14 Millionen Menschen wurden zu Binnenvertriebenen und Flüchtlingen. Die Prognose für das laufende Jahr ist ein Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 38 Prozent.

Russlands BIP-Rückgang könnte 2022 sieben Prozent betragen. Ein Grund, warum die russische Wirtschaft nicht noch mehr geschwächt ist, ist laut Holzner unter anderem, dass die russische Zentralbank den Wechselkurs an den Ölpreis gekoppelt habe. Der gestiegene Ölpreis habe sich nominell auf die russischen Exporte ausgewirkt.

Die Teuerung lag bei 11 Prozent

Die gestiegenen Energiepreise sowie die fehlenden Agrarexporte aus der Ukraine und Russland lassen in Südost- und Osteuropa die Inflation steigen. In den meisten untersuchten Ländern war diese im zweistelligen Bereich.

Die Ausgaben für Lebensmittel in den Ländern sind verglichen mit dem Rest Europas verhältnismäßig hoch und machen zwischen 20 und 40 Prozent, in der Ukraine sogar 50 Prozent, der Haushaltsausgaben aus - in Österreich beträgt dieser Anteil zehn Prozent.

"Eines der größten Probleme ist die Blockade der Schwarzmeerhäfen. Sie verhindert den Export eines Großteils des ukrainischen Getreides, was die weltweiten Lebensmittelpreise weiter in die Höhe treiben wird", sagt Ukraine-Expertin Olga Pindyuk.
Aufgrund dessen sinkt der Konsum, immer mehr Haushalte werden in die Armut gedrängt - in Bulgarien beträgt die Armutsgefährdungsquote beispielsweise knapp 25 Prozent, in den EU27 liegt sie bei 17 Prozent.

Das Wirtschaftswachstum der mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten wird laut WIIW-Prognose heuer im Schnitt 3,3 Prozent betragen, jenes der Balkan-Länder und der Türkei drei Prozent und darunter.

Risiken für Österreich

Das größte kurzfristige Risiko für Österreich und seine wichtigsten Handelspartner ist die große Abhängigkeit von russischem Gas, trotz Bemühungen, das zu ändern. Ausgeschlossen sei ein Gasstopp nicht, sagte Mario Holzner. Das könnte zu Energierationierungen im Winter führen und viele Länder in eine Rezession stürzen. Doch ein Lieferstopp zeichne sich nicht ab, zumal Russland Europa "erlaube" die Gasreserven über den Sommer zu füllen.

Ein komplettes Abdrehen der Leitungen würde außerdem die Quellen zum Versiegen bringen, was Russland nicht riskieren wolle.

Die mittelfristige Entwicklung bringt laut Holzner eine Fortsetzung der Abkoppelung von Russland, das Beschleunigen der grüne Transition sowie steigende Verteidigungsausgaben - und somit das Ende der "Friedensdividende". Zudem könnten Investoren in jenen Ländern vorsichtiger werden, die sich von Russland bedroht fühlen. Für den Westbalkan werde die Abkoppelung von Russland noch schmerzhafter sein, insbesondere für Serbien. Das könnte allerdings die EU-Integraion beschleunigen.

Die Aussicht auf einen EU-Beitritt der Ukraine würde in der Ukraine als Ansporn für Reformen dienen und Korruption zu bekämpfen, sagt die WIIW-Ökonomin Pindyuk. Realistisch betrachtet sei die Ukraine aber Jahrzehnte davon entfernt, EU-Mitglied zu werden.