Kasachstan will nach Angaben von Präsident Kassym-Schomart Tokajew seine Öllieferrouten diversifizieren, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Zuvor hatte ein russisches Gericht das sogenannte Kaspische Pipeline-Konsortium (CPC) angewiesen, die Öllieferungen über das Schwarze Meer für 30 Tage einzustellen. Österreich bekam zuletzt 40 Prozent seines Öls aus Kasachstan.

Die Unterbrechung der Lieferungen, die Öl vom riesigen kasachischen Tengis-Feld durch Russland zum Schwarzen Meer transportiert, würde den weltweiten Ölmarkt weiter belasten. Über die CPC-Pipeline wird rund ein Prozent des weltweiten Öls befördert, an ihr sind auch westliche Ölfirmen wie Chevron und Shell beteiligt.

Pipeline durch Kaspisches Meer

Tokajew ordnete nun nach Informationen des Präsidentenamtes eine Studie über den Bau einer Pipeline durch das Kaspische Meer an. Dann würde kasachisches Öl über Aserbaidschan per Pipeline nach Westen gepumpt werden können - unter Umgehung Russlands. Eine Umsetzung würde freilich dauern.

Auslöser der Planungen sind Spannungen zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken. Tokajew bemüht sich um ein ausgewogenes Verhältnis zu Russland, dem Westen und China. Er hatte zuletzt gesagt, dass sein Land die Unabhängigkeit der prorussischen Separatistengebiete Donezk und Luhansk in der Ukraine nicht anerkennen würde, und stellte Europa zudem zusätzliche Gas- und Öllieferungen in Aussicht. Das Land lebt sehr stark vom Export fossiler Energien. Russische Politiker hatten die Regierung in Moskau aufgefordert, sich stärker um den Schutz der russischen Minderheit in Kasachstan zu kümmern, die rund 18 Prozent der dortigen Bevölkerung ausmacht.

Das Gericht in der russischen Stadt Noworossijsk hatte eine Unterbrechung des CPC-Pipeline-Betrieb angeordnet, weil Unterlagen über Umweltauflagen fehlten. Es gibt aber den Verdacht, dass der Schritt politisch motiviert ist. Kanzler Olaf Scholz hatte erst am Mittwoch betont, dass Russland technische Probleme nur vorschiebe, die für die Gas-Lieferkürzungen über die Nord Stream 1-Pipeline verantwortlich sein sollen. Russland setze Energie vielmehr als politische Waffe ein, sagte er.

Wifo: Österreich benötigt andere Lieferwege

Nach der gestrigen Ankündigung, dass ein für den Export von kasachischem Öl bestimmtes Terminal im Schwarzen Meer auf einen Gerichtsbeschluss in Südrussland hin für 30 Tage seinen Betrieb einstellen muss, sieht das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) keine unmittelbaren Versorgungsprobleme für Österreich. Dennoch sollte sich Österreich auch nach anderen Lieferwegen für Öl umschauen, sagte Wifo-Ökonom Josef Baumgartner zur APA.

Generell sei der Ölmarkt liquide und es gebe für die OMV die Möglichkeit, das fehlende Öl aus Kasachstan auf dem Weltmarkt zuzukaufen. Wichtig sei dabei nur, dass die Qualität der des Öls aus Kasachstan entspricht, da die Raffinerie es sonst nicht verarbeiten könne. Das Angebot sei aber vorhanden.

Die Auswirkungen des kasachischen Öl-Stopps seien derzeit aber ohnehin begrenzt, da die OMV wegen der havarierten Raffinerie das Öl nur sehr eingeschränkt verarbeiten könne. Ein Knackpunkt ist jedoch der Preis: "Es wird insgesamt teurer in der Beschaffung", so Baumgartner.

Dass das Öl aus Kasachstan kurzfristig auf anderem Wege nach Österreich kommen könnte, hält Baumgartner für sehr unwahrscheinlich. Der Terminal der Caspian Pipeline Consortium (CPC) sei "im Prinzip der einzige Weg um Öl von Kasachstan zu bekommen", sagte der Ökonom. Zwar könnte man theoretisch mit Tankwägen das Öl in andere Häfen bringen und von dort weiter verladen, ökonomisch habe das aber nur wenig Sinn.

Ob nach der 30-tägigen gerichtlich verordneten Pause das kasachische Öl wieder fließen wird, sei nur schwer abzuschätzen. Von russischer Seite wurde der Stopp mit Umweltschäden begründet, die Wahrscheinlichkeit, dass es auch eine politische Komponente gebe, sei aber hoch. Russland wolle seinen Einfluss in Kasachstan weiter ausbauen und das bestehende Regime stabilisieren. In der ersten Jahreshälfte habe es Unruhen in dem Land gegeben, die mithilfe von russischen Truppen gewaltsam beendet wurden.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass das auch ein politisches Druckmittel ist, ist schon sehr hoch", so Baumgartner. Österreich täte daher gut daran, sich nach neuen Lieferwegen für Öl umzusehen. Das heiße aber nicht, dass man Öl aus Kasachstan nicht mehr abnehmen könnte, wenn es wieder fließen würde. Auf dem Weltmarkt eingekauftes Öl könne vor dem Ausliefertermin recht einfach wieder am Terminmarkt weiter verkauft werden.

Die Nachfrage der Unternehmen nach Mineralölprodukten dürfte jedenfalls steigen, nachdem die heimische Regierung diese Woche den Gas-Großverbrauchern angeordnet hat, soweit möglich auf Öl und alternative Energieträger umzusteigen. Allerdings sei fraglich, wie schnell und inwiefern so eine Umrüstung auf Öl möglich sei, so Baumgartner. Aus umweltpolitischer Sicht betonte der Ökonom, dass das Verbrennen von Heizöl eine klar höhere CO2-Belastung habe als Gas. Längerfristig betrachtet müssten sich die Unternehmen also gut überlegen, wie es weitergehen soll und darauf einstellen, dass die Gasversorgung aus Russland zurückgehen und Flüssiggas (LNG) teurer wird.

Auch IHS-Ökonom Klaus Weyerstraß sagte, dass ein Umrüsten auf Öl "klimatechnisch eine Katastrophe" sei. Ein Umrüsten auf alternative Energieträger sei allerdings auch mit Problemen behaftet. So gebe es seit längerem große Lieferkettenprobleme wegen Chinas Null-Covid-Politik. Diese dürften auch mindestens noch bis Ende des Jahres anhalten. China ist einer der größten Lieferanten von Materialien für PV-Anlagen und Windräder. (apa, dpa, reuters)