Konjunkturabkühlung, hohe Inflation, riesiger Schuldenberg: Der geplante Rücktritt von Premierminister Boris Johnson sorgt für noch mehr Unsicherheit - Gift für die britische Wirtschaft. Die Suche nach einem Nachfolger könnte sich über Wochen hinziehen und die weltweit fünftgrößte Volkswirtschaft lähmen. Ein Überblick über den aktuellen Zustand der Wirtschaft auf der Insel:

Wachstum

Das Bruttoinlandsprodukt ging im April - laut Daten von Mitte Juni - um 0,3 Prozent zum Vormonat zurück. Sowohl Dienstleister als auch Industrie und Baubranche schrumpften.

Inflation

Die Briten spüren den Druck der Inflation, das Leben wird immer teurer. Im Mai lag die Inflation bei 9,1 Prozent - ein 40-Jahres-Hoch. Die britische Notenbank rechnet im späteren Jahresverlauf mit Werten von über elf Prozent.

Währungsverfall

Das Pfund notiert gegenüber dem Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit fast zwei Jahren. Das heizt die Inflation zusätzlich an, weil Importe von in Dollar abgerechneten Gütern wie beispielsweise Öl dadurch teurer werden.

Finanzpolitik

Über die weitere Entwicklung der Inflation entscheidet auch der künftige Kurs in der Finanzpolitik. Hier stehen wichtige Richtungsentscheidungen an - etwa über Steuersenkungen und zusätzliche Ausgaben, um beispielsweise Bürger von den hohen Energiekosten zu entlasten. Johnson hatte sich immer wieder für weitere Steuersenkungen eingesetzt. Der zurückgetretene Finanzminister Rishi Sunak stand aber auf der Bremse, wollte eher die Lasten aus den hohen Schulden eingrenzen. Haushaltsexperten halten es für möglich, dass sich der britische Schuldenberg innerhalb von 50 Jahren mehr als verdreifachen könnte auf fast 320 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In der EU, zu der Großbritannien nicht mehr gehört, gilt eine Obergrenze von 60 Prozent, die allerdings vielfach auch gerissen wird.

Zinsen

Wegen der hohen Inflation hat die Bank von England die Zinsen seit Dezember schon fünf Mal angehoben. Das gab es seit 25 Jahren nicht mehr. Weitere Erhöhungen wurden signalisiert. Die konjunkturelle Eintrübung als auch die politische Unsicherheit könnten die Notenbanker aber dazu bewegen, behutsamer vorzugehen, um die Wirtschaft nicht zu stark abzuwürgen.

Handelspolitik

Nach dem Brexit will sich die Regierung in London in der Handelspolitik neu aufstellen. Ein Johnson-Nachfolger könnte die angespannten Beziehungen zur EU verbessern. Ökonomen rechnen aber höchstens mit kleineren Zugeständnissen. Außenministerin Liz Truss, die als potenzielle Premierministerin gilt, hatte Johnsons scharfe Töne gegen die EU immer wieder verteidigt.