Die Autobahnmaut, die Miete des Urlaubsappartements, das Eis oder ein Souvenir: Das alles kann man auch jetzt schon in Euro bezahlen. Am 1. Jänner 2023 wird der Euro auch zum offiziellen Zahlungsmittel in Kroatien. Die Landeswährung Kuna (übersetzt: Marder) ist dann 25 Jahre nach ihrer Einführung Geschichte.

"Der Beitritt zum Euro ist sozusagen die Krönung von Kroatiens EU-Beitritt und war als Teil des Integrationsprozesses immer vorgesehen. Obwohl es wichtig war, eine eigene Währung zu haben, die bis zuletzt auch stabil war, freuen wir uns auf den Euro", sagt dazu Sandra Švaljek, stellvertretende Gouverneurin der kroatischen Notenbank HNB (Hrvatska Narodna Banka). Den Umrechnungskurs haben die EU-Finanzminister vergangene Woche mit 7,5345 Kuna für 1 Euro festgelegt. Kroatische Händler und Supermärkte preisen ihre Waren jetzt schon zu diesem Kurs aus.

Kroatien tritt der Eurozone zu einem spannenden Zeitpunkt bei, Stichwort Euro-Dollar-Parität und Zinswende. 
- © Getty Images

Kroatien tritt der Eurozone zu einem spannenden Zeitpunkt bei, Stichwort Euro-Dollar-Parität und Zinswende.

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Die Reise zum Euro begann mit Kroatiens EU-Beitritt im Juli 2013. Vier Jahre später, 2017, begann Kroatien mit den Vorbereitungen. Die politischen Kriterien waren unter anderem, die Staatsverschuldung unter
60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu senken sowie das Budgetdefizit unter 3 Prozent des BIP zu halten. Bei der Erfüllung von Ersterem kam jedoch die Covid-Pandemie dazwischen. Kroatiens Staatsverschuldung beträgt knapp 80 Prozent, das Land ist jedoch verpflichtet, so schnell wie möglich unter 60 Prozent zu kommen.

Der Jubel über den Meilenstein Euro ist allerdings verhalten. Zu sehr belasten die Energiekrise und steigende Preise, ausgelöst durch Corona sowie Russlands Krieg in der Ukraine, die Gemüter. "Natürlich ist der Euro gut für Kroatien, aber allzu viel soll man sich davon nicht erwarten", sagt etwa der Hotelier Wilfried Holleis. Der Unternehmer ist seit vielen Jahren in Kroatien investiert und betreibt zwei Hotels im gehobenen Segment. "Es gibt derzeit leider, leider so viele andere wichtige Fragen, dass das eine Kleinigkeit ist", so Holleis. Die heurige Tourismussaison laufe gut, "aber nicht so gut wie erwartet, weil die Preissteigerungen und die Inflation da sind. Die Leute sagen: Warum soll ich mehr bezahlen?" Ohne den Ukraine-Krieg hätte Kroatiens Tourismus "nahtlos" an 2019, die letzte Saison vor Corona, anschließen können: "Dann wären wir im Paradies." Es kam jedoch anders.

Der Tourismus ist Kroatiens größter Wirtschaftszweig. Mehr als 20 Prozent der Wertschöpfung kommen aus diesem Sektor, der sich auf zwei bis drei Monate pro Jahr konzentriert. Bemühungen, die Saison auszudehnen, laufen seit mehreren Jahren erfolgreich, entscheidend für die Einnahmen sind jedoch der Juli und August. Dementsprechend hat Kroatiens Wirtschaft während Corona gelitten: Um 8 Prozent brach das BIP 2020 ein. Der Aufschwung im Jahr darauf war mit 7,2 Prozent umso erfreulicher. Das Wirtschaftswachstum 2022 soll laut Prognosen der HNB 5,5 Prozent des BIP betragen. Die Preise im Tourismus haben um 20 bis 30 Prozent im Vergleich zu 2019 zugelegt.

"Kroatien ist aufgrund seiner Lage am Mittelmeer und der Schönheiten der Natur prädestiniert für den Tourismus, er muss aber nicht zwingend der Hauptzweig der Wirtschaft bleiben", sagt Notenbankchefin Švaljek. "Wir haben beispielsweise einen starken IT-Sektor, der in den vergangenen Jahren zum Exportwachstum beigetragen hat. Indem wir andere Wirtschaftszweige wie diesen oder etwa auch die Landwirtschaft stärken, wird auch die Abhängigkeit vom Tourismus sinken."

Kroatiens Notenbank startete 2017 die Vorbereitungen zum Euro-Beitritt. 
- © AFP via Getty Images

Kroatiens Notenbank startete 2017 die Vorbereitungen zum Euro-Beitritt.

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Laut Goran Šaravanja, Chefökonom der kroatischen Wirtschaftskammer HGK (Hrvatska Gospodarska Komora), wird der Tourismus noch länger der Hauptzweig der kroatischen Wirtschaft bleiben. "Ich sehe das nicht unbedingt als Problem, wenn man in Betracht zieht, dass vor allem Dalmatien historisch eine Auswandererregion war und heute relativ wenige Leute aus Dalmatien emigrieren. Der Tourismus ist möglicherweise der Hauptgrund, warum das so ist", sagt Šaravanja.

Talente in Kroatien

Stichwort Abwanderung. Der Brain-drain aus Kroatien ist enorm. Laut Berechnungen der kroatischen Notenbank sind in den ersten drei Jahren nach Kroatiens EU-Betritt durchschnittlich 2 Prozent der Bevölkerung pro Jahr abgewandert. Kroatien zählt offiziell vier Millionen Einwohner. Der Fachkräftemangel trifft auch Kroatien stark, wie Hotelier Holleis bezeugen kann: "Die Personalkosten sind enorm gestiegen, weil sich eine irre Verknappung abzeichnet. Seit Deutschland offen ist, geht jeder, der möchte, nach Deutschland. Wir haben die Löhne erhöht, und unsere Stammcrew ist nach wie vor da, aber jeder der geht, ist schwierig zu ersetzen." Für Nationalbankgouverneurin Sandra Švaljek ist es ausschlaggebend, Bedingungen zu schaffen, um Talente im Land zu halten, aber auch für Arbeitskräfte aus dem Ausland attraktiv zu sein, "damit die Wirtschaft wachsen kann".

Eine Bucht vor Dubrovnik - die Stadt ist ein Touristenmagnet. 
- © Getty Images

Eine Bucht vor Dubrovnik - die Stadt ist ein Touristenmagnet.

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Wie man Talente anzieht, zeigt gerade Mate Rimac vor. Der Entrepreneur startete sein Unternehmen Rimac Automobili vor zehn Jahren in der sprichwörtlichen Garage, in der er seinen ersten Elektromotor für ein E-Sportauto entwickelte. Heute beschäftigen seine mittlerweile zwei Unternehmen, Bugatti Rimac und Rimac Technology, mehr als 1.500 Mitarbeiter aus aller Welt. Das Headquarter und weitere Entwicklungsbüros des Unternehmens befinden sich trotz zahlreicher Abwerbungsversuche aus dem Ausland und schwieriger Geschäftsbedingungen in Kroatien, fast alle in Kroatien. Die Bewertung der Firma heute liegt bei 2 Milliarden Euro.


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Rimac entwickelt nicht nur schnelle Sportautos, sondern ist auch Zulieferer von Batterien, Elektrofahrzeugachsen und Unterhaltungselektronik für andere Autobauer. Für das Unternehmen, das seine Geschäfte hauptsächlich in anderen Währungen führt, ist der Euro-Beitritt Kroatiens ein wichtiger Schritt: "Wir erwarten uns positive Effekte, zum einen den Wegfall von Wechselkurskosten und des Währungsrisikos bei Kunden und Zulieferern, mit denen eine Zahlung in Euro vereinbart ist." Außerdem werde der Zugang zu Kapital leichter, zumal das Währungsrisiko als Kostenfaktor wegfalle. "Das alles sollte sich auch positiv auf die gesamte kroatische Wirtschaft auswirken, was Kroatien konkurrenzfähiger und attraktiver für Investoren aus dem Ausland machen dürfte", heißt es von Rimac.

Wirtschaftliche Veränderung

"Die vergangenen neun Jahre als EU-Mitglied haben gezeigt, dass sich die Struktur unserer Wirtschaft ändert und der Export von Gütern und Dienstleistungen wächst, genauso wie die Beschäftigung. Die Unternehmen finden sich immer besser auf dem gemeinsamen Markt zurecht," sagt der Ökonom Šaravanja. "Schon jetzt sehen wir anhand der Bewertungen von Rating-Agenturen, dass sich die Wahrnehmung Kroatiens zum Positiven ändert", meint auch die stellvertretende Nationalbankchefin Švaljek. Dennoch seien Reformen weiter notwendig, betont sie.

Kroatien führt den Euro zu einem Zeitpunkt ein, in dem die Währung abwertet und die EU-Staaten mit einer hohen Inflation zu kämpfen haben - auch Kroatien. Laut Prognosen der Nationalbank wird sie heuer 9,4 Prozent betragen, im kommenden Jahr dann 4,6 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat der Inflation mit der Anhebung der Leitzinsen am 21. Juli den Kampf angesagt. Für das Euro-Beitrittsland bedeutet das unter anderem, dass "auch wir in Kroatien den weitaus niedrigeren Zinssatz haben werden, als wenn wir den Euro nicht einführen würden", sagt Gouverneurin Švaljek. "Dieses Jahr hat gezeigt, dass uns die Kuna nicht vor der Inflation geschützt hat, beziehungsweise, dass der Preis einer eigenen Währung für kleine, offene Ökonomien nicht vernachlässigbar ist", sagt der Wirtschaftskammer-Ökonom Šaravanja.

Das Flüssiggasterminal (LNG) bei Krk soll Kroatien und die Region mit Erdgas versorgen.

Das Flüssiggasterminal (LNG) bei Krk soll Kroatien und die Region mit Erdgas versorgen.

Kroatiens Wirtschaft hat sich nach den Worten der stellvertretenden Notenbankchefin bisher als "zäh" erwiesen, vor allem nach der Corona-Pandemie. Russlands Krieg in der Ukraine hat in den aktuellen Berechnungen zum Wirtschaftswachstum 2022 wenig Einfluss. Eine Gefahr gibt es jedoch: einen Gaslieferstopp Russlands und eine daraus folgende Rezession bei den wichtigsten Außenhandelspartnern Kroatiens.

Nevera heißt das neueste Modell aus der E-Austoschmiede Rimac Automobili.

Nevera heißt das neueste Modell aus der E-Austoschmiede Rimac Automobili.

Energiesicherheit

Kroatien selbst ist mit etwas mehr als einem Fünftel bei weitem nicht so abhängig von russischem Gas wie etwa Österreich, das zu mehr als 80 Prozent auf russische Exporte angewiesen ist. "Kroatiens wichtigster Schritt in Richtung Energiesicherheit passierte im Jahr 2020, als man begonnen hat, Flüssiggas über Terminal in Omišalj zu beziehen", sagt Ökonom Šaravanja. Der Plan sei nun, die Kapazitäten in Omašalj auf der Insel Krk zu verdoppeln und sich mit den Erdgasleitungen IAP und TAP zu verbinden sowie einen Strang in das Nachbarland Bosnien-Herzegowina zu bauen.

Bernd Christoph Ströhm, Länderexperte für Kroatien beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), sagt dazu: "Ich gehe davon aus, dass Kroatien russische Gasimporte durch heimische Produktion und zusätzliche Importe über das Flüssiggasterminal ausgleichen kann." Kroatien könnte dadurch "eine wichtige Rolle für die Energieversorgung Südosteuropas einnehmen", so der Experte. Um Kroatiens Energieunabhängigkeit zu sichern, hat die Regierung heuer angekündigt, die Kapazität des Terminals von 2,9 Milliarden auf 6,1 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu erweitern. Slowenien hat schon Interesse angemeldet, ab Herbst Erdgas vom LNG-Terminal beziehen zu wollen.

Mit seinen Nachbarstaaten teilt Kroatien nicht nur die Geschichte im ehemaligen gemeinsamen Staat Jugoslawien. Ihnen ist auch gemein, dass die Bürger ihre Spareinlagen bevorzugt in Deutschen Mark und später in Euro angelegt haben. Für Kroatien schließt sich nun der Kreis. Der Marder als Symbol und Erinnerung an die bald alte Währung Kuna bleibt den Kroaten allerdings erhalten: Er wird auf der kroatischen 1-Euro-Münze eingeprägt sein.


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