Nach Beschränkungen und Stopps von Gaslieferungen an mehrere EU-Länder hat Russlands größter Anbieter Gazprom nach eigenen Angaben auch Lettland den Gashahn abgedreht. Das Unternehmen habe die Lieferungen eingestellt, weil gegen die Bedingungen der Entnahme von Gas verstoßen worden sei, teilte der Energieriese am Samstag mit. Details zu den Verstößen nannte der Staatskonzern nicht.

Der lettische Versorger Latvijas Gaze hatte am Freitag erklärt, er beziehe zwar Gas aus Russland, aber nicht von Gazprom. "Wir beziehen es von einem anderen Anbieter", hatte das Unternehmen mitgeteilt. Der Name des Anbieters sei ein Geschäftsgeheimnis. Der Vize-Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Edijs Saicans sagte am Samstag, die Maßnahme dürfte keine größeren Folgen für sein Land haben.

Russland hatte im März gefordert, europäische Gazprom-Kunden müssten ihre Rechnungen in Rubel statt wie zuvor in Euro oder Dollar bezahlen. Der Schritt gilt als Maßnahme zur Stützung der russischen Währung nach den Wirtschaftssanktionen gegen Russland infolge von dessen Angriff auf die Ukraine. Die EU-Kommission hatte ein Eingehen auf die russische Forderung als Bruch der Sanktionen bezeichnet. Latvijas Gaze hat wie einige andere Gazprom-Abnehmer erklärt, russisches Gas unverändert in Euro zu bezahlen. Lettlands Nachbar Litauen verzichtet bereits auf russisches Gas.

Verzicht ab 2023 geplant

Die Regierung Lettlands hatte zuletzt erklärt, dass sie von Jänner 2023 an komplett auf den Import von russischem Gas verzichten wolle. Nach Beginn von Moskaus Invasion war der Gasfluss von Russland nach Lettland einige Male unterbrochen oder gestoppt. Seit Mitte Juni aber stiegen die Lieferungen wieder, hieß es in der Hauptstadt Riga. Im vergangenen Jahr bezog Lettland noch etwa 90 Prozent seines Gases aus Russland.

Russland hat im Zusammenhang mit dem Währungsstreit mehreren Ländern den Gashahn zugedreht. Finnland, Dänemark, Polen, Bulgarien und die Niederlande werden nicht mehr versorgt. Zudem hat Gazprom Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland zurückgefahren, davon ist auch Österreich betroffen. Zur Begründung gibt Gazprom hier technische Ursachen an. Die deutsche Regierung hat dies als Vorwand für eine politisch motivierte Entscheidung bezeichnet.

Gazprom schiebt bei Turbine Verantwortung von sich

Weiterhin gestritten wird um eine Turbine für die Gaspipeline Nord Stream 1. Nach der Drosselung der Gaslieferungen durch die Ostseepipeline hat Gazprom ein Fortbestehen der Probleme mit der aus Kanada nach Europa zurückgekehrten Gasturbine beklagt. So sei die Turbine von Kanada ohne Absprache und entgegen dem Vertrag mit Gazprom nach Deutschland und nicht direkt nach Russland gebracht worden, sagte der Vize-Chef des Staatskonzerns, Witali Markelow, am Freitag einer Mitteilung zufolge.

Demnach hätte die Turbine bereits im Mai wieder in Russland sein sollen. Nicht Gazprom sei verantwortlich für die Lage, sondern Siemens Energy, sagte Markelow. Je schneller das Unternehmen seine vertraglichen Pflichten an der Kompressorstation Portowaja erfülle, desto eher normalisiere sich die Situation mit den Lieferungen für den europäischen Markt. Zudem könne Russland die reparierte Turbine nur annehmen, wenn es Garantien von der EU und von Großbritannien über die Nichtanwendung der westlichen Sanktionen gebe.

Deutschland wirft Russland Machtspiele vor

Die deutsche Regierung wirft Russland Machtspiele um die Turbine vor. Diese stehe bereit zur Rückgabe nach Russland. Es gebe überdies keine technischen Gründe für die Drosselung der Gaslieferungen durch Nord Stream 1, hieß es in Berlin.

Markelow wies die Vorwürfe des Westens zurück. "Es ist alles andersherum", sagte er. Es gebe eine Vielzahl an Problemen. Schon seit April sei eine Turbine transportbereit für das Werk in Kanada. Bis heute aber fehlten Dokumente, die den Transport und die Reparatur der Motoren erlaubten. Zudem gebe es Probleme bei drei Turbinen, die von Siemens-Experten an Ort und Stelle behoben werden sollten. Die Maschinen waren demnach mehrfach ausgefallen.

"Wir erwarten mit Ungeduld die Ankunft ihrer Spezialisten in der Kompressorstation", sagte Markelow. Gazprom habe inzwischen zehn Briefe an Siemens Energy geschrieben, aber nur zu einem Viertel seien die beanstandeten Probleme behoben worden. Das russische Unternehmen veröffentlichte einen Teil der Schreiben. Im Moment sei in der für Nord Stream 1 wichtigen Gasverdichterstation nur eine von sechs Turbinen im Einsatz, sagte Markelow.

Der Kreml hatte am Vortag erklärt, dass Russland auf eine rasche Rückkehr der Turbine und ihren Einbau hoffe. Die Turbine ist nach Angaben von Gazprom wichtig, um den nötigen Druck zum Durchpumpen des Gases aufzubauen. Gazprom hatte seinem Vertragspartner Siemens Energy wiederholt vorgeworfen, nicht die nötigen Dokumente und Informationen zur Reparatur der Maschine übermittelt zu haben. Siemens Energy wies die Vorwürfe von Gazprom zurück.

Gazprom hatte am Mittwoch die Lieferungen durch Nord Stream 1 auf 20 Prozent der maximalen Auslastung gesenkt, weil nach Unternehmensangaben noch eine Turbine in die Wartung musste. Als Gründe wurden technische Sicherheitsvorschriften genannt. (apa/dpa)