Alexa Chifa wirkt seltsam deplatziert. In seinem Pollunder, mit Dreitagebart und müdem Blick erzählt der Bürgermeister über die Vorhaben in seiner Gemeinde. Mit Tourismus, Wanderwegen und einem Skiressort soll der Wohlstand im rumänischen Poienile de sub Munte steigen. Jobs sollen geschaffen, Straßen gebaut werden. Der 32-Jährige pflegt den Jargon eines aufstrebenden Jungpolitikers, mit großen Ambitionen. Außerhalb seines rund 15 Quadratmeter großen Büros aber ist die Realität eine andere.

Poienile de sub Munte liegt im äußersten Norden Rumäniens, im Nationalpark Maramures, an der Grenze zur Ukraine. Chifas Gemeinde geht es wie vielen der ärmsten Regionen Europas: Rohstoffe werden ausgebeutet, solange sie vorhanden sind. Sind sie das nicht mehr, verschwinden die Jobs vor Ort, wandern die Arbeitsfähigen in den Westen ab; für die unattraktivsten und prekärsten Jobs. Sie arbeiten auf Baustellen, auf Spargelfeldern und in der Pflege.

Chifas Gemeinde liegt in einer besonders waldreichen Gegend. Die meisten jungen Männer gehen daher nach Österreich oder Deutschland, um im Forst zu arbeiten. In der Hoffnung auf ein besseres Leben, mit Ambitionen und Visionen. Auch hier ist die Realität oftmals eine andere.

Auf den ersten Blick mag sich der Exodus mit Zahlen erklären lassen: 2018 lag der durchschnittliche Bruttolohn in Österreich bei 3.254 Euro, in Rumänien bei 955 Euro. In Poinile de sub Munte ist die Armut nicht nur an den massiven Schlaglöchern auf dem Weg zum Rathaus abzulesen, eine der wenigen asphaltierten Straßen im Ort. Nur 500 der 10.000 Einwohner der Gemeinde hätten eine reguläre Erwerbsarbeit, klagt der Bürgermeister. Viele leben von Subsistenzwirtschaft, von einer Handvoll Tiere und dem Gemüse im Garten. Etwa 3.000 hätten den Ort Richtung Westeuropa verlassen, die meisten davon Männer zwischen 20 und 40 Jahren.

Es mache ihn traurig zu sehen, wie viele Menschen dem Ort den Rücken kehren. Einst ließ auch Chifa seinen Geburtsort hinter sich, um in Großbritannien am Bau zu arbeiten. 2019 kam er zurück, seit zwei Jahren ist er Bürgermeister von Poienile de sub Munte. Kein einfacher Job, das wusste er vom ersten Tag an. Doch die Statistik ist nur ein Teil der Erklärung.

Illegaler Kahlschlag mit österreichischer Hilfe

Vor zehn Jahren waren die Wälder ringsum ein Hotspot der Holzmafia, Greenpeace zufolge gab es bis zu 50 illegale Holzeinschläge pro Tag. Vor 15 Jahren hätten noch 1.000 Männer in der Forstindustrie gearbeitet, heute seien es nicht mehr als 150, erklärt Chifa. "Mit den Bäumen sind auch die Jobs verschwunden."

Zwar profitierten auch die Unternehmer der Region vom Kahlschlag. Beliefert worden sei aber überwiegend ein österreichisches Unternehmen, das 50 Prozent des geschlägerten Nadelholzes aufgekauft haben soll: Schweighofer, heute die HS Timber Group. Die Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) nannte das Unternehmen "einen der größten Treiber für illegalen Holzeinschlag in Rumänien." In einer Untersuchung des rumänischen Umweltministeriums fand man in einem Sägewerk des Unternehmens Papiere zu mehr als 100.000 Kubikmetern Holz unklaren Ursprungs.

Die Anschuldigungen liegen jedoch großteils zehn Jahre zurück, und Schweighofer selbst hat immer wieder bestritten, illegal geschlägertes Holz bezogen zu haben. Die HS Timber Group war zudem stets um Aufklärung aller Vorwürfe bemüht. Als der internationale Druck stieg, wurden Ermittlungen gegen Schweighofer eingeleitet. Punktuell gelang es Förstern, den Wald zu schützen. Die illegalen Kahlschläge aber gingen andernorts weiter, berichtet die EIA. Laut Chifa verloren deshalb viele im Ort ihr Einkommen. Da sie mit der Arbeit im Wald vertraut sind, gehen sie ins Ausland - in den Forst, auch nach Österreich.

Dort garantiert ihnen der Kollektivvertrag für Hilfsarbeiter in der Forstbranche einen Stundenlohn von 10,35 Euro brutto, unter dem österreichischen Schnitt. Aber der Kollektivvertrag ist nur die halbe Wahrheit. Rumänische Forstarbeiter, die hierzulande beschäftigt sind und mit denen die "Wiener Zeitung" gesprochen hat, berichten von Stundenlöhnen von 4,50 Euro, die sie im Vorhinein blanko unterschreiben mussten; von E-Cards, die vom Arbeitgeber einbehalten werden; von Überstunden und 13. wie 14. Monatsgehältern, die nicht ausbezahlt wurden, von unbezahltem Urlaub; von auf Deutsch formulierten Arbeitsverträgen, die sie unterzeichneten, ohne deren Inhalt zu verstehen. Die Forstbranche ist ein Sektor mit einem besonders hohen Anteil osteuropäischer Arbeiter, wie etwa die Pflege, der Bau oder die Erntearbeit.

Auffällig viele Unfälle bei rumänischen Forstarbeitern

Worin sich die Forstarbeit aber unterscheidet, ist ihr Gefahrenpotenzial. Von 2018 bis Ende 2021 verunfallten laut Allgemeiner Unfallversicherungsanstalt (AUVA) 441 rumänische Staatsbürger im österreichischen Forst. Österreichs Arbeitsinspektion zufolge starben 13 von ihnen. Rumänen machen somit knapp ein Fünftel der Betroffenen aller forstwirtschaftlichen Arbeitsunfälle in Österreich aus und über 70 Prozent der Toten.

Laut Arbeitsinspektorat sei das "auffällig viel", weshalb man seit Monaten schwerpunktmäßig kontrolliere. 50 Prozent der kontrollierten Unternehmen wiesen Mängel auf. Selbst das rumänische Außenministerium intervenierte aufgrund der zahlreichen Unfälle seiner Staatsbürger in Österreich und klagt über mangelnde Information von offizieller Seite: "Ein solches Problem haben wir in keinem anderen europäischen Land", heißt es in einem Schreiben, das der "Wiener Zeitung" vorliegt.

Auch Dragos Pîslaru, bis 2017 rumänischer Sozialminister, ist angesichts dieser Situation sauer. Derzeit ist er Vorsitzender des EU-Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten und hält die Situation für völlig inakzeptabel: "Sie können sich nicht einfach nur die Rosinen aus dem Kuchen picken und Arbeiter aus Rumänien beschäftigen und sich gleichzeitig weigern, sie angemessen zu bezahlen oder zu schützen."

Für Nicolae Corjucs Familie kommt eine solche Forderung zu spät. Der 22-Jährige kam am 12 September 2019 in Kärnten bei der Forstarbeit ums Leben. Gegen seinen Arbeitgeber wurde wegen möglicher Mitschuld am Unfall ermittelt. Mittlerweile ist das Verfahren eingestellt. "Hier in Poienile gibt es nichts, womit man Geld verdienen könnte", erklärt Corjucs Bruder Vasile. Er, seine Schwester und ihr Lebensgefährte stehen in einer Ecke eines Büros im Rathaus. Sie sind einfach gekleidet, wirken verloren, sprechen leise und mit gesenktem Blick.

Die drei geben sich wortkarg, wenn sie über die schwierige Situation ihrer Familie erzählen, die Armut. Ihr Vater sei früh verstorben, dann ereignete sich Nicolaes Unfall, ein Jahr später sei ihre Mutter ebenfalls gestorben. Über den Unfall ihres Bruders wüssten sie kaum etwas. Nicolae Corjucs Arbeitgeber habe zwar die Überstellung des Leichnams und das Begräbnis bezahlt. Das einzige Geld aber, das bei der Familie ankam, waren Spenden von Corjucs Arbeitskollegen aus Österreich.

Auch Bürgermeister Chifa hat sich um Unterstützung bemüht. Viel kann auch er nicht unternehmen. Zudem ist die Familie Corjuc nicht die einzige, die Hilfe brauchen kann. Erst vor einem Jahr erreichte Chifa die Nachricht, dass ein weiterer Mann aus der Gemeinde bei der Arbeit im Wald verunglückte. Diesmal in Deutschland. Auch er hat in Poienile de sub Munte seine Familie zurückgelassen, seine Frau und fünf Kinder.