Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), sich mit einer seit ihrem Bestehen noch nie dagewesenen Zinsanhebung von 0,75 Prozentpunkten gegen die Rekordinflation zu stemmen, hat den Bondmarkt am Freitag im Großen und Ganzen kalt gelassen. Bei den Anleihen von Ländern der Eurozone gab es jedenfalls so gut wie keine Bewegung nach oben, was die Renditen der Papiere betraf.

"Der Markt hat die Entwicklungen an der Zinsfront schon im Vorfeld der EZB-Sitzung eingepreist", erklärt Fritz Mostböck, Chefanalyst der Erste Group Bank, dazu. "Die großen Renditeanstiege, die ab Mitte August zu beobachten waren, haben wir bereits gesehen." Mit Blick auf die aktuelle Situation spricht Mostböck denn auch von einer "Stabilisierung".

Gegenüber ihrem Niveau von Mitte August haben die Renditen bei den Staatsanleihen von Euroländern freilich deutlich zugelegt. Und das bedeutet, dass Refinanzierungen, die lange Zeit dank der Nullzinspolitik der EZB extrem günstig waren, mittlerweile deutlich teurer sind. Was besonders hoch verschuldeten Staaten wie Italien, der drittgrößten Wirtschaftsnation der EU, aber auch anderen Ländern des südlichen Teils der Eurozone zu schaffen machen könnte.

"Volatile Seitwärtsbewegung"

Seit Mitte August ist die Rendite bei italienischen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit von 3,00 auf 3,95 Prozent gestiegen, bei vergleichbaren griechischen Papieren von 3,15 auf 4,21 Prozent und bei den spanischen Pendants von 1,99 auf 2,84 Prozent. Wesentlich besser steht Deutschland da, dessen Anleihen bei Anlegern als Benchmark gelten: Bei zehnjährigen Papieren hat die Rendite im selben Zeitraum zwar auch - von 0,90 auf 1,70 Prozent- zugelegt, das Niveau ist jedoch deutlich tiefer. Zum Vergleich: Bei österreichischen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit liegt die Rendite aktuell bei 2,29 Prozent, Mitte August belief sie sich noch auf 1,40 Prozent.

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Angesichts der höheren Renditen ist für den Chefanalysten der Raiffeisen Bank International, Peter Brezinschek, klar: "Der Druck auf die Regierungen, mehr auf Budgetdisziplin zu achten, steigt."

Dass sich die Konditionen bei der Neuaufnahme frischen Geldes zuletzt zunehmend verschlechtert haben, ist für die Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA), die im Namen der Republik Österreich Anleihen emittiert und deren Schulden managt, freilich keineswegs überraschend. Führende Notenbanken hätten im August bekräftigt, dass die Inflationsbekämpfung oberste Priorität habe, sagte Markus Stix, einer ihrer Geschäftsführer, kürzlich. Und das impliziere in weiterer Folge Zinserhöhungen.

Für die kommenden Monate rechnet Erste-Chefanalyst Mostböck damit, "dass die Anleiherenditen in Europa in eine volatile Seitwärtsbewegung gehen werden, weil schon viel von den noch zu erwartenden Leitzinserhöhungen eingepreist wurde". Was der Experte dabei ebenfalls ins Treffen führt, ist das neue Kriseninstrument der EZB (Transmission Protection Instrument, kurz: TPI), das im Juli beschlossen wurde und bei einer drohenden Staatsschuldenkrise zum Einsatz kommen soll. Mostböck geht davon aus, dass allein die Tatsache, dass es dieses Instrument nun gibt, dafür sorgen sollte, dass sich mögliche Rendite-Anstiege bei den Bonds von Euroländern in Grenzen halten.

Sorgenkind Italien

Wie berichtet, soll TPI helfen, dass die Geldpolitik der EZB gleichmäßig wirken kann und die Finanzierungskosten einzelner Euroländer nicht dramatisch auseinanderlaufen. Mit dem neuen Programm, dessen Kern Anleihenkäufe im Krisenfall sind und das dem Vernehmen nach auf Italien zugeschnitten wurde, will die EZB bei Turbulenzen an den Bondmärkten intervenieren, damit die Kurse der Papiere stützen und so stark verschuldeten Eurostaaten unter die Arme greifen. Ins Leben gerufen wurde TPI, nachdem sich der Renditeabstand italienischer Bonds zu den deutschen Benchmark-Anleihen im Juni nicht unbeträchtlich ausgeweitet hatte und die Angst vor einer neuen Staatsschuldenkrise aufgekeimt war.