Die Briten stehen Schlange. Nicht nur für das Begräbnis der Queen, sondern auch an der Lebensmittelhilfe. Denn viele Menschen können sich durch die steigenden Lebensmittel- und Heizkosten das Leben kaum mehr leisten. "Heating or Eating" ist das Schlagwort für die Krise, mit der viele Haushalte in Großbritannien konfrontiert sind.

"Ohne jeden Zweifel werden die Menschen in Großbritannien insgesamt ärmer sein", sagt Stephen Millard, stellvertretender Direktor des National Institute of Economic and Social Research (NIESR). Das liegt an der wirtschaftlichen Lage: Das Königreich befindet sich in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Weltfinanzkrise 2008, die Inflation steigt rasant an, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sinkt und eine Rezession steht bevor - oder ist schon im Gange.

Das Foto zeigt das Gebäude, in dem sich die Food Bank in Islington befindet. 
- © Sonja Wind
Das Foto zeigt das Gebäude, in dem sich die Food Bank in Islington befindet.

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Inmitten einer gepflegten Straße im gehobenen Londoner Bezirk Islington stehen ein paar Leute vor einem unscheinbaren Haus. Sie warten. Jeder von ihnen hält einen kleinen Zettel mit Nummer und Uhrzeit in der Hand. Alle paar Minuten öffnet sich die Türe und eine der Personen wird eingelassen.

"Sie haben heute Verspätung", erklärt ein wartender Mann in olivgrüner Jacke ungeduldig. Er ist einer von vielen Menschen, die auf die kostenlosen Lebensmittel der sogenannten "Food Banks" angewiesen sind. Und es werden immer mehr.

In London werden Sticker verteilt, die dazu aufrufen, keine Rechnungen im Oktober zu zahlen. 
  
- © Sonja Wind

In London werden Sticker verteilt, die dazu aufrufen, keine Rechnungen im Oktober zu zahlen.

 

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Die Vergabe von Notfall-Paketen hat sich dieses Jahr um 14 Prozent erhöht, berichtet die Organisation "Trussell Trust". Mehr als 1.400 solcher Food Banks betreibt diese Organisation insgesamt in Großbritannien. Die Hilfe ist notwendiger denn je - laut der Organisation würden Betroffenen nach der Miete nur noch 50 Pfund pro Woche für Essen, Rechnungen, Kleidung und Transport übrigbleiben.

Dass das Leben immer teurer wird, zeigt sich an der Inflationsrate. Durch die Corona-Pandemie, Lieferengpässe und den Russland-Ukraine-Krieg steigt diese rasant an. Das ist nicht nur in Großbritannien der Fall - doch im Vergleich zu den anderen G7-Ländern ist die Lage hier am schlechtesten: Sowohl in Deutschland, den USA, Frankreich, Italien und Japan ist die Inflationsrate niedriger als in Großbritannien.

Höchste Inflationsrate seit vier Jahrzehnten

Nicht nur das - auch die Energiekrise treffe Großbritannien von allen westeuropäischen Ländern am härtesten, so eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF). Denn der Inselstaat ist stark von Gas als Energiequelle abhängig - und genau das ist durch die internationalen Sanktionen gegen Russland nun besonders teuer. Zudem hätten die Häuser hierzulande die schlechteste Energieeffizienz in Westeuropa.

Die wirtschaftliche Lage in Großbritannien ist trüb - und auch die Vorhersagen sind alles andere als rosig. Im Juli erreichte die Inflation einen Rekordwert von 10,1 Prozent - der höchste Wert seit Aufzeichnungsbeginn des Office für National Statistics (ONS) im Jahr 1997. Ähnlich hoch soll die Inflation zuletzt 1982 gewesen sein. Der Brexit macht die Situation nicht besser, sondern trägt zur Teuerung bei: Importierte Produkte sind nun teurer als vor dem Ausstieg aus der Europäischen Union.

"Wir erwarten, dass die Inflation im Oktober weiter auf 12 Prozent steigen wird. Gleichzeitig sinkt das BIP. Wir prognostizieren daher eine Rezession über vier Quartale - und wir sind jetzt schon mittendrin," so Ökonom Millard.

Im August sorgten Prognosen von 18 Prozent Inflation für 2023 für Schlagzeilen. Das ist laut dem NIESR-Experten mittlerweile jedoch unrealistisch: "Durch die Ankündigung von Premierministerin Liz Truss, Strom- und Gaspreise einzufrieren, haben alle ihre Vorhersagen zur Inflation angepasst. Wir erwarten, dass die Inflation ihren Höhepunkt im Jänner mit ungefähr 14 Prozent erreichen wird."

Zurück in der Schlange bei der Lebensmittelhilfe in Islington. Der Mann in der olivgrünen Jacke zieht sein Handy aus der Tasche und erzählt, dass er vorhin seine Energierechnung bekommen habe. Die Kosten hätten sich deutlich erhöht. Er habe gehört, dass manche länger in der Arbeit bleiben würden, um dort die Wärme zu nutzen.

Sticker-Aufruf: "Zahlt keine Energierechnungen im Oktober!"

Ursprünglich kündigte die Energiebehörde an, dass Elektrizität und Heizen ab Oktober um 80 Prozent teurer werden. Ein typischer Haushalt müsste demnach um die 3.550 Pfund pro Jahr zahlen - letzten Winter waren es noch 1.277 Pfund. Die Aufregung darüber ist auf den Straßen Londons ersichtlich: An Ampeln und Mauern kleben Sticker mit dem Aufruf "Zahlt keine Energierechnungen im Oktober!" Um diese enorme Teuerung abzudämpfen, kündigte Premierministerin Liz Truss einen Preisdeckel an: Haushalte sollen maximal 2.500 Pfund pro Jahr zahlen. Das macht die Situation besser, aber für Personen mit niedrigem Einkommen schluckt dieser Betrag trotzdem einen großen Teil ihres Einkommens. Kritiker bemängeln, dass der Preisdeckel für alle Haushalte gleich hoch ist. Für reiche Haushalte gebe es so keine Anreize, weniger Gas zu verbrauchen.

Arbeitsmarkt zeigt sich (noch) resilient

Ein Sektor, der trotz der hohen Inflation positive Bilanzen verzeichnet, ist der Arbeitsmarkt. Im Juli war die Arbeitslosenrate mit 3,6 Prozent so niedrig wie zuletzt 1974, zeigen die Daten des ONS. Doch so positiv wird es wohl nicht bleiben.

"Eine Folge der Rezession ist, dass Firmen ab einem gewissen Punkt keine Leute mehr einstellen - und vielleicht sogar bestehende Arbeitskräfte entlassen", so Millard. Für nächstes Jahr werde ein Anstieg der Arbeitslosenrate auf fünf Prozent erwartet. Durch die Inflation solle auch das Realeinkommen um 2,5 Prozent einbrechen.

Dass die Rezession bereits im Gange ist, deutet das schrumpfende BIP an. Für das aktuelle Quartal wird eine Abnahme um 0,1 Prozent erwartet, für den Beginn 2023 rechnet das NIESR mit einer Verringerung um 0,5 Prozent.

Trotz all der negativen Aussichten ruft sich Ökonom Millard gerne eins ins Gedächtnis: "Egal wie schlimm es hier in Großbritannien ist, immerhin müssen wir keinen Krieg um unsere Existenz führen."

In Islington ist es kurz nach 16 Uhr, als die letzte Person des Tages die Food Bank verlässt. Ein älterer Herr tritt mit einer prall gefüllten Tasche aus dem Haus. In dem Sackerl befinden sich einige Dosen, Reis und eine große gelbe Packung Cornflakes. Er zieht die Packung Cornflakes aus der Tasche und zeigt, dass Not und Großzügigkeit kein Widerspruch sind: "Hier, nimm es. Ich wohne alleine und brauche nicht alles. Ich teile gerne."