Auch wenn sich wie zuletzt immer wieder kräftige Gegenbewegungen einstellen: Tendenziell geht es heuer an den Aktienbörsen bergab. Nach der starken Performance im vergangenen Jahr zeichnen sich für 2022 vielerorts tiefrote Bilanzen ab. So ist etwa der Dow Jones in New York, der meistbeachtete Aktienindex der Welt, nach etwas mehr als drei Quartalen um gut 17 Prozent gefallen, der Nasdaq-100 der gleichnamigen US-Technologiebörse um circa 30 Prozent, der Frankfurter Leitindex DAX um knapp 22 Prozent und der ATX, das führende Börsenbarometer in Wien, um rund 28 Prozent. Lediglich beim FTSE-100 in London und beim Nikkei-225 in Tokio hielten sich die Verluste bisher mit jeweils um die 7 Prozent in Grenzen.

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Was sich an den Märkten derzeit mehr und mehr verfestigt, sind Ängste vor einer Rezession. Vor allem das veranlasst viele Anleger, Risikopapiere wie Aktien in großem Stil zu verkaufen, und sorgt bei den Kursen für einen Abwärtssog. Bei diesen Ängsten spielt im Hintergrund eine Reihe von Faktoren eine gewichtige Rolle: die massive Inflation, das Tempo der Leitzinserhöhungen, Russlands Krieg in der Ukraine, die Sanktionen gegen Moskau, die Energiekrise in Europa, die globalen Lieferengpässe und nicht zuletzt auch der überaus starke US-Dollar, der gerade angesichts der vielen Krisen als Fluchtwährung dient.

"Der Pessimismus nimmt zu"

Jedenfalls sind die Erwartungen für das Gewinnwachstum der Unternehmen im dritten Quartal in den Sommermonaten "drastisch nach unten korrigiert" worden, wie die eigenständig arbeitende Wiener Analystin Monika Rosen erklärt. "Der Pessimismus nimmt zu", sagt sie weiter. Rosen verweist dabei auf eine weltweite Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern, wonach aktuell 60 Prozent der Befragten fix mit einer Rezession rechnen. Die Cash-Positionen, auf denen die Fondsmanager sitzen, seien daher so groß wie schon lange nicht, während der Anteil an internationalen Aktien auf ein Rekordtief gesunken sei, weiß Rosen aus der Branche zu berichten.

Von einer "sehr fragilen realwirtschaftlichen Lage" ist auch in der österreichischen Finanzmarktaufsichtsbehörde, der FMA, die Rede. "Überall werden bereits rote Flaggen für konjunkturelle Sturmwarnungen aufgezogen", sagten ihre Chefs, Helmut Ettl und Eduard Müller, vor wenigen Tagen bei der diesjährigen FMA-Aufsichtskonferenz in Wien. Beide sprachen von "Herausforderungen für die Finanzmärkte".

Harald Holzer, Vorstand und Chief Investment Officer der zu Raiffeisen gehörenden Kathrein Privatbank, hält zwei Szenarien für die weitere Entwicklung an den Aktienmärkten für möglich. Im ersten Szenario eines "soft landing" könnte die Inflationsrate bis Ende 2023 auf 2,7 Prozent zurückgehen - sowohl in den USA als auch in Europa. "Die Unternehmensgewinne würden dann wieder nach oben tendieren, und eine tiefe Rezession könnte vermieden werden", führt Holzer aus. Das zweite, pessimistische Szenario hingegen würde weitere massive Zinsschritte in den USA bedeuten, da die Inflation nicht eingedämmt werden kann.

"Welches der beiden Szenarien eintritt, ist aktuell schwer vorhersehbar", sagt Holzer. "Wir tendieren allerdings aufgrund der aktuellen Gemengelage (noch) eher zum optimistischen Szenario." Der Ausblick habe sich jedoch eingetrübt. Sein Haus sei daher derzeit dementsprechend "defensiv positioniert", wie der Banker betont.

Deutlich weniger Börsengänge

Indes drückt die Talfahrt an den Aktienmärkten auch auf die Stimmung von Börsenkandidaten. Zwar gibt es für das dritte Quartal noch keine gesammelten Zahlen. Doch im zweiten Quartal entschlossen sich rund um den Erdball nur 305 Unternehmen zu einem Gang an die Börse - um 54 Prozent weniger als im zweiten Quartal des Rekordjahres 2021, wie die Beratungsfirma EY (Ernst & Young) errechnete. In Summe spielten sie dabei mit 40,6 Milliarden Dollar um fast zwei Drittel weniger Geld ein. Allein in Europa schrumpfte die Zahl der Börsengänge im zweiten Quartal laut EY von 116 auf 43.

Ein Sprung auf das Börsenparkett kann freilich trotz turbulenter Märkte erfolgreich sein. Bewiesen hat das kürzlich der deutsche Sportwagenbauer Porsche, dessen Vorzugsaktien zu einem Stückpreis von 82,50 Euro am oberen Ende der Angebotsspanne zugeteilt werden konnten. Mittlerweile notiert der neue Titel bereits rund 8 Prozent über seinem Ausgabepreis.

Guter Einstiegszeitpunkt?

Nicht ganz so schwarz sieht auch Felix Düregger, leitender Asset-Manager der Bank-Austria-Tochter Schoellerbank. "Zeiten negativer Nachrichten und negativer Stimmung waren fast immer gute Kaufzeitpunkte", gibt der Anlageprofi zu bedenken. Das bedeute jedoch nicht, "dass wir für die Aktienmärkte bis Jahresende eine ,gerade Linie‘ nach oben erwarten", sagt er weiter." Auf kurze Sicht würden die Märkte weiter volatil bleiben, immer wieder sei mit vorübergehenden Rückschlägen zu rechnen. "Doch wer diese Korrekturen aushalten kann, findet heute ein deutlich günstigeres Umfeld für Veranlagungen vor, als es die Lektüre von Marktberichten oder Zeitungsartikeln nahelegt", hält Düregger fest.

Auf mittlere Sicht würden viele Signale auf einen günstigen Zeitpunkt für einen Einstieg in den Aktienmarkt hindeuten. Düregger: "Deshalb setzen wir auch weiter auf Aktien und erhöhen gerade sogar die Quoten in unseren Mandaten um einige Prozentpunkte."

Auch der Chef der Wiener Börse, Christoph Boschan, wirbt derzeit für Aktien. Aktuell sieht er die Geduld der Anleger zwar auf dem Prüfstand. Doch "wer langfristig von hohen Renditen profitieren will, muss in Zeiten von Rückgängen durchhalten". Aktien seien "historisch gesehen die gewinnbringendste Anlageklasse", sagt Boschan, um hinzuzufügen: "Für Anleger gilt wie für Unternehmer: Erfolg stellt sich nicht binnen weniger Monate oder Jahre, sondern nach Jahrzehnten des Engagements ein."