Manche Finanzexperten hatten es nur für wenig wahrscheinlich gehalten. Aber in der zweiten Augusthälfte geschah es dann doch: Da fiel der Euro - erstmals seit seiner Einführung als Bargeld vor gut 20 Jahren - unter die Parität zum US-Dollar. Aktuell kostet ein Euro nicht ganz 0,98 Dollar. Noch zu Jahresbeginn lag der Wechselkurs bei etwas mehr als 1,13 Dollar, seither hat Europas Einheitswährung kräftig abgewertet - um rund 14 Prozent. Damit sind etwa Urlaube in den USA so teuer wie schon lange nicht.

Streng genommen geht es mit dem Euro ja schon länger bergab. In den vergangenen zehn Jahren hat er in Relation zum Dollar bereits fast 25 Prozent an Wert verloren. Doch davon geht weit mehr als die Hälfte allein auf das Konto der heurigen Performance, die diese langfristige Talfahrt somit deutlich beschleunigt hat.

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Zwar spielt ein weicher Euro europäischen Exporteuren in die Hände, beim Verkauf ihrer Produkte auf den Weltmärkten Punkte zu sammeln. Mit Blick auf die derzeitige Wirtschaftslage hat die extreme Schwäche der Gemeinschaftswährung aber auch gravierende Nachteile. Denn sie verteuert die ohnehin bereits sehr teuren Importe von Energie und Rohstoffen, was die stark erhöhte Inflation noch zusätzlich nach oben treibt.

Russland-Konnex belastet

In Österreich etwa steuert der schwache Euro nach den Berechnungen der Konjunkturforscher des Wifo immerhin 1,0 bis 1,5 Prozentpunkte zur Inflationsrate bei. Wie berichtet lag die Rate im September ersten Schätzungen der Statistik Austria zufolge bereits bei 10,5 Prozent.

Dass der Euro gerade heuer besonders schwächelt, hat aus der Sicht von Ökonomen mehrere handfeste Gründe. So leiden Europas Volkswirtschaften viel stärker unter dem Ukraine-Krieg als etwa die USA - unter anderem auch deshalb, weil es wesentlich engere wirtschaftliche Beziehungen zu Russland gab und die Sanktionen gegen Moskau somit deutlich spürbarer sind. Zudem macht den Europäern - im Gegensatz zu den USA - die starke Abhängigkeit von russischem Gas, die sich in geradezu explodierenden Preisen niedergeschlagen hat, zu schaffen.

Was den Außenwert des Euro ebenfalls schwächt, ist das deutlich höhere Tempo bei den Leitzinserhöhungen in den USA. Die US-Notenbank Fed hat den Kampf gegen die Teuerung viel früher und energischer als die Europäische Zentralbank (EZB) aufgenommen - mit der Folge, dass das Zinsniveau in den Vereinigten Staaten bereits kräftig gestiegen ist und wegen des Abstands zum Zinsniveau im Euroraum immer mehr Geld in die USA fließt. Veranlagungen in der amerikanischen Währung gelten daher als attraktiver. Darum wird der Dollar an den Devisenmärkten verstärkt nachgefragt, was ihn aufwertet, den Euro aber gleichzeitig abwertet.

Dollar als "sicherer Hafen"

Ebenfalls ein Punkt: Da der Dollar im Ruf steht, die wichtigste Währung der Welt zu sein, sehen viele internationale Anleger in ihm gerade in Krisenzeiten einen "sicheren Hafen" für ihre Investments. Die Folge ist, dass der Euro da im Hintertreffen ist, was seinen Preis im Verhältnis zum Dollar unter Druck setzt.

Dass die europäische Währung im laufenden Jahr relativ stark unter die Räder gekommen ist, hat dem Vernehmen nach aber auch mit gezielten Spekulationen großer Hedgefonds zu tun, die nach Russlands Invasion in der Ukraine Wetten darauf abschlossen, dass der Euro unter die Parität zum Dollar fällt. Auch der schillernde US-Investor George Soros, der einst - in den 1990er Jahren - erfolgreich gegen das britische Pfund gewettet hatte, soll dabei mitgemischt haben.

Weiter unter der Parität?

Harald Holzer, Chief Investment Officer (CIO) und Vorstand der zur Raiffeisen Bank International gehörenden Kathrein Privatbank, rechnet mit einem "weiterhin schwächeren Euro". Zum Jahresende sieht er ihn bei 0,95 Dollar. In dem sich abzeichnenden Abschwung dürfte sich die US-Wirtschaft jedenfalls robuster zeigen als die Wirtschaft im Euroraum. "Die anhaltend hohe Abhängigkeit von russischem Erdgas, dessen Preis enorm gestiegen ist, belastet die Wirtschaft und befeuert nach wie vor die Inflationszahlen", sagt Holzer. "Erzeugerpreissteigerungen von mehr als 35 Prozent machen viele Branchen unrentabel." Daher komme es zu einer Abwanderung der Industrie oder einer Verlagerung in andere Produktionsländer. Auch die Lohnsteigerungen in Europa würden 2023 "deutlich spürbar" sein, so Holzer.

Alle unterstützenden Faktoren seit Jahresbeginn sprächen deshalb weiter für den Dollar. Nur die EZB, die mit ihrer zögerlichen Haltung im ersten Halbjahr den Euro auch noch geschwächt habe, könnte hier etwas gegensteuern, meint Holzer. "Die Zinsdifferenz spricht zwar für den Dollar. Wenn die EZB aber deutlich stärker als die Fed erhöhen würde, bekäme auch der Euro wieder eine Stütze."

Anders als Holzer sieht Fritz Mostböck, Chefanalyst der Erste Group Bank, den Euro Ende Dezember mit 1,03 Dollar wieder über der Parität. "Der Euro sollte sich erholen - vor allem deshalb, weil die EZB vor weiteren Zinserhöhungen steht." Dabei werde freilich das Ausmaß wohl entscheidend sein. Mostböck rechnet bis Jahresende noch mit zwei größeren Zinsschritten von je 0,50 Prozentpunkten: "Angesichts der hohen Inflation muss die EZB rascher handeln. Wenn sie zögerlich ist, steht das einer Euro-Erholung im Wege."