Die türkische Zentralbank setzt ihre unorthodoxe Geldpolitik fort und senkt ungeachtet einer extrem hohen Inflation ihren Leitzins. Er werde von bisher 12,0 auf nunmehr 10,5 Prozent zurückgenommen, gaben die Währungshüter am Donnerstag bekannt. Ökonomen hatten zwar mit einer Senkung gerechnet, allerdings nur auf 11,0 Prozent.

Die Notenbanker erwägen, den Zins bei ihrem nächsten Treffen ähnlich stark zurückzunehmen und dann die vor gut einem Jahr eingeleitet Lockerung der Geldpolitik zu beenden. Damals lag der Zinssatz noch bei 19 Prozent. Die Landeswährung Lira geriet unmittelbar nach Bekanntgabe der Entscheidung erneut unter Abwertungsdruck. Sie hat allein im vergangenen Jahr mehr als 44 Prozent zum Dollar verloren, heuer bisher weitere 29 Prozent. Dadurch werden in Devisen bezahlte Importe deutlich teurer, was die Inflation anheizt.

Die Teuerungsrate war im September auf rund 83 Prozent gestiegen. Analysten gehen davon aus, dass die Verbraucherpreise auch in den kommenden Monaten stark steigen werden. Ökonomen sehen die Inflationsrate am Jahresende bei 72,5 Prozent und Ende 2023 bei 40,5 Prozent. Ökonomen halten Zinserhöhungen für das geeignete Gegenmittel, da dadurch beispielsweise die Lira wieder attraktiver wird.

Erdogan pocht auf lockere Geldpolitik

Präsident Recep Tayyip Erdogan will dafür sorgen, dass die Zinsen weiter kontinuierlich gesenkt werden, solange er an der Macht ist. "Solange Euer Bruder in dieser Position ist, werden die Zinsen mit jedem Tag, jeder Woche, jeden Monat fallen", sagte Erdogan kürzlich bei einer Veranstaltung in der westlichen Provinz Balikesir. Er will mit günstigen Krediten die Produktion und die Exporte anschieben, was wiederum für mehr Beschäftigung sorgen soll.

Die türkische Wirtschaft ist 2021 mit elf Prozent so stark gewachsen wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Die Konjunktur steht aber wegen der hohen Inflation und der negativen Folgen des Ukraine-Kriegs etwa für den Tourismus vor einem schwierigen Jahr. Ökonomen trauen der Türkei in diesem Jahr nur rund 3,5 Prozent Wachstum zu. (reuters)