Europaweit verdichten sich die Anzeichen für eine schrumpfende Wirtschaft. Doch gleichzeitig kann von einer Entspannung an der Preisfront keine Rede sein. Vor allem wegen der massiven Verteuerung von Energie hat die Inflation die Eurozone mehr denn je fest im Griff. Im September stieg die durchschnittliche Rate auf 9,9 Prozent. Das ist der bisher höchste Wert in der mehr als 20-jährigen Geschichte des Euro. Demnach ist die Europäische Zentralbank (EZB) trotz akuter Rezessionsrisiken weiter gefordert, in ihrem im Juli begonnenen Kampf gegen die starken Preisschübe nicht locker zu lassen. Für die am Donnerstag angesetzte Sitzung der Euro-Währungshüter rechnen die Finanzmärkte daher mit einer weiteren kräftigen Zinserhöhung.

Dass das notwendig sein wird, hat die EZB zuletzt selbst signalisiert. Mit Blick auf die anhaltend hohe Inflation betonte etwa Joachim Nagel, Chef der Deutschen Bundesbank und EZB-Ratsmitglied, bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, die aktuellen Daten seien "klar" und wiesen eindeutig in Richtung eines "robusten Zinsschrittes". Eine dauerhaft hohe Inflation sei die größte Wachstumsbremse, erklärte der Notenbanker. Diese in den Griff zu bekommen, habe deshalb höchste Priorität.

Als mittelfristiges Ziel hat die EZB, die das Mandat hat, für stabile Preise zu sorgen, eine Teuerungsrate von 2 Prozent im Visier. Angesichts der vielerorts um sich greifenden Inflation bestärkte IWF-Präsidentin Kristalina Georgiewa Notenbanken weltweit vor Kurzem darin, die Zinsen - trotz der Gefahr einer Rezession - weiter anzuheben und damit die Geldpolitik zu straffen.

Dass es ihr ernst ist, hat die EZB im vergangenen Monat demonstriert. Da setzte die Zentralbank der Eurozone in einem für sie bisher ungewöhnlichen XXL-Schritt ihre Schlüsselzinsen gleich um 0,75 Prozentpunkte hinauf (im Juli waren es zum Auftakt zunächst 0,50 Prozentpunkte gewesen). Der Leitzins liegt damit mittlerweile bei 1,25 Prozent und der Einlagensatz, der momentan maßgebliche Zins an den Finanzmärkten, bei 0,75 Prozent.

Mit ein Grund, warum die EZB weiter gezwungen ist, energisch an der Zinsschraube zu drehen, ist auch der Euro. Die Gemeinschaftswährung hat heuer gegenüber dem US-Dollar gut 13 Prozent an Wert eingebüßt. Weitere Zinserhöhungen sollten ihren Kurs jedenfalls stärken und die aktuell so teuren, in Dollar fakturierten Energieimporte, die als Hauptreiber der Inflation gelten, verbilligen.

EZB muss Tempo machen

Harald Holzer, Chief Investment Officer (CIO) und Vorstandsmitglied der zur Raiffeisen Bank International gehörenden Kathrein Privatbank, rechnet für Donnerstag mit einer nochmaligen großen Zinsanhebung um 75 Basispunkte. Mit dieser Prognose steht er in seiner Branche nicht alleine da. Viele seiner Kollegen gehen ebenfalls davon aus, dass es 0,75 Prozentpunkte sein werden. "Die EZB hat sehr spät mit den Zinserhöhungen begonnen und hinkt nun der Inflation und der US-Notenbank Fed (die bereits seit März die Zinsen anhebt, Anm. d. Red.) nach", erklärt Holzer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", warum die Euro-Währungshüter aus seiner Sicht jetzt ordentlich Tempo machen müssen.

Das letzte Zinsmeeting der EZB im heurigen Jahr findet am 15. Dezember statt. Hier erwartet Holzer eine Anhebung um 50 bis 75 Basispunkte. "Damit wäre der Leitzins bei 2,5 bis 2,75 Prozent - bei einer Inflation von rund 10 Prozent in der Eurozone", rechnet der Banker vor. "Je nachdem, wie sich die Inflationserwartungen für 2023 entwickeln, wird die EZB dann weitere Schritte setzen." Indes werde die Fed zu Jahresende 2022 voraussichtlich bei 4,25 bis 4,75 Prozent stehen, glaubt Holzer. "In den USA geht man aktuell von möglichen Zinssenkungen im Laufe des zweiten oder dritten Quartals 2023 aus."

Die Schoellerbank, eine in der Vermögensverwaltung tätige Tochter der Bank Austria, will selber keine Prognose für die anstehende EZB-Zinssitzung abgeben. Einer ihrer Experten, der leitende Asset-Manager Felix Düregger, verweist jedoch auf den Markt, der fast einhellig mit einer Zinsanhebung um 75 Basispunkte rechne. Zudem habe der Markt für heuer noch einen weiteren Schritt von 0,75 Prozentpunkten eingepreist.

"Die EZB steht vor der schwierigen Herausforderung, die stärkste Inflation - die in der Historie über das Bestehen des Euro hinausgeht - zu bekämpfen, ohne dabei die Konjunktur zu stark abzubremsen", erklärt der Anlageprofi. In Europa sei die Inflation im Unterschied zu den energieautarken USA deutlich stärker durch externe Faktoren bestimmt, die die Notenbank mit ihrer Geldpolitik nicht beeinflussen könne. "Während der letzten großen Energiekrise Ende der 1970er Jahre haben riesige Zinsschritte in schwere Rezessionen geführt, daher gehen wir heute von einer deutlich behutsameren Gangart aus", sagt Düregger zur "Wiener Zeitung".

Signale für Bilanzabbau?

Neben dem Beschluss einer weiteren deutlichen Zinserhöhung dürften am Donnerstag aber auch andere wichtige Themen auf der Agenda des EZB-Meetings stehen. So wird in Fachkreisen etwa erwartet, dass die Ratsmitglieder ihre Diskussion über den zukünftigen Abbau der Notenbank-Bilanz, die durch jahrelange Anleihenkäufe auf fast neun Billionen Euro angeschwollen ist, fortsetzen werden. Dabei dürften sie zunächst die Bondbestände aus dem älteren Kaufprogramm APP im Blick haben, das die EZB 2015 zur Stützung der Konjunktur beschlossen hatte.

Bisher heißt es bei ihr zum APP-Programm, dass auslaufende Anleihen auch nach der ersten Zinserhöhung für längere Zeit wieder durch neue ersetzt werden. Zuletzt soll in der EZB im Hinblick auf die Reduktion der Bondbestände von einem möglichen Startdatum im zweiten Quartal 2023 die Rede gewesen sein.