Volkswagen-Chef Oliver Blume richtet den deutschen Autokonzern stärker auf Rendite aus und will den Börsenwert auf eine neue Ebene heben. "Der Börsengang von Porsche zeigt, welches Potenzial wir haben", sagte der 54-Jährige, der seit knapp zwei Monaten Europas größten Autokonzern lenkt und in Personalunion weiterhin auch die Sportwagentochter führt.

Die in Gruppen zusammengefassten Marken des Konzerns sollen konkrete Ziele erhalten, um sie nach dem Vorbild von Porsche an Kriterien des Kapitalmarkts zu messen. Mit dem Modell nimmt Blume die Marken stärker in die Pflicht, als es sein Vorgänger Herbert Diess getan hatte. Zugleich stellt er die Software-Tochter Cariad neu auf und setzt stärker auf Kooperationen: "Wenn es bereits Lösungen auf dem Markt gibt, ist es nicht notwendig, sie selbst zu entwickeln", betonte Blume am Freitag bei der Präsentation der Quartalszahlen.

Dabei kann sich Blume auf die Finanzkraft von Volkswagen stützen: Dank robuster Geschäfte stiegen die Barmittel des Konzerns seit Jahresanfang um fast ein Viertel auf rund 32 Mrd. Euro. Dabei sind die Einnahmen aus dem Porsche-Börsengang von gut 9 Mrd. Euro noch nicht eingerechnet. Sie sollen im Schlussquartal verbucht werden.

Investitionsplanung verschiebt sich

Die Neuausrichtung wird auch darin deutlich, dass Blume die auf fünf Jahre angelegte Investitionsplanung verschiebt, die üblicherweise im November stattfindet. Aus Konzernkreisen hieß es, der Konzernchef strebe "realistischere Volumenziele" an, als diese üblicherweise mit der sogenannten Planungsrunde vorgegeben würden. Konflikte mit dem Betriebsrat seien damit nicht vorprogrammiert, sagte ein Insider.

Die Zeit bis zur Bilanzvorlage im März will Volkswagen nutzen, um die virtuellen Börsengänge der Markengruppen durchzuspielen. Die Ergebnisse sollen bei einem Kapitalmarkttag präsentiert werden. Dann solle sichtbar werden, welche Kraft in der Gruppe stecke, sagte Blume.

Volkswagen wird wegen seiner vielen Tochtergesellschaften, darunter die Massenhersteller VW, Skoda und Seat, Oberklassemarken wie Audi und Porsche, Lkw- und Bus-Hersteller unter dem Dach von Traton und der Motorradmarke Ducati an der Börse mit einem sogenannten Konglomeratsabschlag bewertet. Vor Blume haben schon mehrere Konzernchefs versucht, den Wert des Konzerns an der Börse deutlich zu steigern. Blume hofft, dass dies durch die Trockenübungen der einzelnen Marken für Börsengänge gelingt.

Konjunkturelle Schwankungen

Die Größe mit weltweit 675.000 Beschäftigten und zwölf Marken in mehreren Segmenten gilt zugleich als besondere Stärke des Konzerns, weil er konjunkturelle Schwankungen dadurch ausgleichen kann. Im dritten Quartal ließen höhere Auslieferungen und besser Verkaufspreise das operative Ergebnisse um knapp zwei Drittel auf 4,3 Mrd. Euro steigen. Damit schnitt Volkswagen nicht so gut ab wie der Konkurrent Mercedes-Benz, der sich vor Steuern und Zinsen um 83 Prozent auf 5,2 Mrd. Euro verbesserte. Analysten hatten sich mehr von VW erhofft. Die Aktie verlor in einem schwachen Umfeld fast vier Prozent an Wert.

Bei Volkswagen schlugen allerdings die Kosten für den Börsengang von Porsche und Abschreibungen durch die Aussetzung des Russland-Geschäfts mit insgesamt 1,6 Mrd. Euro zu Buche. Unter dem Strich sank der Quartalsgewinn um mehr als ein Viertel, weil VW 1,9 Mrd. Euro für die Abwicklung des mit Ford gehaltenen Startups Argo AI für Roboterautos vom Finanzergebnis abziehen musste. Den künftigen Partner beim autonomen Fahren nannte Volkswagen noch nicht. Reuters hatte unter Berufung auf Insider am Donnerstag berichtet, der Konzern werde seine Zusammenarbeit mit Mobileye ausweiten, um den Wegfall von Argo wettzumachen.

Der Zuwachs beim operativen Ergebnis fiel vor allem deshalb so hoch aus, weil die Halbleiterkrise und die Corona-Lockdowns in China die Produktion vor einem Jahr noch ausgebremst hatte. Nach Ansicht von Experten läuft die Sonderkonjunktur aus, in der die Autobauer wegen des Teilemangels vor allem renditestarke Fahrzeuge verkauften und die Preise anhoben. Die Auslieferungen stiegen im Zeitraum Juli bis September um rund 11 Prozent auf 2,2 Mio. Fahrzeuge. Das lag vor allem daran, dass aufgestaute Aufträge abgearbeitet wurden. Wegen der nachlassenden Lieferkettenprobleme nimmt inzwischen aber der Anteil von Volumenfahrzeugen zu, an denen Massenhersteller wie VW weniger verdienen.

Die Ziele für das Gesamtjahr bei Umsatz und operativem Gewinn bekräftigte der Konzern. Wegen anhaltender Lieferengpässe und der aufziehenden Rezession ist Europas größter Autokonzern beim Absatz allerdings pessimistischer geworden: Statt eines Wachstums um fünf bis zehn Prozent erwartet Volkswagen nun Auslieferungen nur noch in der Größenordnung des Vorjahres.

2023 sehen die Autobauer die nächste Krise aufziehen, wenn die hohe Inflation, steigende Zinsen und die Energiekrise in Europa durch Russlands Krieg in der Ukraine durchschlagen. (apa)