Für die Europäische Zentralbank (EZB) baut sich weiterer Druck auf - nicht nur durch die kräftigen Inflationsschübe, sondern auch durch die USA. Denn die Fed, die Notenbank der größten Volkswirtschaft der Welt, hat ihren Leitzins am Mittwoch das vierte Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte nach oben geschraubt - auf die neue Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Das setzt die Euro-Währungshüter unter Zugzwang, bei der nächsten Zinssitzung am 15. Dezember ebenfalls einen großen Schritt wie schon kürzlich zu beschließen. Sonst vergrößert sich der Zinsabstand zu den USA noch mehr, geben Experten wie etwa der Chefanalyst der Raiffeisen Bank International, Peter Brezinschek, zu bedenken.

Der Leitzins im Euroraum liegt inzwischen zwar bei 2,00 Prozent, aber deutlich unter dem nun nochmals angehobenen US-Niveau. Nicht zuletzt aufgrund der höheren Zinsen in den USA fließt viel Geld aus Europa ab. Dies schwächt den Euro im Verhältnis zum Dollar, was wiederum für Europa die in Dollar verrechneten Energieimporte verteuert und so die Inflation zusätzlich anheizt.

Fed für EZB keine Blaupause

Fachleute sprechen von einem "Teufelskreis", der die Euro-Notenbanker vor große Herausforderungen stelle. Dennoch sieht EZB-Präsidentin Christine Lagarde in den Zinsentscheidungen ihrer amerikanischen Kollegen keine Richtschnur für die Geldpolitik in der Eurozone. Zwar beeinflusse die Fed mit ihrer geldpolitischen Linie die globalen Märkte, sagte die Französin am Donnerstag laut einer Reuters-Meldung in einer Konferenz der lettischen Notenbank in Riga. Doch könne die EZB die Entscheidungen der US-Notenbank nicht einfach nachahmen. Die Konjunktur auf beiden Seiten des Atlantiks sei nicht gleichartig, unterstrich Lagarde. Die EZB könne daher nicht "im gleichen Tempo" wie die Fed im Kampf gegen die ausufernde Inflation vorgehen.

Dass sich das Zinskarussell künftig schneller drehen wird, ist freilich so gut wie sicher. In Riga räumte Lagarde ein, dass eine Rezession nicht ausreichen werde, um die Inflation in Zaum zu halten. Auch Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank und EZB-Ratsmitglied, sprach sich am Donnerstag für weitere Zinserhöhungen aus, nachdem die Europäische Zentralbank ihre Schlüsselsätze in der Vorwoche abermals um 0,75 Prozentpunkte angehoben hatte. Zuvor hatte Nagel in einem Zeitungsinterview betont, dass die Inflation hartnäckig sei und die Geldpolitik daher noch hartnäckiger sein müsse. Es gelte, entschlossen zu handeln.

USA vor weiteren Zinsschritten

In den USA ist die jüngste Zinserhöhung schon die sechste im laufenden Jahr. Anders als die EZB, die nach jahrelanger Nullzinspolitik erst im Juli eine Zinswende eingeleitet hat, dreht die Fed bereits seit März an der Zinsschraube. Und daran wird sich angesichts der anhaltend hohen Inflation, die sich im September nur moderat - auf 8,2 Prozent - abgeschwächt hat, vorerst auch nichts ändern.

Monika Rosen, Finanzmarktanalystin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG), verweist dazu auf Aussagen des US-Notenbankchefs Jerome Powell nach dem Zinsbeschluss vom Mittwoch: "Powell hat gesagt, dass die Zinsanhebungen bei Weitem noch nicht zu Ende seien und die bisherigen Schritte weniger stark gewirkt hätten als erhofft." Rosen zieht daraus den Schluss, dass es noch nicht ausgemacht sei, dass bei der nächsten Fed-Sitzung im Dezember nur noch 0,50 Prozentpunkte kommen.

Dass künftige Zinserhöhungen in Summe an Fahrt verlieren und vielleicht sogar eine Wende in der US-Geldpolitik bevorsteht - auf solche Signale von Powell hatten die Märkte aber gehofft. Irritiert zeigten sie sich laut Rosen auch von den Ausführungen des Fed-Präsidenten, wonach die Chancen auf eine sanfte Landung der US-Wirtschaft gesunken seien.

Ökonom Bastian Hepperle von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank meint dennoch, dass die 0,75 Prozentpunkte vom Mittwoch "aller Voraussicht nach der letzte XXL-Zinsschritt für dieses Jahr" gewesen seien. Es brauche Zeit, bis die beispiellose massive Straffung der Geldpolitik auf die Gesamtwirtschaft durchwirke, so Hepperle zu Reuters. Mit jedem weiteren Zinsschritt nähmen die Risiken aus einer zu starken Straffung zu.

Jahrhundertrezession in Großbritannien?

Die Bank of England hat am Donnerstag in ihrem Kampf gegen die Inflation, die zuletzt schon bei 10,1 Prozent lag, den Leitzins ebenfalls um 0,75 Prozentpunkte erhöht - auf 3,00 Prozent. Dies war die kräftigste Anhebung seit 33 Jahren. Die Notenbank signalisierte weitere Zinsschritte. Zugleich warnte sie vor einer Rezession mit Rekorddauer in Großbritannien - einer Phase von acht aufeinanderfolgenden Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung.