Mit einem kräftigen Ruck hackt José Domingo Salvador ein Palmfruchtbündel nach dem anderen ab. Das feucht-schwüle Tropenklima lässt die Kleidung an seinem Körper kleben. Um an die Früchte in den hohen Baumkronen zu kommen, benutzt José eine lange Metallstange, an deren Ende eine Sichel befestigt ist. Danach hievt er die mehr als 30 Kilo schweren Fruchtbüschel auf den Karren, der von einem Wasserbüffel gezogen wird, und geht zur nächsten Palme.

Eine schweißtreibende Arbeit. Doch José ist zufrieden. Zuvor hatte er noch seine eigene kleine Farm, baute vor allem Bananen und Yuca für den Eigenverbrauch an. Den Rest verkaufte er auf dem Wochenmarkt in seinem Heimatdorf Mandinga im Hinterland der kolumbianischen Karibikküste. "Aber damit konnte ich meine Familie nicht ernähren", erklärt der 47-jährige Erntehelfer mit drei Kindern. So heuerte er vor fünf Jahren auf der Palmölfinca Rionilo in María La Baja an. Er hätte auch auf den zahlreichen Reis- oder Bananenplantagen in der Region arbeiten können. "Aber hier bekommen wir nicht nur feste Jobs, ein festes Monatsgehalt und Urlaubstage, sondern auch eine Renten- und Krankenversicherung", erklärt José.

Was sich für Westeuropäer vollkommen normal anhört, scheint in Kolumbiens Landwirtschaft eher eine Ausnahme zu sein. Auf den Kaffee- oder Kakaoplantagen erhalten rund 80 Prozent der Arbeiter lediglich Verträge als Tagelöhner oder Saisonarbeiter - ohne Gesundheits- oder Rentenversicherung. "Wir haben es in den vergangenen zehn Jahren hingegen geschafft, dass 83 Prozent aller Angestellten im Palmölsektor einer formellen Beschäftigung mit festen Arbeitsverträgen und Versicherungen nachgehen können", sagt Andrés Felipe García nicht ohne Stolz. Er ist beim Verband kolumbianischer Palmölunternehmen Fedepalma für "Nachhaltige Entwicklung" zuständig.

Marktführer in einem stetig wachsenden Markt

Palmenzüchtlinge auf einer Plantage in Maria La Baja im Norden Kolumbiens.
Palmenzüchtlinge auf einer Plantage in Maria La Baja im Norden Kolumbiens.

Die Errungenschaft ist aber aus einer Not geboren. Zwar ist Kolumbien mit einer Jahresproduktion von 1,7 Millionen Tonnen und einem Umsatz von 2 Milliarden US-Dollar der weltweit viertgrößte Palmölproduzent nach Indonesien, Malaysia und Thailand, doch mit nur 2 Prozent am globalen Markt eigentlich ein Zwerg. Allein Indonesien und Malaysia produzieren rund 80 Prozent des weltweiten Palmöls. "Dagegen können wir nicht konkurrieren. Also haben wir angefangen, unsere Nische auf den Weltmärkten mit nachhaltigem Palmöl zu suchen", erklärt García.

Erntehelfer José Domingo Salvador belädt seinen vom Wasserbüffel gezogenen Karren.
Erntehelfer José Domingo Salvador belädt seinen vom Wasserbüffel gezogenen Karren.

Mit Erfolg. Heute ist Kolumbien Marktführer bei nachhaltig produziertem Palmöl. Ein Markt, der stetig wächst, vor allem in Europa. Berichte über Kinderarbeit, Ausbeutung der Erntearbeiter und vor allem über die massive Abholzung von Regenwald für Palmölplantagen in Indonesien und Malaysia hätten dem Image des tropischen Pflanzenöls nicht nur erheblichen Schaden zugefügt, sondern sogar zu einem Boykott gerade in Europa geführt, so García. "Damit hatten wir eine Nische gefunden. Neben fairen Arbeitsbedingungen haben wir umweltverträglichere Produktions- und Anbauverfahren entwickelt und vor allem die Abholzung von Regenwald verhindert", versichert der Nachhaltigkeitsmanager des Unternehmerverbands.

Im Naturzustand ist Palmöl rostrot.
Im Naturzustand ist Palmöl rostrot.

Tatsächlich steht der Sektor kurz davor, sein selbsterklärtes Ziel der "Null-Abholzung" zu erreichen. Bereits vor über mehr als Jahren schloss man dafür sogar ein Abkommen mit der Regierung und mehreren NGOs. Die Abholzung von Regenwald ist auch in dem südamerikanischen Karibikstaat ein Problem. Doch laut dem staatlichen Institut für Hydrologie, Meteorologie und Umweltstudien (Ideam) beträgt die mit dem Palmanbau verbundene Abholzung von Regenwäldern tatsächlich nur noch 0,4 Prozent.

Die Frucht der Ölpalme.
Die Frucht der Ölpalme.

Natürlich sei nicht alles Gold, was glänze, und es gebe auch schwarze Schafe in der Branche, gibt García zu. Mit dem Abkommen wolle man aber sicherstellen, dass in Kolumbien schon bald die gesamte Palmölproduktion aus Gebieten innerhalb der Agrargrenze stamme. "Die Welt soll Kolumbien nicht nur für seinen guten Kaffee, sondern auch für sein nachhaltiges Palmöl kennenlernen", so der Wirtschafts- und Agrarexperte.

Nachhaltigkeitszertifikate werden immer wichtiger

Ölpalmenernte auf der kolumbianischen Plantage Rionilo.

Ölpalmenernte auf der kolumbianischen Plantage Rionilo.

Vom Ziel, in Kolumbien ausschließlich nachhaltiges Palmöl zu produzieren, ist man allerdings noch fern, gibt Nicolás Pérez Marulanda, Präsident der kolumbianischen Palmölvereinigung Fedepalma, zu. Von den rund 7.000 Palmölproduzenten verfügen derzeit nur knapp die Hälfte über die internationalen Nachhaltigkeitszertifikate. Aber es werden mehr und mehr, da Europa - und auch die österreichischen Lebensmittelherstellung - zunehmend Palmöl aus nachhaltigem und zertifiziertem Anbau fordert. Vor allem die von der Umweltschutzorganisation WWF initiierte RSPO-Zertifizierung (Round Table on Sustainable Palm Oil), die Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit von den Palmölproduzenten verlangt, wird immer wichtiger, um sich auf dem europäischen Markt durchzusetzen.

Doch abgesehen von rein verkaufstechnischen Aspekten lohne es sich auch ökonomisch, nachhaltig zu produzieren, versichert Alejandro Espitia. "Unsere Produktionskosten sind mit der Zeit deutlich gesunken." Um weniger Düngemittel und Agrochemikalien zu benutzen, was Geld kostet, und die Biodiversität zu erhalten, bepflanzt er den Boden seiner Palmölplantagen mit Deckpflanzen. Als Düngemittel kauft er Hühnerkot. Herabfallende Palmenblätter werden als Biokompost liegengelassen. Deshalb setzt Alejandro für die Ernte auch elf Wasserbüffel ein, um nicht den Boden mit schweren Trekkern zu zerstören. Ein weiterer Vorteil: Durch die grüne Bodendecke gehe weniger Wasser verloren, erklärt er.

Alejandro ist der Besitzer der Rionilo-Plantage, auf der auch José als Erntehelfer arbeitet. Zuvor züchtete seine Familie vor allem Vieh. Die ständige Bedrohung durch die Farc-Guerilla im bergigen Hinterland der Karibikküste hielt ihn lange davon ab, ins Palmölgeschäft einzusteigen. "Es gab ständig Attentate, Bauern wurden entführt oder sogar ermordet", erzählt der 40-Jährige. Doch seit 2002 beruhige sich die Lage. Seit dem Friedensabkommen mit der Regierung 2017 und der Auflösung der Guerilla sei man fast schon zur Normalität zurückgekehrt. So haben Alejandro und seine Frau Adriana die Palmölplantage mittlerweile auf 300 Hektar und 50 Angestellte erweitert. Seine Palmfrüchte bringt er wie die meisten anderen Palmölbauern zur Verarbeitungsfabrik des Großunternehmens Oleoflores, wo sie sterilisiert, gepresst und zu Öl verarbeitet werden.

Kleinere und mittlere Produzenten dominieren

Alejandro ist mit Sicherheit ein Vorzeigebeispiel. Immer wieder kritisieren NGOs auch, dass viele Kleinbauern von größeren Palmölunternehmen von ihren Ländereien förmlich vertrieben werden. Im Gegensatz zu Ländern wie Indonesien und Malaysia, wo sich wenige Großunternehmen mit Monokulturen von mehr als einer Million Hektar den Palmölmarkt untereinander aufteilen, ist der Sektor in Kolumbien mit 85 Prozent noch fest in der Hand von kleineren und mittleren Produzenten, die über Anbauflächen zwischen 10 und 50 Hektar verfügen.

Viele Kleinbauern werden sogar von der Regierung in Bogotá finanziell animiert, ins Palmölgeschäft einzusteigen. Bereits seit 1994 hilft die Regierung mit Unterstützung der USA, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank vor allem Coca-Bauern. Die illegalen Coca-Felder sollen in Kolumbien verschwinden, damit auch der Drogenhandel mit Kokain abnimmt.

Teresa Peña ist so ein Fall. Bis 2008 unterhielten sie und ihr Mann in Catatumbo nahe der Grenze zu Venezuela eine kleine Farm mit einem Hektar Coca-Pflanzen. Eine Konfliktregion, in der die Farc-Guerilla die Kleinbauern indirekt dazu zwang, Coca anzubauen, weil sie mit dem Kokainhandel ihren Kampf gegen die Regierung und die Paramilitärs finanzierte.

"Damals bot mir die Regierung an, anstatt Coca Ölpalmen anzubauen", berichtet Teresa. Man gab ihr einen günstigen Kredit, um Pflanzen und Dünger zu kaufen. Zudem erhielt jeder Coca-Bauer, der zum Palmöl überging, pro Hektar Land 7,5 weitere Hektar geschenkt. Teresa überlegte sich das Angebot nicht zweimal. Bis zu tausend Coca-Bauern wechselten allein in ihrer Region mit dem "Plan Kolumbien" zu Ölpalmen über.

"Wir leben jetzt besser als zuvor mit der Coca-Produktion"

Da immer mehr Palmöl exportiert wird, war die Abnahme garantiert. Das Geschäft ging auf. Sie bestätigt die Schätzung des Fedepalma-Verbands, dass die Bauern mit Palmölplantagen pro Hektar einen Nettoverdienst von 3,5 kolumbianischen Monatsgehältern erwirtschaften. Teresa und ihre Familie haben sich bereits 10 weitere Hektar gekauft und zwei Erntehelfer eingestellt. Zusammen mit den anderen ehemaligen Coca-Bauern haben sie mittlerweile sogar ihre eigene Produktionsfabrik. "Die Ölpalme hat hier alles verändert. Wir leben jetzt besser als zuvor mit der Coca-Produktion", sagt sie und zeigt auf ihre pinken und grünen Gummiarmbänder mit der Aufschrift "La Palma es vida" ("Die Palme ist Leben").

Ende September erzählte Teresa auf dem Internationalen Palmölkongress in Kolumbiens Küstenmetropole Cartagena de Indias über ihre Erfahrungen. Immerhin stand die "gesellschaftliche Transformationskraft" der Palme im Mittelpunkt des Treffens. Fedepalma-Präsident Nicolás Pérez ist sich sicher, die Position Kolumbiens als internationaler Vorreiter in der nachhaltigen Palmölproduktion in den kommenden Jahren weiter festigen zu können. Gerade die Europäische Union fordert immer mehr Qualitäts- und Nachhaltigkeitszertifikate.

Vor allem Biomarkten wie Allos, Alnatura, Rapunzel und auch der Babynahrungsmittelproduzent Hipp setzen in ihren Milchnahrungsprodukten auf sozialverträglich und umweltschonend hergestelltes Biopalmöl aus Kolumbien. Das wundert Pérez Marulanda kaum. "Palmöl hat viele gesundheitsfördernde Komponenten, 15 Mal mehr Carotin als Karotten, einen hohen Vitamin-E-Anteil und ist reich am Coenzym Q1", versichert der Fedepalma-Chef.

Palmöl habe ohne weitere Veränderungen, also direkt nach der Pressung, in der Tat einen hohen Gehalt an Carotinoiden und Vitamin E, erklärt auch Jürgen König, Ernährungswissenschafter an der Universität Wien. "Allerdings wird der weitaus größte Anteil des Palmöls nicht durch Pressung, sondern durch Extraktion gewonnen und danach raffiniert. Bei diesem Prozess wird nahezu das ganze Carotin und Vitamin E entfernt", gibt er zu bedenken.

Bei der industriellen Verarbeitung von Palmöl können durchaus krebserregende Stoffe entstehen. Wenn Palmöl beispielsweise zu stark erhitzt wird, bilden sich 3-MCPD-Fettsäureester und Glycidol-Fettsäureester. Der teilweise hohe Anteil an gesättigten Fettsäuren erhöht zudem das Risiko von Herzkreislauferkrankungen.

In fast jedem zehnten Supermarktprodukt

Raps- und Sonnenblumenöl haben eine günstigere Fettsäurezusammensetzung, Kokosfett hingegen eine ungünstigere. Generell sei aber auch raffiniertes Palmöl und Palmkernfett per se nicht ungesund. "Wie immer hängt eine gesundheitlich positive oder negative Wirkung auch hier von der Menge in der Ernährung und der restlichen Zusammensetzung der Ernährung ab", erklärt der Wiener Ernährungsexperte Jürgen König.

Außerdem unterliegen Lebensmittel in Österreich strengen Sicherheitsvorschriften und dürfen laut Lebensmittelgesetz grundsätzlich nicht unsicher für Verbraucherinnen und Verbraucher sein. Dies werde daher auch durch die amtlichen Kontrollstellen regelmäßig überprüft. "Es besteht also kein Grund, Palmöl aus gesundheitlichen Gründen vollständig zu vermeiden", meint der Fachmann.

Das wäre auch schwierig. Denn heutzutage befindet sich in fast jedem zehnten Supermarktprodukt Palmöl. Im Gegensatz zu tierischen Fetten lässt sich Palmfett einfach verarbeiten, ist hitzestabil, geschmacksneutral und lange haltbar. So bleiben Produkte wie Backwaren, Kekse oder Streichfette länger genießbar. Resultat: Es befindet es sich in Fertigsuppen, Chips, Schokoriegeln, Eiscreme, Kerzen, Frittierfett und Margarine. Palmöl ist in Nutella, Crunchy-Müsli von Allos und Rahmspinat von Alnatura ebenso zu finden wie in Kosmetikartikeln von The Body Shop. Der Waschmittelkonzern Henkel gehört zu den größten Palmkernverbrauchern Europas. Palmölprodukte sind also auch in Persil, Fa und Schauma-Haarshampoo. Praktisch alle großen Lebensmittelunternehmen benutzen Palmölprodukte, von Nestlé über Procter&Gamble bis hin zu Unilever. Auch die großen Fast-Food-Ketten benutzen Palmfett zum Frittieren von Pommes und Burgern. Kaum ein Rohstoff lässt sich so vielseitig einsetzen. Es dient sogar als Biosprit.

Das Problem für die Verbraucher: Man weiß nicht, ob das Palmölprodukt - sei es nun Palmfett oder Palmkernöl - aus nachhaltigem Anbau aus Kolumbien stammt oder aus asiatischen Ländern wie Indonesien. Wobei hier die Wahrscheinlichkeit aufgrund der produzierten Menge als auch des günstigeren Preises deutlich auf die asiatischen Länder hinzielt. Was jedoch feststeht: Man kommt anscheinend nicht ums Palmöl nicht herum. Die Ölpalme zählt zu den wichtigsten Ölpflanzen der Welt. Mit fast einem Drittel Marktanteil und einer Gesamtproduktion von jährlich 60 Millionen Tonnen ist Palmöl vor Sojaöl das meistproduzierte Pflanzenöl der Welt.

"Höchster Ertrag im Vergleich zu anderen Ölpflanzen"

Bis 2050 werden etwa neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, um zweieinhalb Milliarden mehr als heute. "Um die wachsende Erdbevölkerung zu ernähren, müssen wir die Pflanzenölproduktion deutlich erhöhen. Es führt also kein Weg an Palmöl vorbei", stellt auch Pérez Marulanda klar. Der Fedepalma-Chef gibt auch Argumente, warum gerade bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung vor allem Palmöl gut ist und ein Verzicht auf den Rohstoff sogar kontraproduktiv für die Umwelt und den Klimawandel wären: "Ölpalmen haben den höchsten Ertrag im Vergleich zu anderen Ölpflanzen. Zudem benötigen Öle aus Sonnenblumen oder Raps benötigen fünfmal so viel Anbaufläche und deutlich mehr Wasser für die gleiche Ölmenge."

Und es sei klimatisch sinnvoll, die Ölproduktion auf dem Globus mehr zu verteilen: "Palmöl ist das einzige Öl, das in tropischen Regionen wie Südamerika, Afrika oder Asien hergestellt wird, während fast alle anderen Pflanzenöl in Nordamerika und Europa produziert werden." Der immer wieder gerade in Europa geforderte komplette Verzicht auf Palmöl in der Lebensmittelherstellung sei also weder aus ökologischer noch aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht sinnvoll.

Dennoch steht das tropische Palmöl immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Für Pérez Marulanda handelt es sich dabei klar um mediale Marketing-Kampagnen der Hersteller pflanzlicher Konkurrenzölen wie Sojaöl aus den USA oder Sonnenblumenöl aus Europa, die aufgrund der umweltfreundlicheren und günstigeren Produktionsverfahren von Palmöl nicht konkurrieren könnten. Doch gerade für ärmere Länder wie das seine sei die Palmölproduktion ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und sichere die Lebensgrundlage von Millionen Menschen, meint der Fedepalma-Präsident. Für Menschen wie Erntehelfer José. Mittlerweile ist sein Karren bis obenhin mit Palmfruchtbündeln gefüllt. Er nimmt den Wasserbüffel an die Leine und geht gemütlich durch den Palmenwald zum zentralen Lagerplatz, um die Tagesernte abzugeben.