Am Sonntag beginnt die 27. Klimakonferenz in Ägypten. Schon im Vorfeld fordern viele Länder ein Finanzierungsinstrument, das unter dem Namen "Loss and Damage" bekannt ist. Darunter versteht man Schäden und Verluste, die trotz Anpassungsmaßnahmen durch die Klimakrise entstehen oder unvermeidbar sind. Sidra Adil ist Wissenschafterin und im Bereich Katastrophenmanagement in Pakistan tätig. Mit der "Wiener Zeitung" sprach sie über Verluste und Schäden der Klimakrise.

"Wiener Zeitung": Im heurigen Sommer kam es in Pakistan zu einer Flutkatastrophe, durch die an die 30 Millionen Menschen obdachlos geworden sind. Was hat das mit dem Land gemacht?

Sidra Adil: Ich lebe in Karachi, der größten Stadt Pakistans. Auch hier hat sich viel Wasser angesammelt. Für eine gewisse Zeit konnten wir die Häuser nicht verlassen und es kam zu Unruhen. Trotzdem ist es ein Privileg in einer großen Stadt zu leben, weil das Wasser schneller abfließt und wir das Geld haben, uns von so einer Katastrophe schnell zu erholen. Menschen mit weniger Einkommen haben dieses Privileg nicht. Das Wasser im ländlichen Teil ist teilweise noch so hoch, dass es noch Monate dauern wird, bis es abgeflossen ist.

Sidra Adil ist Wissenschafterin im Bereich Klima und Katastrophen am "Collective for Social Science Research" und berät die pakistanische Regierung.
Sidra Adil ist Wissenschafterin im Bereich Klima und Katastrophen am "Collective for Social Science Research" und berät die pakistanische Regierung.

Was wird unter "Loss and Damage" genau verstanden?

Neben Klimaschutz und Klimaanpassung, entstehen auch Schäden und Verluste durch die Klimakrise. Bei "Loss and Damage" geht es um die Fähigkeit, alle Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen, die trotz Anpassungsmaßnahmen entstehen oder nicht vermeidbar sind. Menschen, die von der Flut vertrieben wurden, haben ihre Lebensgrundlage, Familien und ihr Dach über dem Kopf verloren. Sie haben psychische und körperliche Probleme. All diese Kosten müssen berücksichtigt werden, aber das passiert nicht.

Was kommt auf Pakistan durch die Klimakrise zu?

Pakistan ist sehr anfällig für Überschwemmungen und Dürren. Seit der Gründung Pakistans haben wir mit Überschwemmung und Unterernährung zu kämpfen. Wir haben uns die Wetterereignisse über einen Zeitraum von 30 Jahren angesehen. Was die starken Regenfälle dieses Jahr betrifft, sind wir sicher, dass sie durch die Klimaerwärmung verstärkt wurden. All diese Probleme werden in Zukunft wahrscheinlich noch schlimmer und weitere kommen hinzu: Wie die Migration aufgrund von Hitze. Schon heute steigen die Temperaturen an manchen Orten auf 50 Grad Celsius. Da so viele Menschen in Städten Schutz suchen, kommt es auch zu Konflikten.

Warum ist "Loss and Damage" gerade bei dieser Klimakonferenz ein wichtiges Thema?

Aufgrund der vielen Extremwetterereignisse dieses Jahr haben viele Menschen verstanden, was mit Verlusten und Schäden gemeint ist. Viele fordern deshalb, diesem Thema die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Auch viele reichere Länder sind bereit darüber zu reden. Vor allem, weil sie wissen, dass diese Abkommen nicht bindend sind.

Wer soll für die Schäden bezahlen und wer das Geld erhalten?

Es ist eine sehr unvorhersehbare Zukunft, die auf uns zukommt, und leider hängt sie nicht nur vom globalen Süden, sondern auch vom globalen Norden ab. Wenn es um die Kosten für Verluste und Schäden geht, sind vor allem jene Länder gefragt, die am meisten Treibhausgase ausstoßen. Dazu gehören die USA, China oder Indien. Diese Emissionen haben einen Preis und müssen bezahlt werden. Zum Beispiel an Länder wie Pakistan, ein Land das weniger als ein Prozent der weltweiten Emissionen verursacht.

Gibt es neben der Klimakrise auch andere Gründe für die Flutkatastrophe?

Ohne den Klimawandel wäre es nicht zu diesen Extremwetterereignissen gekommen. Ich denke aber, dass wir in gewissem Maße auch selbst dazu beigetragen haben, dass es so weit gekommen ist. Ein großes Problem in Pakistan ist, dass Katastrophenmanagement sehr wenig Priorität in diesem Land hat. Sehr viele Menschen leben in ländlichen Gebieten. Aufgrund der schlechten Verwaltung konnten sie an Orten Häuser bauen, die stark von Überflutungen betroffen sind. Das hat auch finanzielle Gründe. Pakistan gibt ungefähr ein Prozent des Budgets für Bildung und vielleicht zwei Prozent für Gesundheit aus. 60 bis 70 Prozent fließen an die Streitkräfte. Man sieht also, dass Gesundheit in diesem Land nur wenig Priorität hat. Wir können uns nicht nur auf die Unterstützung der USA oder China verlassen, sondern müssen auch als Land aufstehen und Entscheidungen treffen, die uns in Zukunft schützen.

Welche Auswirkungen haben diese Katastrophen auf die wirtschaftliche Stabilität des Landes?

Rund 50 Prozent unseres BIP werden in der Landwirtschaft erwirtschaftet. Das ist unsere Haupteinnahmequelle. Ein Großteil des Landes steht im Moment aber unter Wasser. Ohne Warnsysteme zu entwickeln und unser Bestes zu geben, um alle Betroffenen an einen Tisch zu bringen, wird es leider sehr schwierig für Pakistan. Viele Menschen werden von den Extremwettern betroffen sein und werden ärmer. Der Kreislauf der Armut wird sich auf diese Weise fortsetzen, weil Menschen nicht arbeiten können, wenn ihr Arbeitsplatz unter Wasser steht.

Schon vor drei Jahrzehnten wurde versprochen, etwas gegen Schäden und Verluste, die aufgrund der Klimakrise entstehen, zu tun. Warum ist bisher nicht mehr passiert?

Der globale Norden weiß, dass diese Abkommen nicht bindend sind. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass beispielsweise die USA jemals für ihre Emissionen aufkommen werden. Denn es passt nicht zu dieser kapitalistischen Art der Entscheidungsfindung, bei der maximales Wachstum an erster Stelle steht.

Mit dem "Green Climate Fund" sollten jährlich 100 Milliarden Dollar an Länder fließen, die stark vom Klimawandel betroffen sind. Bisher ist das aber nicht passiert.

Der grüne Klimafonds macht nicht einmal 1,1 Prozent des Bedarfs aus. Außerdem entscheidet nicht die Gemeinschaft, sondern der Geldgeber, was mit dem Geld passiert. Wichtig ist aber auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen. In Pakistan bekommen betroffene Menschen beispielsweise 20 bis 30 Euro pro Monat. Das ist zwar nicht nichts, aber es ist zu wenig. Es wäre eine große Hilfe, wenn jene Länder, die uns mit Geld ausgeholfen haben, unsere Schulden erlassen. Aber das will leider niemand.

Was sagen Sie jenen, die in reichen Ländern wie Österreich leben, mit steigenden Preisen zu kämpfen haben und nicht verstehen, warum auch sie einen finanziellen Beitrag leisten sollen?

Von diesen Menschen werde ich das nie verlangen. Denn das Ausmaß an Ungerechtigkeit, das uns angetan wird, erleben auch jene Personen, von denen Sie sprechen. Es ist nicht ihre Schuld, dass es so weit gekommen ist. Denn die kapitalistische Marktwirtschaft führt dazu, dass arme Menschen ärmer und reiche Menschen reicher werden. Ich glaube außerdem, eine faire Verteilung des Geldes, kann unser aller Leben verbessern.

Verlust umfasst beispielsweise auch ein verlorenes Menschenleben. Wie kann man dem einen angemessenen Preis geben?

Wir sollten auf jeden Fall anfangen, über den Wert von Menschenleben nachzudenken. In unserer Wirtschaft spielen Menschen eine wesentliche Rolle. Ist ein Mensch aber gestorben, psychisch oder körperlich krank, kann er nicht mehr funktionieren, wie es von ihm erwartet wird. Manche Menschen scheinen außerdem mehr wert zu sein als andere, wenn man beispielsweise an Rassismus denkt. Können wir das menschliche Leben überhaupt beziffern? Das sind Fragen, denen wir uns stellen müssen.

Wie geht man in Pakistan mit den Folgen der Katastrophe um?

Als Erstes haben wir ein nationales Koordinierungs- und Kontrollzentrum eingerichtet. Dadurch kommen alle Provinzen zusammen, und wir können miteinander darüber sprechen, was wir für jede Provinz tun sollten. NGOs spielen in diesem Moment eine sehr wichtige Rolle. Sie sind diejenigen, die Hilfe leisten. Das Problem ist nur, dass sich diese Organisationen untereinander nicht koordinieren. Dadurch werden nicht so viele Gemeinden erreicht, wie es möglich wäre. Ich spüre aber diesen Hauch des Wandels und dass darüber nachgedacht wird, weitsichtigere Politik zu betreiben, weil kurzfristige Maßnahmen nicht funktionieren.

Erst kürzlich wurde verkündet, dass sich das 1,5-Grad-Ziel wohl nicht mehr ausgehen wird. Wie geht es Ihnen damit?

Wir sind ja auch gerade dabei, das Ozonloch zu schließen, weil es wichtig und dringend ist. Ich setze deshalb sehr viel Hoffnung in die Gemeinschaften. Auch in Pakistan hat sich gezeigt: Wir helfen uns gegenseitig, wenn es notwendig ist. So können wir eine bessere Welt schaffen, in der die Systeme allen Menschen zugutekommen und nicht nur jenen, die an der Spitze stehen. Das ist es, worauf ich mich an schlechten Tagen konzentriere.