Als die internationalen Klimaverhandler im November 2021 in Glasgow zusammenkamen, waren die Hoffnungen auf einen Neustart groß. Nach der zweijährigen Corona-bedingten Pause gab es in der schottischen Metropole erstmals wieder eine UN-Klimakonferenz mit persönlicher Präsenz, und der Machtwechsel in Washington versprach ein neues Momentum. Anders als in den Jahren unter Donald Trump, als die USA als Störenfried mit am Verhandlungstisch saßen, wollte der neue Präsident Joe Biden sein Land zum globalen Vorreiter in Sachen Klimaschutz machen.

Den vor allem von Umweltschutzorganisationen erhofften großen Durchbruch gab es aber auch in Glasgow nicht. Doch zumindest in einigen Bereichen schien sich die Welt in die richtige Richtung zu bewegen, um das im Jahr 2015 beim historischen Pariser Klimagipfel ausgegebene 1,5-Grad-Ziel am Leben zur erhalten. Trotz aller Differenzen verständigten sich die USA und China in Schottland darauf, beim Klimaschutz stärker zusammenarbeiten zu wollen und ihre Anstrengungen zu erhöhen. Knapp 90 Staaten verpflichteten sich, den Ausstoß des extrem klimaschädlichen Treibhausgases Methan substanziell zu verringern, die globale Entwaldung sollte bis zum Jahr 2030 gestoppt werden.

Selbst bei der Kohlenutzung gab es - zumindest auf dem Papier - erstmals Bewegung. Nach zähem Ringen versprach die internationale Staatengemeinschaft, die klimaschädliche Kohleverbrennung schrittweise herunterzufahren und die Subventionen für fossile Brennstoffe nachhaltig zu reduzieren.

Fossile Renaissance

Dass sich die in Glasgow begonnene Entwicklung nun in Sharm-El-Sheikh, wo ab Sonntag knapp 30.000 Delegierte aus knapp 200 Ländern zur 27. Weltklimakonferenz zusammenkommen, fortsetzt, ist aber mehr als fraglich. Denn die Welt ist in den vergangenen acht Monaten eine fundamental andere geworden. So hat Russland mit seinem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar nicht nur die europäische Sicherheitsordnung pulverisiert, sondern auch eine globale Energie- und Versorgungskrise ausgelöst, deren Schockwellen in vielen Bereichen spürbar sind.

Nicht einmal ein Jahr nach dem Höhepunkt der Corona-Krise müssen Regierungen nun nicht nur eine Antwort auf die explodierenden Strom- und Gaspreise und die in lichte Höhen gestiegene Inflation finden, sondern auch die Energieversorgung auf völlig neue Beine stellen, um die Ausfälle bei russischem Gas und Öl zu kompensieren.

Der Klimaschutz ist dabei auf der Agenda nach unten gerutscht. So hat Biden die Ölindustrie in den vergangenen Monaten immer wieder dazu aufgefordert, die Förderquoten zu erhöhen, um die hohen Treibstoffpreise zu senken. Deutschland, das angesichts der immer weniger gewordenen Lieferungen aus Russland auch um seine Industrie fürchtet, hat mittlerweile Milliardensummen in den Bau neuer Flüssiggasterminals an der Küste gesteckt.

Selbst die Kohle erlebt angesichts der geänderten Prioritäten ein unerwartetes Comeback. Wie in Österreich, wo das 2020 stillgelegte Kraftwerk im steirischen Mellach im Bedarfsfall als eiserne Reserve wieder ans Netz gehen soll, werden auch in anderen Ländern wieder kalorische Kraftwerke hochgefahren, um die Stromversorgung in diesem Winter zu garantieren.

Der Krieg in der Ukraine ist aber nicht die einzige geopolitische Krise, die wie ein Damoklesschwert über der Klimakonferenz in der ägyptischen Tourismushochburg schwebt. Auch die Spannungen zwischen den USA und China, die sich in den vergangenen Monaten vor allem wegen der Taiwan-Frage verschärft haben, verheißen nicht Gutes. "Fortschritte können zwar auch ohne die Vereinigten Staaten und die Volksrepublik erzielt werden, dort einfacher wird es dadurch nicht", sagt Alden Meyer von der Klima-Denkfabrik E3G. "Die sich verschlechternden diplomatischen Beziehungen bedeuten in jedem Fall massiven Gegenwind für die internationalen Klimaschutzbemühungen."

Länder hinken hinterher

Wie sehr die Zeit drängt, zeigen aber schon allein die Berichte, die das UN-Klimasekretariat UNFCC im Vorfeld des Gipfeltreffens in Ägypten veröffentlicht hat. Denn selbst wenn sich alle Länder an die von ihnen eingereichten nationalen Reduktionspläne (NDCs) halten, werden die Emissionen bis zum Jahr 2030 noch um 10,6 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2010 ansteigen. Für das 1,5-Grad-Ziel, mit dem die Folgen der Erderwärmung auf ein erträgliches Maß reduziert werden sollen, ist laut Klimawissenschaftern allerdings eine Senkung um 43 Prozent notwendig.

"Um dieses Ziel im Bereich des Möglichen zu halten, müssen die nationalen Regierungen ihre Klimaschutzpläne jetzt verschärfen und sie in den nächsten acht Jahren umsetzen", sagt UN-Klimachef Simon Stiell. Seit der Konferenz in Glasgow, bei der sich alle Teilnehmer darauf verpflicht hatten, noch in diesem Jahr ihre neuen NDCs vorzulegen, haben dies allerdings nur 26 von knapp 200 Staaten getan.

In Sharm-El-Sheikh dürften zwar noch einige Länder wie Chile, Mexiko oder die Türkei nachziehen, dass große Treibhausgas-Verursacher wie China oder Indien ebenfalls neue und verschärfte Pläne vorstellen, wird aber nicht erwartet. Die zwölftägigen Verhandlungen in Ägypten werden sich daher vor allem um Finanzhilfen für ärmere Länder drehen, mit deren Hilfe sowohl Klimaschutzmaßnahmen wie auch eine Anpassung an Hitzeperioden, Dürren oder Überschwemmungen bewerkstelligt werden sollen.

So haben die reichen Industrieländer, die für 80 Prozent der seit Beginn der Industriellen Revolution ausgestoßenen Treibhausgase verantwortlich sind, versprochen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für diese Maßnahmen zur Verfügung zu stellen, doch die Summe wurde bisher nicht erreicht. Laut der Greenpeace kamen zuletzt knapp 80 Milliarden im Jahr zusammen, von denen ein Großteil rückzahlungspflichtige Darlehen waren.

Historische Verantwortung

Nicht offiziell auf der Tagesordnung findet sich dagegen wie auch schon bei früheren Klimakonferenzen das Thema "Loss and Damage", bei dem es vor allem um Kompensationen für die schon jetzt durch den Klimawandel entstehenden Schäden geht - etwa wenn ganze Landstriche durch Dürren oder Überschwemmungen unbewohnbar werden. Die Industriestaaten, die von den armen Ländern für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden, haben sich bisher aber geweigert, über diesen Punkt zu verhandeln, weil sie fürchten, für nicht abschätzbare Schäden haftbar gemacht zu werden.