Eilmeldungen, die Japans Währung betreffen, sind dieser Tage keine Seltenheit. "Der Yen hat ein 32-Jahrestief erreicht", hieß es vor einer guten Woche sinngemäß über mehrere Nachrichtenkanäle. Als der Wert des japanischen Zahlungsmittels eine Woche später dann noch ein Stück tiefer sank, wiederholte sich das Spiel. Für einen US-Dollar erhielt man in den vergangenen Wochen 148 bis 149 Yen, teils noch mehr.

So weich wie derzeit war Japans Währung seit Anfang der 1990er Jahre nicht, als eine riesige Immobilienblase geplatzt war. Und wie damals herrscht dieser Tage Nervosität. Zu Wochenbeginn verkündete Finanzminister Shunichi ob des Sinkflugs des Yen: "Wir können exzessive Volatilität durch spekulative Schritte nicht tolerieren und sind bereit, notwendige Schritte zu unternehmen, wenn das notwendig ist." Soll heißen: Wie schon Ende vergangener Woche würde man dann erneut US-Dollar verkaufen und Yen ankaufen, um die eigene Währung zu stärken.

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Über ein Vierteljahrhundert hat Japans Regierung solche Marktinterventionen nicht mehr unternommen. Seit September dieses Jahres, als so ein Schritt erstmals wieder gesetzt wurde, gehören solche Eingriffe dagegen zum Werkzeugkasten. Damit unterscheidet sich die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt (nach den USA und China) von anderen großen Wirtschaftsräumen. Aber sie tut dies auch deshalb, weil sie noch in einem weiteren Punkt anders ist: Während diverse führende Volkswirtschaften ihre Leitzinsen angehoben haben, will die Bank of Japan (BOJ) davon nichts wissen.

Nullzinspolitik soll bleiben

Praktisch überall auf der Welt wirkt die Nullzinspolitik, auf die sich mit der globalen Finanzkrise ab 2007 führende Wirtschaftsräume für mehr als ein Jahrzehnt besannen, mittlerweile wie eine Sache vergangener Tage. In Japan aber ist sie weiterhin Realität. Und diesen Monat erklärte Zentralbankgouverneur Haruhiko Kuroda erneut, dass dies auf absehbare Zeit auch so bleiben werde. Gegenüber dem Parlament sagte Kuroda: "Japan befindet sich mitten in der Erholung von Covid-19."

Diese Erholung wolle man nicht durch eine Zinsanhebung abwürgen. Den dadurch sinkenden Außenwert der Währung nimmt man in Kauf. Kuroda verfolgt damit das, was kritische Stimmen in Europa von der Europäischen Zentralbank, der EZB, fordern. "Höhere Rohstoffpreise, bedingt durch die Situation in der Ukraine, führen zu einem Abfluss von Geld aus Japan ins Ausland, was die Wirtschaft unter Druck setzt." Allerdings seien dies zeitlich begrenzte Phänomene, sagte Kuroda. Wichtiger sei deshalb, dass durch Nullzinsen sowie Staatsanleihekäufe weiterhin die Nachfrage im Inland gestärkt werde.

Seit Jahrzehnten versuchen Japans Regierung und die Notenbank, eine Inflation von zwei Prozent zu erreichen, wie es wie bei der EZB auch als Mandat der BOJ festgeschrieben ist. Jährlich nimmt in Japans alternder und schrumpfender Bevölkerung aber tendenziell die volkswirtschaftliche Kapazität für Produktion und Konsum ab, was sich auch auf Investitionen eher negativ auswirkt. Als der Kuroda im Frühjahr 2013 die BOJ-Führung übernahm, kündigte er eine monetäre Expansion an, die die zuvor schon lockere Geldpolitik noch deutlich übertraf.

Historische Marktintervention

Die Maßnahmen der BOJ haben auch dazu geführt, dass vor zehn Jahren der Yen zu fallen begann, was Exporte billiger und Importe teurer gemacht hat. Doch als auf die durch den Ukraine-Krieg gestiegenen Rohstoffpreise andere führende Wirtschaftsräume mit Leitzinserhöhungen reagierten, ist der Außenwert des Yen noch einmal deutlicher abgesunken. Die Notenbankpolitik wird zusehends hinterfragt, in japanischen Zeitungen und TV-Sendern ist die Sache seit Monaten regelmäßig Thema.

Im September versuchte das Finanzministerium, den Fall der Währung dann eben aufzuhalten, indem es US-Dollar verkaufte und Yen ankaufte. Ein nachhaltiges Signal sendete diese historische Marktintervention aber kaum. Danach sank der Yen gegenüber dem Dollar noch weiter. Inwiefern die jetzige Ankündigung, solche Schritte so oft wie nötig zu wiederholen, Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten.

Drei Prozent Inflation

Zuletzt betrug die Inflationsrate in Japan rund drei Prozent, Haupttreiber dieser Zunahme sind die gestiegenen Rohstoffpreise. Gerade deshalb, weil die hohe Teuerung nicht von einem Nachfrageschub ausgeht, sieht sich die BOJ in ihrem Vorgehen bestätigt. Allerdings beklagen Haushalte, deren Realeinkommen über Jahre praktisch nicht gestiegen sind, seit Monaten über steigende Preise. Anfang Oktober ergab ein Geschäftsklimaindex der BOJ, dass unter herstellenden Betrieben, die oft von Importen abhängen, die Zuversicht im dritten Quartal in Folge nachgelassen hat.

Allerdings kennt der historisch schwache Yen nicht nur Verlierer in Japan. Tatsächlich wirkt das Festhalten an der Nullzinspolitik auch wie eine Art Appeasement gegenüber einer Branche, die sich über zweieinhalb Jahre hintanstellen musste: dem Tourismus. Als sich Anfang 2020 Covid-19 weltweit auszubreiten begann, reagierte die japanische Politik rasch mit strengen Grenzschließungen. Sie brachte damit Hotelketten und Reiseagenturen in Probleme, die im Vorfeld der Olympischen Spiele von Tokio 2020 eigentlich von einem großen Geschäft ausgegangen waren.

Tourismus kommt in Fahrt

Am 11. Oktober hat Japan seine Grenzen als letzter Staat der G7 nun auch für den Fremdenverkehr wieder geöffnet. Am ersten Wochenende nach der Öffnung stürmten Touristen aus allen möglichen Ländern nach Kyoto, um buddhistische Tempel zu sehen, und nach Hiroshima in den Friedenspark, wo 1945 die Atombombe explodierte. Selbst in der Hauptstadt Tokio, wo für die letztlich unter Ausschluss von Zuschauern 2021 stattgefundenen Olympischen Spiele viele neue Hotels gebaut worden waren, freut sich die Hotelleriebranche schon über gute Auslastung.

Das Geld, das Touristen aus dem Ausland nun in Japan ausgeben, ist besonders wertvoll - nicht nur, weil aufgrund der langen Grenzschließungen sehnlichst darauf gewartet wurde. Sondern auch, weil Personen, die ihr Geld in einer ausländischen Währung halten, wegen des schwachen Yen jetzt besonders kaufkräftig in Japan sind. Ein kleiner Cappuccino bei der in Japan weitverbreiteten US-Kaffeekette Starbucks kostet etwa 415 Yen. Im Moment sind dies 2,86 Euro. Vor der Pandemie waren es noch 3,45 Euro. Entsprechend ist der reale Preisrückgang auch bei anderen Produkten.

Mit ihrer höheren Kaufkraft können sich Besucher aus dem Ausland jetzt deutlich mehr Dinge in Japan leisten. Eine teure Tourismusdestination ist das ostasiatische Land, das einst für horrende Preise bekannt war, derzeit auch wegen der Geldpolitik der Bank of Japan nicht.