Nachdem sich die Kryptobörse FTX am Freitag nach heftigen Turbulenzen in den US-Gläubigerschutz geflüchtet hatte, beherrscht die Angst vor Ansteckung die gesamte Branche. Das hochspekulative Geschäft mit Bitcoin, Ether und Co. brachte in den vergangenen Jahren satte Gewinne ein - vor allem auch deshalb, weil es sich dabei keinen klassischen Marktregeln unterwerfen musste.

Da nun eines der Aushängeschilder so spektakulär gescheitert ist, rufen jedoch ausgerechnet Branchengrößen wie Binance-Chef Changpeng Zhao nach mehr Marktregulierung: "Wir brauchen einige Regulierungen, wir müssen das richtig machen, wir müssen das auf solide Beine stellen." Die Kryptobörse Binance hatte vergangenen Mittwoch - nach umfassender Betriebsprüfung - Abstand von einem Kauf ihres Rivalen genommen. Und damit war FTX dann endgültig zum Abschuss freigegeben gewesen. Mehrere Staaten froren daraufhin die Vermögenswerte von FTX ein, um die Folgen des Zusammenbruchs der Börse zu begrenzen.

"Das ist eine Kryptokrise"

"Die Pleite von FTX hat für einen Vertrauensverlust am Kryptomarkt gesorgt", sagt Monika Rosen, Finanzmarktexpertin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG), im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Das ist eine Kryptokrise. Aber wichtig ist jetzt, dass der Zusammenbruch von FTX keine Dominosteine außerhalb des Kryptomarktes zum Umfallen bringt." Dass die Krise also nicht auch auf andere Akteure der Finanzbranche übergreift, wie Rosen sinngemäß meint. Andernfalls wäre die globale Finanzmarktstabilität in Gefahr.

Rosen verweist zwar auf das Beispiel des US-Fondsriesen Sequoia Capital, der 213,5 Millionen Dollar in die Kryptobörse FTX investiert hatte. Dass Sequoia diese Beteiligung nun als Totalverlust abschreiben musste, scheint aber gut verkraftbar zu sein. Immerhin verwalte die Gesellschaft ein Vermögen von 85 Milliarden Dollar, wie die Analystin dazu erklärte.

Kundengelder veruntreut?

Dennoch: Viel Geld, nicht nur bei FTX selbst, sondern im gesamten Markt für Kryptowährungen, steht jetzt auf dem Spiel. So haben die beiden Cyber-Devisen Bitcoin und Ethereum in den vergangenen Tagen als Folge der FTX-Turbulenzen jeweils rund 20 Prozent an Wert verloren.

Es gilt aber auch noch zu klären, ob in der Causa FTX kriminelles Fehlverhalten vorliegt. Dazu wird seit Sonntag auf den Bahamas ermittelt, wo das internationale Geschäft der Kryptobörse und deren zurückgetretener Chef Sam Bankman-Fried ansässig sind. Die Wertpapieraufsicht des Inselstaates gab an, das Unternehmen stehe unter Verdacht, Kundengelder veruntreut zu haben. Seit Donnerstag sind die Vermögenswerte von FTX eingefroren und ein Insolvenzverwalter managt die Abwicklung.

Insider sagten der Nachrichtenagentur Reuters, FTX-Chef Bankman-Fried habe heimlich zehn Milliarden Dollar von FTX zu seinem Handelsunternehmen Alameda Research verschoben. Die mit der Angelegenheit vertrauten Personen, die bis vor Kurzem leitende Positionen bei FTX innehatten, schätzen, dass sich der fehlende Betrag auf ein bis zwei Milliarden Dollar belaufe.

Bankman-Fried widersprach diesen Gerüchten allerdings via Textnachricht an Reuters: Es habe sich um Missverständnisse bei einer Verbuchung gehandelt, betonte der 30-Jährige, der bis vor Kurzem noch als Krypto-Wunderkind gefeiert worden war. Der Justiziar der US-Tochter von FTX, Ryne Miller, wiederum, teilte am Samstag auf Twitter mit, es habe "nicht autorisierte Transaktionen" gegeben. Die britische Analysefirma Elliptic vermutet, dass letzten Freitagabend Kryptowerte im Umfang von 473 Millionen Dollar, umgerechnet 458 Millionen Euro, von FTX gestohlen worden seien. Auch von einem Hackerangriff auf die Kryptobörse ist in diesem Zusammenhang die Rede.

Die Rechtsschutzplattform Cobin Claims hat sich unterdessen bereits in Stellung gebracht. Sie will eine Schadenerhebung machen und erwägt rechtliche Schritte wie eine Sammelklage gegen FTX. Auch Anleger aus der EU und Österreich sollen dabei mitmachen dürfen. FTX-Kunden müssen jedenfalls um ihr Geld fürchten. Es ist möglich, dass sie alle Einlagen verlieren. Das Ausmaß des Schadens wird davon abhängen, welche Assets noch vorhanden sind.

EU arbeitet an Korsett

Die EU hat den hochspekulativen Kryptomarkt, der immer wieder auch für Geldwäsche-Aktivitäten genutzt wird, schon länger im Visier. Aufsichtsbehörden wie etwa die österreichische FMA geben zu bedenken, dass sie aufgrund eines weitgehend rechtsfreien Raumes de facto keine Handhabe hätten. In der FTX-Pleite sieht die FMA "einen weiteren Beleg dafür, wie wichtig eine angemessene Regulierung für Krypto-Assets ist". Ihr Sprecher Klaus Grubelnik betonte dabei am Montag gegenüber der "Wiener Zeitung", dass es auf EU-Ebene nun umso mehr gelte, die sogenannte MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets), die im ersten Quartal 2023 beschlossen werden soll, rasch umzusetzen.