Niemand ist eine Insel, das erfahren die Briten derzeit auf schmerzhafte Art. Am Donnerstag präsentiert Finanzminister Jeremy Hunt das mit Spannung erwartete neue Budget, das mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen die gewaltigen Löcher im britischen Staatshaushalt stopfen soll.

Die Wirtschaft Großbritanniens war - verstärkt durch den Brexit - bereits pandemiebedingt ins Straucheln geraten. Mit minus 9,3 Prozent traf es sie 2020 im europäischen Vergleich besonders hart, fasst die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) in einer aktuellen Analyse zusammen. 2021 ging es zwar wieder um 7,4 Prozent bergauf, das lag aber immer noch knapp unter dem Vorkrisenniveau. Und gleich folgte die nächste Krise: Der Ukraine-Krieg brachte hohe Inflation und Konjunktureinbrüche, welche die Briten erneut härter trafen als den übrigen Kontinent.

Im Oktober legten dann noch die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 11,1 Prozent zu, teilte das Statistikamt ONS am Mittwoch in London mit. Das ist der höchste Wert seit Oktober 1981. Experten hatten mit 10,7 Prozent gerechnet. Auch im Monatsvergleich stiegen die Preise stärker als erwartet, und zwar um 2,0 Prozent. Laut dem ONS wäre die Inflation im Oktober sogar auf 13,8 Prozent geklettert, wenn die Regierung die Energiekosten der Haushalte nicht gedeckelt hätte.

"Wie überall sonst schmälern exorbitante Gas- und Stromrechnungen die Haushaltseinkommen und dämpfen die Konsumnachfrage. Anhaltende Lieferengpässe und steigende Gemeinkosten machen die Unternehmen vorsichtig und verlangsamen schon heuer das Wachstum der Anlageinvestitionen. Für nächstes Jahr wird ein Minus von 1,2 Prozent erwartet", analysiert die WKO.

Aufgrund der sehr ungleich verteilten Einkommen wirke sich der Preisdruck im Vereinten Königreich verschärft aus und drücke mehr Haushalte als in Kontinentaleuropa unter die Armutsgrenze, was für noch mehr politische Sprengkraft als anderswo sorge, so die Analyse weiter.

Steuersätze für Wohlhabende werden stärker steigen

Medienberichten zufolge fehlen im britischen Haushalt rund 55 Milliarden Pfund (rund 63 Milliarden Euro). Finanzminister Jeremy Hunt hat daher bereits angekündigt, dass die Steuern erhöht werden. Er deutete insbesondere an, dass die Steuersätze für Wohlhabendere stärker steigen werden. Laut "Sunday Times" plant der Schatzkanzler unter anderem, den Steuerfreibetrag für Kapitalgewinne zu halbieren und die Schwelle für die Zahlung des Spitzen-Einkommensteuersatzes von 150.000 Pfund auf 125.000 Pfund pro Jahr abzusenken. Für viele Abgeordnete seiner regierenden Konservativen Partei sind höhere Steuern jedoch ein rotes Tuch, was politisch für Spannungen sorgen dürfte.

Auch Einsparungen im öffentlichen Dienst seien nötig, so Hunt. Zusätzliches Geld für den gebeutelten Gesundheitsdienst NHS werde es daher nicht geben.

Die britische Wirtschaft steht nach einem schwachen Sommer derzeit an der Schwelle zu einer womöglich lange währenden Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel von Juli bis September um 0,2 Prozent schwächer aus als im Vorquartal. Die Bank of England (BoE) hat bereits vor der Gefahr einer zweijährigen Rezession gewarnt. Um die Preisspirale abzuschwächen, hatte sie den Leitzinssatz seit Dezember in sieben Tranchen angehoben, zuletzt um 0,75 Punkte auf 3,0 Prozent.

"Immer klarer wird, dass der Abgang aus der EU der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt beträchtlich Kraft kostet, die jetzt besonders fehlt. Das staatliche Office for Budget Responsibility geht davon aus, dass der Brexit das BIP langfristig um vier Prozent nach unten drückt und weder neue Handelsabkommen noch Deregulierung wesentliche Auswirkungen auf diese Prognose haben werden", heißt es in der WKO-Analyse schließlich. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Briten sei nachhaltig beschädigt.(apa/mojo)