Stockbett an Stockbett, an der Decke ein Gewirr von Wäscheleinen, ein kleines Bad, eine Küche mit Gasherd und Kühlschrank. So wohnt Rahul Singh* im Norden von Doha. Er ist nicht allein in der kleinen Wohnung. Mit ihm wohnen noch weitere 12 Männer zusammen. Sie kommen aus Pakistan, Bangladesch, Indien und von den Philippinen und sie arbeiten an Baustellen, kellnern in Restaurants oder kontrollieren die Tickets in den U-Bahnstationen.

Singh kommt aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, der von der Communist Party of India - der kommunistischen Partei Indiens - regiert wird. "Ich kann die Zustände für Arbeiter in Katar nicht gutheißen, denn ich bin Kommunist", sagt Singh. "Aber nicht hier. Hier möchte ich so viel Geld, wie möglich verdienen und dann wieder zurückkehren."

Es spielt keine Rolle, dass sie aus den verfeindeten Ländern Indien und Pakistan stammen, in Katar teilen sie das gleiche Schicksal. 
- © Bernd Vasari

Es spielt keine Rolle, dass sie aus den verfeindeten Ländern Indien und Pakistan stammen, in Katar teilen sie das gleiche Schicksal.

- © Bernd Vasari

33 Millionen Einwohner leben in Kerala, ein Viertel der Bevölkerung lebt von weniger als einem Euro pro Tag. Vor allem Fischerfamilien sind betroffen. In den vergangenen Jahren wurde der Indische Ozean von großen Schiffen leergefischt. Weiters wurden die Lagunen und zahlreichen Flüsse im Hinterland der Küste vom Tsunami im Jahr 2004 stark beschädigt, das Ökosystem leidet nachwievor darunter. Und mit ihm die Bevölkerung.

Singh arbeitete in Kerala als Mechaniker. "Ich hatte einen Job, wir mussten nicht hungern", sagt er. "Dann erzählte mir ein Freund von Katar und dass man dort fünf Mal mehr verdient." Singh dachte nicht lange darüber nach. "Ich wollte zwei, drei Jahre bleiben. So lange bis wir uns ein Haus bauen können." Singh wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Nun sind es schon fünf Jahre."

Freude auf die Fußballfans

In Katar habe er es als Taxifahrer gut erwischt. Singh freut sich auf die WM und auf die Fußballfans. "Das wird ein gutes Geschäft", sagt er. Ob er danach zurückkehrt? "Mal sehen, wahrscheinlich bleibe ich noch ein Jahr."

Die Arbeiterquartiere befinden sich an den Ausläufern der Stadt, kurz bevor die Wüste beginnt. Die Straßen tragen keine Namen, sondern sind durchnummeriert. Sie verlaufen im Schachbrettmuster und werden von Schnellstraßen begrenzt. Zwischen den Autobahnen spielen Arbeiter aus Afrika Fußball, es sind wohl die einzigen Menschen in Katar, die sich für diese Sportart begeistern können.

Die Arbeiter aus Asien sitzen am Abend zusammen und schauen Cricket. An Freitagen und Samstagen spielen sie selbst, auf staubigen Böden hinter der Grand Mall. Es spielt keine Rolle, dass sie aus den verfeindeten Ländern Indien und Pakistan stammen, in Katar teilen sie das gleiche Schicksal. Industrial Area, Labour City, Asian Town steht auf den Schildern der zahlreichen Busse, die in der Früh die Arbeiter abholen, um sie zu ihren Arbeitsplätzen zu bringen und die sie am Abend wieder zu ihren Unterkünften zurückfahren.

Die Heime sind eingezäunt und werden mit Kameras überwacht. Seit westliche Medien vermehrt über die Arbeiterausbeutung berichten, drehen weiße SUV mit dunklen Scheiben ihre Runden. Der Druck auf die Arbeiter nimmt zu, ihre Namen wollen sie daher nicht in der Zeitung lesen.

"Zuletzt kamen immer häufiger Journalisten hierher", sagt Singh. "Sie wollen nicht, dass wir mit ihnen reden." Sie, das sind Mitarbeiter der katarischen Regierung und der Geheimdienst. Wer erwischt wird, verliert seine Arbeit und damit seine Aufenthaltserlaubnis.

Die Arbeiter sind nach Katar gekommen, um zu bleiben. 
- © Bernd Vasari

Die Arbeiter sind nach Katar gekommen, um zu bleiben.

- © Bernd Vasari

Muhammad Khan* hatte es fast geschafft. Nach acht Jahren in Saudi-Arabien und 15 Jahren in Katar hatte er das Geld beisammen, um selbständig zu werden. Zumindest so gut wie selbständig. Denn 51 Prozent eines jeden Unternehmens in Katar muss einem Einheimischen gehören. Khan investierte 135.000 Katar Riyal (knapp 36.000 Euro) in ein Lebensmittelgeschäft und in ein Restaurant. Nach vielen Jahren am Bau, wollte er die Arbeit in der Hitze gegen die Arbeit in klimatisierten Räumen tauschen.

"Er hat mich übers Ohr gehauen"

"Ich wollte Unternehmer werden", sagt er. Doch der katarische Mehrheitseigentümer machte ihm einen Strich durch die Rechnung. "Er hat mich übers Ohr gehauen, er ist ein Lügner", schimpft Khan. Nachdem alles renoviert war, nahm er ihm seinen Laden weg. "Das Geld habe ich nicht zurückbekommen", sagt Khan. "Ich konnte nichts dagegen tun und muss jetzt wieder von vorne beginnen."

Khan kommt aus Bangladesch, so wie viele der Bauarbeiter in Katar. Es ist eine gefährliche Tätigkeit bei bis zu 50 Grad im Sommer, im Winter sind die Bedingungen mit 30 Grad kaum besser. Ob er tödliche Unfälle erlebt hat? Khan lacht: "Natürlich. Wir klettern in der Hitze auf Gerüsten auf und ab. Wir werden zwar mit Wasser versorgt, doch viele Arbeiter sind müde oder nicht fit."

Seine Familie sieht er alle paar Jahre. "Es ist hier zu teuer für uns alle." Als Unternehmer wollte Khan öfter in sein Dorf fliegen. Doch er schämt sich für den Verlust. "So kann ich nicht nach Hause." Khan ist nun wieder Bauarbeiter. 4000 Katar Riyal (etwa 1060 Euro) verdient er im Monat. Bis er sich erneut etwas zusammengespart hat, wird es dauern. "Die Gesetze gelten nur für die Menschen, die Geld haben", sagt er. Für reiche westliche Expats und die Einheimischen. "Sie lieben ihre Kamele mehr als uns."

Frühestens in fünf Jahren möchte er in sein Heimatland zurückkehren. Trotz des geplatzten Traums als Unternehmer zieht er Katar seinem Heimatland vor: "Es ist hart hier, aber nicht so hart wie in Bangladesch."

Einmal im Jahr muss das Arbeitervisum verlängert werden. "Das ist kein Problem", sagt Khan. Sofern man das nötige Kleingeld hat. 6000 Katar Riyal (knapp 1600 Euro) müssen jedes Mal bezahlt werden.

Bürokratische Schikanen, Menschenrechtsverletzungen, tausende tote Arbeiter. Die Liste der Vorwürfe ist lang gegen den Wüstenstaat. "Moderne Sklaverei", sagen Arbeitervertreter. Amnesty International spricht von mehr als 15.000 toten Arbeitern und fordert Entschädigungen. Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani verspricht immer wieder Besserung. "Die Arbeitergesetze wurden geändert. Wir bestrafen jeden, der seine Arbeiter schlecht behandelt", sagte er vor kurzem in der französischen Zeitung "Le Point International". Laut Katar sind 40 Arbeiter gestorben.

Auf Daiskue Rotas* Arbeitsplatz hat es lauschige 21 Grad, egal, ob in der Früh, zu Mittag oder am Abend. Der Mann von den Philippinen arbeitet als U-Bahn-Polier. Sein Arbeitsgerät ist ein mehr als ein Meter breiter Bodenwischer. Tagein tagaus gleitet er damit über die spiegelglatten Böden in den Stationen.

Tagein tagaus polieren Arbeiter die Böden in U-Bahnstationen. 
- © Bernd Vasari

Tagein tagaus polieren Arbeiter die Böden in U-Bahnstationen.

- © Bernd Vasari

Vor neun Jahren ist er von daheim aufgebrochen. Zuerst war er sechs Jahre in Saudi-Arabien, seit drei Jahren ist er in Katar. "Für die neuen U-Bahnlinien wurde Personal gesucht", erzählt er. "Ich habe mich beworben und wurde genommen."

Arbeiten für die Kinder im Heimatland

Die Arbeit ist eintönig, Aufstiegschancen hat er keine. Auf den Philippinen lebt seine Frau und seine beiden Kinder. "Sie gehen zur Schule und sollen später einmal studieren. Dafür brauchen wir viel Geld", sagt er. Auf die Frage, wann er zurückkehren will, wird er still.

"Haben Sie die Nachrichten gehört?", fragt er. Der Tropensturm "Nalgae" fegte zum Zeitpunkt des Gesprächs gerade über den Inselstaat. Mehr als vier Millionen Menschen waren von den Überflutungen und Erdrutschen betroffen, mehr als 150 Menschen starben. "Es gibt zu viele Naturkatastrophen. Es ist kein Land zum Leben", sagt Rota.

Er ist froh über seinen Job in den U-Bahnstationen von Doha. Er weiß um die Arbeitsbedingungen viele seiner Kollegen, von den Toten an den Baustellen, von Vorgesetzten, die ihren Mitarbeitern den Pass wegnehmen.

Doch genauso wie für den Taxifahrer Rahul Singh und den Bauarbeiter Muhammad Khan sind die Möglichkeiten für Rota in Katar größer als daheim. Solange sein Visum jedes Jahr verlängert wird, will er bleiben. So schlimm ist es nicht im Land des WM-Gastgebers, versichert er: "Katar ist ein gutes Land."

(*Die Namen der Arbeiter wurden von der Redaktion geändert, Anm.)