Die erste klimaneutrale Fußball WM soll dieses Jahr in Katar stattfinden. Das verursachte CO2, das zum Beispiel durch den Bau von sieben neuen Stadien entsteht, soll durch CO2-Kompensationsprojekte ausgeglichen werden. Dadurch sei die Netto-Auswirkung des Mega-Events auf das Klima gleich null.

Auch auf individueller Ebene gewinnt Klimakompensation an Bedeutung. Würde man von Wien nach Doha fliegen, entstehen dabei laut der Kompensationsplattform Atmosfair 1.884 Kilogramm CO2. 44 Euro müsste man zahlen, um diesen Klimaschaden auszugleichen. Bei myclimate, einem weiteren Anbieter, wären es für die gleichen 4.000 Kilomneter nur 660 Kilogramm CO2 bzw. nur 19 Euro. Ein paar Klicks und das schlechte Gewissen ist weg, so der Eindruck. Allein der Unterschied bei den beiden Kompensationsplattformen zeigt: So einfach ist es leider nicht.

Markt für schlechtes Gewissen

Der freiwillige Markt für Klimakompensation wächst. Laut Ecosystem marketplace fanden im Jahr 2021 fast 500 Millionen solcher Transaktionen, im Wert von mehr als 2 Milliarden US-Dollar, statt. Das sei mehr als das fünffache, im Vergleich zum Jahr 2018. Das Prinzip dahinter funktioniert so: Die Veranstalter der WM schätzen, wie viel CO2 durch das Event entsteht. Katar hat angegeben, insgesamt 3,6 Millionen metrische Tonnen CO2 durch die WM zu verursachen. Für diese Emissionen kaufen sich die Veranstalter dann Zertifikate aus Klimaschutzprojekten.

Theoretisch entspricht jedes Zertifikat einer vermiedenen oder aus der Atmosphäre entfernten Tonne Kohlenstoffdioxid. Der Begriff klimaneutral ist allerdings nicht gesetzlich geschützt. Durchschnittlich kostet eine Tonne CO2 3.50 US-Dollar am freiwilligen Kohlenstoffmarkt. Meist sei die Investition in Kompensationsprojekte billiger als Maßnahmen zur Einsparung von CO2, schließen zahlreiche Klimastudien. 200 Dollar sollte eine Tonne CO2 kosten, um die damit verursachten Schäden auszugleichen, erklärt der Klimawissenschafter Daniel Huppmann vom International Instititute for Applied System Analysis (IIASA).

Schon vor der WM hagelt es Greenwashing-Kritik, und dafür gibt es mehrere Gründe: "Stadien, die in der Wüste gebaut und nicht wirklich weiterverwendet werden können. Die gesamte Menschenrechtssituation. Shuttle-Flüge aus den Nachbar-Emiraten, weil es nicht genug Hotelzimmer gibt, aber auch die ganze Energie für die Kühlung der Stadien. Das dann mit einzelnen Kompensations-Maßnahmen zu kaschieren, ist meiner Definition nach klar Greenwashing", sagt Huppmann. Die NGO Carbon Market Watch (CMW) hat berechnet, dass allein die CO2 Emissionen für den Bau der Stadien acht Mal höher sein könnten als angegeben, und mahnte die Veranstalter mit einer gelben Karte.

Um die Kompensationen zu überprüfen, haben die Organisatoren des Turniers das Global Carbon Council (GCC) ins Leben gerufen. Laut Bloomberg hat Katar Emissionsgutschriften aus nur drei Projekten für erneuerbare Energien in der Türkei und in Serbien erworben, die insgesamt weniger als 350.000 Tonnen CO2-Äquivalente ausmachen. Kohlenstoffkredite sollten nur dann ausgegeben werden, wenn ein Projekt nicht sowieso umgesetzt werden würde. Laut CMW sei aber genau das, bei den erwähnten Kompensationsprojekten nicht der Fall.

Bäume pflanzen reicht nicht

Katar selbst hat angekündigt, 16.000 neue Bäume zu pflanzen. Bäume sorgen nicht nur für saubere Luft und mildere Temperaturen, sondern speichern auch CO2. "Das tun sie aber erst ab einer gewissen Größe. Es dauert mindestens zehn, eher 20 Jahre, bis ein Baum effektiv zum Klimaschutz und zur Verbesserung der Luftqualität beiträgt. Die Frage ist, ob die Bäume das überhaupt so lange überleben. Gerade das Thema Bewässerung wird in Katar ein großes Problem sein", so Huppmann. Laut einer Publikation der Fachzeitschrift "Science", sind gut geplante Aufforstungsprojekte ein wichtiger Beitrag, um das menschliche Wohlergehen zu sichern. Häufig seien solche Projekte aber gescheitert, weil Bäume nicht gepflegt wurden oder das Land wieder gerodet wurde. Oxfam hat berechnet, dass derzeit geplante Projekte zur Kohlenstoffbindung eine Fläche beanspruchen würden, die fünfmal so groß ist wie Indien. Dadurch könne die Nachfrage nach Land maßgeblich steigen und zu Massenverdrängungen sowie zu Hunger führen. Mathematisch sei es unmöglich, genügend Bäume zu pflanzen, um die Versprechen von Regierungen und Unternehmen zu halten. Die NGO "Carbon plan" hat aufgedeckt, dass in Kalifornien Kompensationsprojekte im Wert von 400 Millionen Dollar verkauft wurden, ohne das eine einzige Tonne CO2 absorbiert wurde.

Keine Transparenz

Eines der größten Probleme bei Klimakompensationsprojekten sei der Mangel an Transparenz. Konsumenten oder Unternehmen würden durch die Begriffe nicht nur getäuscht, sondern können aufgrund fehlender Informationen kaum beurteilen, ob es sich um ein sinnvolles Projekt handelt oder nicht. "Es müsste ein System geben, bei dem ich mir als Unternehmen oder Privatperson sicher sein kann, dass Kompensationen gewissen Mindestkriterien entsprechen und, dass überprüft wird, ob Projekte langfristig bestehen bleiben. Gerade bei Aufforstungsprojekten halte ich das aufgrund der involvierten Zeitskalen für ein fast unlösbares Dilemma", schildert Huppmann. Gelangt das Treibhausgas CO2 einmal in die Atmosphäre bleibt es dort für mehrere hundert Jahre.

Wenn alle 1,2 Millionen erwarteten Zuschauer der WM von Wien nach Doha fliegen würden, ergebe das auf Basis von atmosfair 2,26 Milliarden Kilogramm CO2. Durch Kompensationsprojekte sei zwar das Bewusstsein für die Emissionen gestiegen, die Gefahr bestehe laut Experten aber vor allem darin, dass CO2 Vermeidungsanstrengungen abnehmen. "Es gibt einige gute Projekte, es gibt viele nicht so gute Projekte und es ist meiner Wahrnehmung nach unmöglich, das zu überblicken. Diese Anonymität des Marktes sehe ich sehr kritisch, weil es die Dringlichkeit unserer eigenen Verhaltensänderungen reduziert", erklärt Huppmann.

Dagegen will die EU-Kommission nun Abhilfe schaffen. Ende November soll das europäische Kreislaufwirtschaftpaket veröffentlicht werden. Dadurch sollen Unternehmen ihre Umweltanstrengungen anhand einheitlicher, genau definierter Kriterien belegen müssen. Damit soll dann auch Greenwashing vermieden werden.