Die Europäische Zentralbank (EZB) muss aus Sicht ihres Chefvolkswirts Philip Lane die Entwicklung der Löhne bei der Bewertung der Inflationsentwicklung besonders im Blick haben. Da Lohnerhöhungen in vielen Schritten erfolgten, werde es mehrere Jahre dauern, bis sich die Löhne an den Anstieg der Lebenshaltungskosten anpassen, erläuterte Lane am Freitag in einem Blogbeitrag, der auf der EZB-Webseite veröffentlicht wurde.

"Das wiederum bedeutet, dass die Lohninflation in den nächsten Jahren ein Haupttreiber der Preisinflation sein wird, selbst wenn Energie- und Pandemie-Faktoren aus der Inflationsmessung verschwinden." Dies mache es umso wichtiger, die Lohnentwicklung rechtzeitig und genau zu beobachten.

Inflation im Euroraum auf Rekordhoch

Lane sieht darin allerdings keine grundsätzliche Änderung der Lohndynamik. Dies sei eine zeitlich begrenzte Aufholphase und solle nicht als Hinweis auf eine dauerhafte Veränderung der Lohndynamik missverstanden werden. Die Inflationsrate im Euroraum war im Oktober angetrieben durch hochschießende Energiepreise infolge des Ukraine-Kriegs auf 10,6 Prozent geklettert. Das ist das höchste Niveau seit Einführung des Euro.

Dagegen hatte seine Direktoriumskollegin Isabel Schnabel in einer Rede in London am Donnerstag davor gewarnt, sich bei dem Thema zurückzulehnen. Aktuell sei das Lohnwachstum bereits recht schnell. Die EZB müsse eine Lohn-Preis-Spirale bereits im Vorfeld verhindern. Sie könne nicht warten, bis diese bereits eingetreten sei und dann erst reagieren.

Damit tritt wenige Wochen vor der letzten Zinssitzung des Jahres die unterschiedlichen Einschätzungen der Währungshüter offen zu Tage. Die EZB hatte nach ihrer Oktober-Sitzung für das Treffen am 15. Dezember weitere Zinsanhebungen in Aussicht gestellt.

Die Inflation liegt mehr als fünfmal so hoch wie das Inflationsziel der EZB von zwei Prozent. Angesichts der jüngsten deutlichen Tarif- und Kollektivvertragsabschlüsse hat die EZB besonders im Blick, ob sich womöglich eine Lohn-Preis-Spirale im Euroraum entwickeln könnte - eine Situation, in der sich Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln. (reuters)