Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die seit der Pandemie unterbrochenen Lieferketten führen derzeit zu einer Neuausrichtung der Weltwirtschaft und der Handelsströme. Protektionismus, Handelsbarrieren und Exportbeschränkungen steigen weltweit, und geopolitische Überlegungen spielen derzeit eine gewichtige Rolle im internationalen Handel. Und: "Globale Sanktionen nehmen zu", erklärte der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, Gabriel Felbermayr, am Freitag im Rahmen der Konferenz "Ökonomische Folgen des Kriegs" an der Wirtschaftsuniversität in Wien.

"Die Schocks verändern sich, was die kritischen Güter betrifft", meint der Ökonom. Aber ob nun pharmazeutische Erzeugnisse, Rohstoffe oder Gas und LNG - vor allem die EU ist derzeit um eine Neuausrichtung ihrer Bezugsquellen bemüht.

Kritische Güter identifizieren

Um einseitige Abhängigkeiten zu vermeiden, wie das zum Beispiel beim russischen Gas der Fall ist, sollen die Bezugsquellen für Rohstoffe und andere kritische Güter diversifiziert werden. In Deutschland etwa sollen sieben von neun als kritisch identifizierten Rohstoffen ausschließlich aus China stammen, zeigen Auswertungen des Ifo-Instituts. "Es ist wichtig, Abhängigkeiten zu identifizieren. Die Resilienz der Lieferkette beginnt am Beginn der Lieferkette", erklärte die Ifo-Ökonomin Lisandra Flach.

Gleichzeitige führe ein globaler Verlust von Lieferketten auch zu einem Wohlstandsverlust, so die Ökonomin. Die Entkoppelung von Autokratien, wie das derzeit zum Beispiel bei Russland der Fall ist, könne auch negative Effekte haben. Zum Beispiele erschwere das den globalen Kampf gegen den Klimawandel. Zudem sind offene Volkswirtschaften wie etwa Österreich auf internationalen Handel angewiesen. So werden in Österreich 35 Prozent der Wertschöpfung ins Ausland exportiert, der Großteil geht in andere EU-Länder. "In Deutschland werden 80 Cent von einem Euro durch internationalen Handel generiert", erklärt der Volkswirt Erdal Yalcin.

Sanktionen nehmen zu

Der Protektionismus nimmt weltweit zu, erklärte Wifo-Chef Felbermayr. Und das schon seit Beginn des Ukraine-Kriegs (siehe Grafik). Und zwar nicht nur im Bereich der Importrestriktionen. Seit Corona haben die Exportbeschränkungen weltweit deutlich zugenommen. Das nahm die Welthandelsorganisation (WTO) neulich besorgt zur Kenntnis. Im Fall der Exportbeschränkungen von Lebensmitteln und Agrargütern, wie es zum Beispiel bei Russland der Fall sei, stelle das auch eine Gefahr für die globale Ernährungssicherheit und für viele Entwicklungsländer dar.


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Vor allem Finanzsanktionen haben zuletzt zugenommen. Wohingegen Freihandelsabkommen, etwa der EU mit Drittstaaten, in den letzten fünf Jahren wieder abgenommen haben. "Sanktionen wirken, wenn sie richtig umgesetzt sind", erklärt Felbermayr. Sie wirken vor allem ökonomisch und im Fall von Russland auch längerfristig. So erwartet das Wifo einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung um 9,7 Prozent. In Österreich sollen es aufgrund der verhängten Russland-Sanktionen lediglich 0,28 Prozent des BIP sein. "Ob die Sanktionen dann auch politisch wirken, ist eine andere Frage", so Felbermayr.

Zwar warnen Ökonominnen und Ökonomen vor einer längeren Rezessionsphase in Europa im Zuge des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine. Aber diese könnte dann doch etwas milder ausfallen, als noch im Sommer befürchtet. "Das Armageddon ist nicht eingetreten, es sieht bei der Industrie sogar gut aus", so der Wifo-Chef. In Deutschland sind die Gasimporte aus Russland de facto total ausgefallen, nicht nur über die Gaspipeline Nord Stream 1, sondern auch über Polen, Österreich oder Tschechien. Trotzdem sind die Aussichten für das produzierende Gewerbe positiv. Ganz anders als in der chemischen Produktion.(del)