Moskau/Wien. Für Wladimir Putin war es einer der großen Erfolge der ersten Kriegsmonate. Denn während seine Armee auf dem Schlachtfeld immer weiter auf Boden verlor, schien die russische Wirtschaft die westlichen Sanktionen viel besser abzuwettern, als von vielen Prognosen vorhergesagt. Das Bruttoinlandsprodukt fiel weniger stark als erwartet und Länder wie China und Indien füllten jene Lücke, die durch den massiven Rückgang beim Export von Erdgas und Öl nach Europa entstanden war. Der ökonomische Blitzkrieg des Westens gegen Russland sei gescheitert, erklärte Putin immer wieder stolz.

Doch neun Monate nach Kriegsbeginn scheint sich diese Erzählung immer weniger aufrechterhalten zu lassen. So sind die Steuereinkünfte abseits des Öl- und Gassektors laut den jüngsten Zahlen des russischen Finanzministeriums im Oktober um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken, bei den Einzelhandelsverkäufen gab es zuletzt ein Minus von 10 Prozent, beim Güterumschlag betrug der Rückgang 7 Prozent. "Alle Indikatoren zeigen, dass es einen starken Rückgang der Wirtschaftsaktivität gibt", sagt Wladimir Milow, ehemaliger russischer Vize-Energieminister und nun Oppositionspolitiker im Exil. "Die Spirale dreht sich immer schneller und im Augenblick gibt es keinen Ausweg."

Dass der russischen Wirtschaft schwere Zeiten bevorstehen, räumt mittlerweile auch die Zentralbank in Moskau ein. In einer vor kurzem veröffentlichen Lageeinschätzung wird davor gewarnt, dass das russische Bruttoninlandsprodukt, das in den beiden vorgegangenen Quartalen um jeweils knapp 4 Prozent gesunken ist, in den letzten drei Monaten des heurigen Jahres sogar um bis zu 7,1 Prozent einbrechen könnte. "Wir müssen sehr nüchtern und mit offenen Augen auf die Situation blicken", so Zentralbank-Chefin Elwira Nabiullina. "Die Dinge können noch schlimmer werden."

Zukunftsvertrauen sinkt

Befeuert wird diese Entwicklung durch das immer stärker sinkende Zukunftsvertrauen. So fürchten viele russische Unternehmen, dass nach der Mobilmachung von 300.000 Soldaten im September eine neue Einberufungswelle bevorstehen könnte, die wohl auch auf die Produktionskapazitäten durchschlagen dürfte. "Viele Firmen werden sich langsam der Realität des Krieges bewusst", sagt Janis Kluge von der Deutschen Stiftung für Wissenschaft und Politik gegenüber der "Washington Post". "Und es ist klar geworden, dass es noch längere Zeit so weitergehen wird."

Immer deutlicher ist in den vergangenen Wochen auch geworden, dass der Kreml versucht, in Russland eine Kriegswirtschaft zu etablieren, um die Engpässe bei der Versorgung der Truppen mit Munition, Uniformen und Feldrationen zu überbrücken. So sehen neue Gesetze nicht nur hohe Strafen für Firmen vor, die sich weigern, Aufträge für die Armee zu übernehmen. Viele Unternehmenschefs fürchten auch, dass sie diese Produkte zu einem vom Kreml diktierten und wohl oft nicht kostendeckenden Preis liefern müssen.

Bereits im vergangenen Monat hatte Putin eine von Premierminister Michail Mischustin geleitete Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die die Versorgung der russischen Armee mit kriegswichtigen Produkten besser koordinieren soll. "Wir müssen bei unseren Entscheidungen schneller werden, um den außergewöhnlichen Herausforderungen für unsere Wirtschaft besser begegnen zu können", sagte Putin bei der Präsentation des Gremiums.