Im August reiste EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Baku, um medienwirksam einen neuen Gasliefervertrag mit Aserbaidschan zu unterzeichnen. Streng genommen handelt es sich nicht um einen verbindlichen Liefervertrag, sondern um eine Absichtserklärung. Es wäre gut, wenn Aserbaidschan bis 2027 gut 20 Milliarden Kubikmeter Gas in die EU liefert. Das ist mehr als doppelt so viel wie die 8,15 Milliarden Kubikmeter jährlich bisher.

Es ist deshalb eine Absichtserklärung, weil sich die Gasliefermenge, rein technisch, nicht ohne Weiteres einfach verdoppeln lässt. Deshalb halten beiden Seiten fest, dass "es wünschwert ist", die Förderkapazitäten auszubauen und die Pipeline-Infrastruktur zu erweitern. Für Präsident Ilham Alijew war das Treffen aber ein PR-Coup. Und es wurde auch entsprechend groß inszeniert.

Vor allem, weil es zu einem Zeitpunkt stattfand, als die russische staatliche Gazprom wieder einmal ihre Gaslieferungen nach Europa gedrosselt hatte. Die Pipeline Nord Stream 1 nach Deutschland - mittlerweile durch eine Explosion beschädigt - war außer Betrieb. Und auch andere EU-Länder wie etwa Österreich bekamen deutlich weniger Gas aus Russland als eigentlich bestellt. Und so konnte sich Aserbaidschan als Retter in der Not inszenieren. Und die EU-Vertreterin war glücklich, einen geopolitischen Erfolg feiern zu können.

Deal mit Russland

Wochen später, am 15. November 2022, unterzeichnete Aserbaidschan aber seinerseits einen Gasliefervertrag mit Russland. Die staatliche aserische Fördergesellschaft Socar und die staatliche Gazprom haben einen Liefervertrag über eine Milliarde Kubikmeter russisches Gas bis März 2023 abgeschlossen. Das teilte Gazprom auf seiner Homepage mit. "Die Lieferungen starten am 15. November", heißt es in der Erklärung.

Damit gelangt also auch wieder mehr russisches Gas in die EU-Länder. Denn einmal in eine Pipeline oder einen Gasspeicher eingespeiste Gasmoleküle lassen sich dann natürlich nicht mehr nach ihrer Herkunft dividieren. Für Russland und Aserbaidschan "ist der Deal eine Win-win-Situation", wie Gerhard Mangott gegenüber der "Wiener Zeitung" sagt. Er ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und auf internationale Beziehungen und Sicherheit im postsowjetischen Raum spezialisiert. Und die EU-Länder sind froh, dass sie überhaupt Gaslieferungen bekommen.

Zum einen kann Russland so sein - vorher in Richtung EU stark gedrosseltes - Erdgas anderswo zu relativ hohen Preisen verkaufen. Dieses wird hauptsächlich in Sibirien gefördert. "Dort fehlen aber die Pipelines, um es nach Asien zu verkaufen", erklärt Mangott.

Wenig aserische Kapazitäten

"Und Aserbaidschan ist froh, wenn es seine Lieferverpflichtungen an die EU halbwegs erfüllen kann." Im Vergleich zu den 150 Milliarden Kubikmeter Gas, die Russland bis zum Vorjahr geliefert hat, erscheinen die 20 Milliarden Kubikmeter aus Aserbaidschan relativ wenig. Das Land ist allerdings um jedes Gasmolekül, das es zusätzlich bekommen kann und dann eben weiterverkaufen kann, froh.


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Das aserische Gas gelangt über die südliche Route, also über den Südkaukasus, die Türkei, Griechenland, Albanien und weiter nach Italien in die EU. Hier betragen die Transitkapazitäten aber derzeit nur 10 Milliarden Kubikmeter. Man müsste also schnell und großzügig ausbauen, um 20 Milliarden Kubikmeter Gas befördern zu können.

Auch wenn Russland die Gaslieferungen in die EU-Länder selbst gedrosselt hat, ist die Optik, jetzt über Aserbaidschan wieder russisches Gas zu beziehen, zumindest schief. Denn seit neun Monaten sind die EU-Länder und die großen Energieversorger um Diversifikation und um die Reduktion der Abhängigkeit von Russland bemüht. Die EU-Staaten können nun zwar sagen, dass sie den Anteil aserischen Gases erhöht haben und weniger abhängig von Russland sind (siehe Grafik). Das ist aber angesichts des Gasabkommens zwischen Russland und Aserbaidschan nur die halbe Wahrheit.

Spannungen am Kaukasus

Geopolitisch ist die neue Baku-Moskau-Achse auch umstritten. Denn eigentlich galt Russland als Schutzmacht Armeniens in der Region. Erst im September hat Aserbaidschan aber Armenien wieder militärisch wegen des Jahrzehnte alten Konflikts um die Region Berg-Karabach angegriffen. Weder die EU noch Moskau übten besonders laute Kritik an diesen Angriffen. "Der Gasdeal zwischen Russland und Aserbaidschan macht für Armenien sichtbar, dass der Schutz Russlands in diesem Konflikt zumindest brüchig", fasst Mangott die geopolitische Situation am Kaukasus zusammen.