Die kommende Woche steht in wirtschaftlicher Hinsicht ganz im Zeichen der beiden größten Notenbanken der Welt. Am Mittwoch entscheidet zunächst die amerikanische Federal Reserve (Fed) über ihren weiteren geldpolitischen Kurs bei der Bekämpfung der hohen Inflation, am Donnerstag dann die Europäische Zentralbank (EZB). Dass die Währungshüter der USA und der Eurozone die bisherige Serie ihrer Zinserhöhungen fortsetzen, ist fix. Unklar ist aber noch, in welchem Ausmaß sie ihre Schlüsselsätze anheben.

Denn zuletzt gab es sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks erste Lichtblicke bei der Entwicklung der Verbraucherpreise. Im Euroraum stieg die durchschnittliche Inflationsrate im November erstmals seit Juni 2021 nicht weiter an, gegenüber ihrem Rekordhoch von 10,6 Prozent im Vormonat schwächte sie sich vorläufigen Zahlen zufolge auf 10,0 Prozent ab. In den USA, die etwas besser dastehen, sank die Teuerungsrate schon im September von 8,3 auf 8,2 Prozent und im Oktober dann auf 7,7 Prozent (der Wert für den November wird am Dienstag bekanntgegeben).

Von ihrem Inflationsziel von 2 Prozent, das EZB und Fed wirtschaftlich als ideal erachten, da diese Marke für sie Preisstabilität repräsentiert, sind die aktuellen Raten trotzdem immer noch weit entfernt. Dies zwingt die Notenbank-Akteure, deren wichtigste Aufgabe die Sicherung des Geldwertes ist, weiterhin entschlossen zu handeln.

Richtungsstreit im EZB-Rat

Die EZB hat erst im Juli die Zinswende eingeleitet, nachdem sie viele Jahre eine Politik des billigen Geldes verfolgt hatte, um die Konjunktur zu stützen, aber auch hochverschuldete Euroländer. Inzwischen hat sie ihren Leitzins von null um insgesamt 2,00 Prozentpunkte nach oben geschraubt. Wobei die beiden jüngsten Zinsschritte der EZB mit je 0,75 Prozentpunkten außergewöhnlich stark ausfielen, blickt man auf die bisherige Geschichte der Notenbank.

Dass es nun ein drittes Mal in Folge um 75 Basispunkte hinaufgeht, ist zwar nicht auszuschließen. Unterdessen halten die Finanzmärkte diese Möglichkeit allerdings für nur wenig wahrscheinlich. Ihnen scheinen 50 Basispunkte wesentlich realistischer zu sein.

Robert Holzmann, Chef der Oesterreichischen Nationalbank und als solcher auch EZB-Ratsmitglied, tendierte zuletzt zu einer anhaltend kräftigen Straffung der Geldpolitik. In der "Financial Times" outete er sich als Befürworter einer weiteren Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte. Holzmann zählt im EZB-Rat zur Gruppe der Falken, die sich für eine strengere Geldpolitik aussprechen.

Doch diese Gruppe dürfte mittlerweile in der Minderheit sein. Denn in den vergangenen Tagen haben sich die Stimmen im Rat, die für die jetzige Zinssitzung mit einer weniger aggressiven Gangart rechnen, gemehrt. Irlands Notenbankchef Gabriel Makhlouf etwa glaubt, dass diesmal wahrscheinlich eine Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt beschlossen wird. Für ihn persönlich sei dies das "Minimum", sagte er kürzlich. Zugleich räumte der Notenbanker jedoch ein, dass die EZB noch nicht die Phase erreicht habe, in der sie zuversichtlich sein könne, die Inflation unter Kontrolle zu haben. 2023 würden daher weitere Zinserhöhungen nötig werden, so Makhlouf.

Auch Frankreichs Zentralbankchef François Villeroy de Galhau plädierte jüngst dafür, das Tempo bei der geldpolitischen Straffung zu drosseln. Er sprach sich ebenfalls für eine Zinsanhebung um 50 Basispunkte aus und erklärte, auch nach dem 15. Dezember sei mit weiteren Erhöhungen zu rechnen. Wann die EZB damit aufhöre, könne er nicht sagen, so Villeroy. 2024 oder 2025 sollte der Kampf gegen die Teuerung aber gewonnen sein.

Hochspannung in den USA

In den USA signalisieren inzwischen ebenfalls mehrere Notenbanker, dass sie nun kleinere Zinsschritte befürworten könnten. Ähnlich wie die EZB verfolgt die Fed ja das Ziel, bei der Bekämpfung der Inflation nur so weit an der Zinsschraube zu drehen, dass die Wirtschaft nicht kippt und in eine dauerhafte Rezession fällt.

Hatte sie den Leitzins in einem weiteren Kraftakt Anfang November das vierte Mal in Folge um 75 Basispunkte hinaufgesetzt (auf die Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent), wird sie am Mittwoch wohl den Fuß vom Gas nehmen und ihn nach Einschätzung des Marktes "nur" mehr um einen halben Prozenpunkt erhöhen. Aus der Sicht des US-Notenbankers James Bullard muss die Fed die Zinsen alles in allem aber noch um mindestens einen vollen Prozentpunkt anheben. Bisher hätten die Zinsschritte nur eine begrenzte Wirkung auf die beobachtete Inflation gezeigt, so Bullard.

Mit Blick auf die Entscheidung am Mittwoch sagt Monika Rosen, Finanzanalystin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG), indes: "Die Hauptbefürchtung in den USA ist derzeit, dass die Fed die Wirkung ihrer bisherigen Zinsanhebungen unterschätzt und daher über das Ziel hinausschießt. Damit könnte die US-Notenbank 2023 eine Rezession auslösen oder zumindest verschlimmern." Aus Sicht des US-Notenbankers John Williams wird die Fed die Zinsen wohl erst im Jahr 2024 wieder senken.