Inzwischen ist es schon der vierte Zinsschritt seit Juli, den die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem Kampf gegen die hartnäckig hohe Inflation setzt. Am Donnerstag hat ihr oberstes geldpolitisches Gremium, der Rat, beschlossen, den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf 2,50 Prozent anzuheben. Der Einlagensatz, zu dem Geschäftsbanken überschüssige Liquidität bei der EZB parken, wurde im gleichen Umfang hinaufgesetzt – auf 2,00 Prozent. Angesichts wachsender Sorgen um die Konjunktur fiel die jetzige Zinserhöhung etwas geringer aus als die beiden vorangegangenen mit je 0,75 Prozentpunkten.

Bereits am Mittwoch hatte auch die US-Notenbank weiter an der Zinsschraube gedreht. Die Federal Reserve (Fed) erhöhte ihren Leitzins um 0,50 Prozentpunkte auf die Spanne von 4,25 bis 4,50 Prozent.

Auch wenn EZB und Fed nun einen etwas moderateren Kurs eingeschlagen haben: Beide Notenbanken sehen das Problem rasant steigender Verbraucherpreise noch nicht gelöst. Im November sank die Inflation zwar – im Euroraum auf 10,0 Prozent und in den USA auf 7,1 Prozent. Damit lag die Teuerungsrate aber nach wie vor deutlich über dem Ziel von 2 Prozent, wo für EZB und Fed Preisstabilität gegeben ist.

Ihre Währungshüter stellen daher weitere Zinsanhebungen in Aussicht. Höhere Zinsen verteuern Kredite und bremsen somit die Nachfrage, was einer starken Inflation entgegenwirken kann, gleichzeitig aber auch die Konjunktur schwächt.

EZB erhöht Inflationsprognosen

"Die EZB macht sich weiterhin Sorgen über die Inflation", sagt Sandra Holdsworth von Aegon Asset Management. "Die Tür für weitere Zinserhöhungen und eine Ausweitung des Umfangs der Bilanzreduzierung bleibt offen."

Der etwas kleinere Zinsschritt der EZB sei jedenfalls kein Hinweis auf das nahende Ende der Zinsstraffung, ist aus der Finanzbranche generell zu hören. Die Inflation werde im kommenden Jahr voraussichtlich nur sehr langsam zurückgehen und deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der EZB verharren.

Diese Einschätzung deckt sich mit jener der Notenbank, die ihre Inflationsprognosen für heuer und die Folgejahre nun sogar noch etwas angehoben hat. Sieht sie die durchschnittliche Teuerung in der Eurozone für 2022 jetzt bei 8,4 Prozent, rechnet sie für 2023 mit 6,3 Prozent, für 2024 mit 3,4 Prozent und erst für 2025 mit 2,3 Prozent und damit einem Wert in der Nähe ihres mittelfristigen Inflationsziels. Getrieben wird die Inflation seit Monaten vor allem von den Energie- und den Lebensmittelpreisen, die nach Russlands Angriff auf die Ukraine kräftig anzogen.

Neben einer noch länger anhaltenden hohen Inflation droht der Eurozone unterdessen eine Rezession. Im laufenden und im kommenden Quartal könnte die Wirtschaft schrumpfen, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde am Donnerstag. Allerdings werde eine Rezession "relativ kurz und milde" sein. Insgesamt wird die Wirtschaft im Euroraum 2023 laut neuester EZB-Prognose um 0,5 Prozent wachsen – nach erwarteten 3,4 Prozent im heurigen Jahr. 2024 sollte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dann wieder zulegen – um 1,9 Prozent. Für 2025 rechnet die Notenbank mit einem Plus von 1,8 Prozent.

Schießt Fed übers Ziel hinaus?

Auch in den USA gehen die Notenbank-Kollegen der EZB mittlerweile davon aus, dass die Inflation im Land noch länger hoch bleibt und die Konjunktur deutlich an Fahrt verliert. Für 2023 erwarten sie nun ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent als noch vor drei Monaten mit plus 1,2 Prozent angenommen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund meint Jack McIntyre, Portfoliomanager bei Brandywine Global: "Die großen Zinserhöhungen liegen hinter uns. Die Fed wird im kommenden Jahr zu Zinserhöhungen um 25 Basispunkte (0,25 Prozentpunkte, Anm. d. Red.) übergehen, um sich mehr Flexibilität zu verschaffen."

Mit Zinssenkungen in den USA rechnet Monika Rosen, Finanzmarktexpertin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG), erst für 2024. "Die Fed erkennt an, dass sich bei der Inflation erste Anzeichen einer Beruhigung zeigen, aber sie betont gleichzeitig die Notwendigkeit weiterer Zinsschritte", so die Analystin mit Blick auf 2023. Zwar kühle sich die Inflation inzwischen ab, speziell bei Dienstleistungen sei sie aber "zu hoch".

Außerdem dürfte die Fed den Eindruck gewonnen haben, "dass die US-Konjunktur die Zinsanhebungen aushält", sagt Rosen. Zumal der Arbeitsmarkt "immer noch sehr robust" sei. "Kritiker merken aber an, dass die Fed da mehr zuwarten müsste, bis sich die vollen Auswirkungen der bisherigen Zinsschritte entfalten", so Rosen. "Es ist also etwas umstritten, ob die Fed hier über das Ziel hinausschießt."