Kein einziger Tropfen russisches Öl wird mehr an britischen Häfen ankommen. Das besiegelte die britische Regierung am 5. Dezember mit einem Verbot für alle Ölimporte aus Russland. Schon vor dem Verbot hatte das Königreich russische Importe stark heruntergefahren, um Russland im Krieg gegen die Ukraine finanziell zu schwächen. Die letzte Gaslieferung kam im März an und Kohle wurde zuletzt im August importiert, heißt es vom britischen Energieministerium. Die EU hingegen hat Probleme, von Russlands Brennstoffen wegzukommen. Wie kommt das?

"Man kann sagen, dass das Vereinigte Königreich gute Arbeit geleistet hat. Aber es war keine große Arbeit", sagt Ben McWilliams, Energieexperte der Denkfabrik Bruegel. Schon vor dem Krieg importierten die Briten wenig aus Russland.

Es existiert auch keine direkte Pipeline zwischen Großbritannien und Russland. Im Jahr 2021, vor dem Krieg in der Ukraine, kamen nur rund 4 Prozent aller Gasimporte aus Russland, so offizielle Statistiken. In der EU machte russisches Gas hingegen 40 Prozent aus, wie ein Bericht der BP zeigt. "Großbritannien hatte es also viel leichter, weil die Ausgangssituation eine ganz andere als für die EU war", sagt McWilliams.

Das Vereinigte Königreich kann sich selbst gut mit Gas versorgen. Rund die Hälfte des Gasbedarfs wird über das britische Continental Shelf gedeckt, das in den Gewässern rund um den Inselstaat liegt. Der Rest wird mit Importen, vor allem aus Norwegen, gedeckt. Von russischem Öl hat das Königreich etwas mehr importiert, auch hier war die Abhängigkeit von Russland niedriger als in der EU.

Briten helfen EU
aus der Gasknappheit

Großbritannien schlüpfte dieses Jahr in eine neue Rolle. Es exportierte Rekordmengen an Gas, um die EU in den Sanktionen gegen Russland zu unterstützen. Denn nach der Explosion der Nord-Stream-Pipeline im September fehlte Nordwesteuropa plötzlich die Energie-Infrastruktur. Die Folge: Gasknappheit. Seither schickt das Königreich Gas über Unterwasserpipelines nach Belgien und in die Niederlande, um die Gasspeicher der EU zu füllen.

"Das Vereinigte Königreich wurde zu einer Brücke für Flüssigerdgas (LNG, Anm.). LNG wird in das Vereinigte Königreich eingeführt, durch das britische Netz geleitet und dann durch Pipelines nach Nordwesteuropa transportiert", sagt McWilliams. Das erhöhe nicht nur die Energiesicherheit in der EU, sondern auch die von Großbritannien, weil die Energiemärkte durch gemeinsame Infrastruktur verbunden sind.

Das würde sich in den kommenden Wochen und Monaten wieder ändern, meint McWilliams. Die EU hat 25 schwimmende Speichereinheiten gemietet, wodurch bald große Mengen an Gas direkt importiert werden können.

Großbritannien hat
nur wenig Speicherkapazität

Während die EU damit beschäftigt war, die Gasspeicher für den Winter zu füllen, war das für Großbritannien weniger ein Thema. "Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Speicherkapazität wirklich winzig. Das liegt vor allem daran, dass das Vereinigte Königreich nicht viel speichern muss, weil es viel eigenes Gas produziert," sagt McWilliams.

Deutschland hingegen benötigt größere Speicher, weil es selbst kaum Gas produziert. Das gilt auch für Österreich: "Österreich ist das Gegenteil von Großbritannien. Es hat riesige Gasspeicher. Das Gas, das aktuell in den Speichern ist, reicht fast für ein Jahr."


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England hat im Oktober dennoch einen alten Gasspeicher an der Ostküste wieder in Betrieb genommen, um die Speicherkapazität etwas zu erhöhen. Obwohl er nur auf 20 Prozent seiner früheren Kapazität läuft, verdoppelt sich dadurch die Speicherkapazität. Das Speicherwerk würde ausreichen, um eine Million Haushalte für hundert Tage durch den Winter zu bringen.

Energiekrise trifft
Briten besonders hart

Die Versorgung ist für Großbritannien also weniger das Problem, sondern eher die stark gestiegenen Energiepreise. Die würden die Briten besonders stark treffen, sagt Anna Valero, die an der London School of Economics (LSE) im Bereich wirtschaftlicher Performance und nachhaltiges Wachstum forscht. "Deutschland ist vor allem wegen der Industrie auf russisches Gas angewiesen. Wir sind bei der Beheizung unserer Häuser stärker auf Gas angewiesen als einige unserer europäischen Kollegen", sagt die Ökonomin.

Rund 85 Prozent der britischen Haushalte heizen mit Gas, während es in Deutschland und Frankreich weniger als 50 Prozent sind. Hinzu kommt, dass viele Häuser schlecht isoliert sind und somit mehr Beheizung notwendig ist. Laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben britische Häuser sogar die schlechteste Energieeffizienz in ganz Westeuropa.

Damit das Vereinigte Königreich weniger von den schwankenden globalen Gaspreisen abhängig ist, ist der Ausbau billiger und sauberer erneuerbarer Energie notwendig. "Wir waren in Bezug auf Klimaneutralität führend: Wir haben es schnell ins Gesetz aufgenommen und eine Klima-Strategie festgelegt. Aber das Problem ist, dass wir in der Umsetzung hinterherhinken", sagt Anna Valero. Der Krieg in der Ukraine, Covid und auch das politische Chaos in London hätten dazu beigetragen, dass sich die Klimaprojekte verzögern.

Großes Atomkraftwerk geplant
- de facto Verbot für Windräder

Aktuell steht ein neues Atomkraftwerk auf der Agenda. Die Regierung hat Ende November bestätigt, 700 Millionen Pfund in das Projekt zu investieren. Zum letzten Mal wurde 1987 der Bau eines Atomkraftwerks genehmigt. Das Projekt namens Sizewell C soll in Suffolk entstehen und 6 Millionen Haushalte für mehr als 50 Jahre versorgen sowie 10.000 neue Jobs schaffen.

Für Debatten sorgte in Großbritannien, dass der Bau neuer Windräder und neuer Solarparks durch spezielle Regelungen aktuell praktisch verboten ist. Auch wenn der Inselstaat viele Windräder am Meer betreibt, sei der Ausbau auch an Land notwendig und würde günstigeren Strom bieten als Atomenergie, sagt Valero. Nach langem Hin- und Her kündigte Premierminister Rishi Sunak zuletzt an, die Einschränkungen bezüglich des Baus neuer Windräder und Solarparks zu lockern.

In Blick auf den nächsten Winter wird China eine große Rolle spielen. Weil China wegen der anhaltenden Lockdowns weniger Gas nachfragte, blieb mehr für die EU übrig und die Speicher konnten zu 95 Prozent gefüllt werden, so ein Bericht der internationalen Energieagentur (IEA). Nächstes Jahr könnte der EU aber die Hälfte des benötigten Flüssigerdgases fehlen, heißt es.

Denn dieses Jahr floss in der ersten Jahreshälfte noch Gas aus Russland, die Temperaturen waren ungewöhnlich mild und China war aus dem Spiel. Nächstes Jahr seien ähnlich günstige Umstände sehr unwahrscheinlich. Für Großbritannien könnten vor allem die in der Folge noch höheren Gaspreise zum Problem werden.

"Deshalb müssen die Regierungen unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um die Verbesserung der Energieeffizienz zu beschleunigen und den Einsatz von erneuerbaren Energien und Wärmepumpen zu forcieren", warnt Fatih Birol, Exekutivdirektor der IEA, in dem Bericht.

Großbritannien müsse auf eine gute Zusammenarbeit mit der EU schauen, sagt McWilliams. "Das Vereinigte Königreich hat in den vergangenen Wochen mit Gaslieferungen geholfen, aber in anderen Zeiten ist es die EU, die Gas an das Vereinigte Königreich liefert."