Krieg, Rekordinflation, Energiekrise und steigende Zinsen: Das sind die idealen Zutaten für einen Börsencrash. 2022 brachte den Aktienmärkten herbe Verluste, die die rekordmäßigen Kurszuwächse des Vorjahres wieder zunichtemachten. Angesichts von zumeist Kursrückgängen im zweistelligen Bereich ist die Stimmung trist. "Das war ein Börsenjahr zum Abgewöhnen", wie ein Aktienhändler in Frankfurt in einem Beitrag des deutschen Nachrichtensenders ntv anmerkte.

Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Der Dow Jones stürzte heuer um 8,6 Prozent ab, der japanische Leitindex Nikkei um 9,4 Prozent. Der britische Leitindex FTSE-100 stieg hingegen um 0,9 Prozent. Das deutsche Börsenbarometer DAX büßte 12,3 Prozent ein und verbuchte somit das schlechteste Ergebnis seit vier Jahren. 2021 hatte der DAX noch ein Plus von knapp 16 Prozent verzeichnet. Der deutsche Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar von RoboMarkets empfiehlt passend zum schwachen Handelsschluss in Frankfurt, das gesamte Börsenjahr 2022 "einfach abzuhaken", aber den Optimismus zu behalten.

Bank-Aktien in Wien
unter Druck

Optimismus brauchen auch die Anleger an der Wiener Börse. Nachdem der ATX im Vorjahr um 39 Prozent zugelegt hatte, stürzte er heuer um 19 Prozent ab. Negativ wirkten sich die Verluste der schwergewichteten Bank-Aktien aus. Die laut Wiener Börse heuer am meisten gehandelten Titel, die der Erste Group, verbilligten sich um rund 28 Prozent. Der Bawag-Kurs fiel um 8 Prozent. Die von den Russland-Sanktionen stark betroffene Raiffeisen Bank International (RBI) verlor deutliche 41 Prozent an Marktwert.

Der ebenfalls stark durch sein Russland-Geschäft exponierte Immobilien-Entwickler Warimpex büßte trotz kräftigem Gewinnplus 42 Prozent ein. Größter Verlierer im Prime Market waren Lenzing mit einem Minus von 55 Prozent. Eine schlechte Entwicklung verzeichneten auch die Immo-Konzerne Immofinanz (minus 48,5 Prozent), UBM (minus 47 Prozent) und s Immo (minus 42,6 Prozent).

Sattes Plus für Schoeller-Bleckmann

Ein klarer Krisengewinner waren hingegen die Aktien des Ölfeldausrüsters Schoeller-Bleckmann. Die Unternehmensanteile gewannen seit Jahresanfang 88 Prozent an Wert. Weltweit wurde stark in die Öl- und Gasförderung investiert, um russische Lieferungen zu ersetzen. Der teilstaatliche Öl- und Gaskonzern OMV verzeichnete wiederum ein Minus von fast 3,7 Prozent.

Ein deutliches Kursplus im Jahresverlauf gab es auch bei Flughafen Wien (plus 21,6 Prozent), Caterer Do&Co (plus 19,6 Prozent), Anlagenbauer Andritz (plus 18 Prozent) und Bauunternehmen Strabag (plus 6,7 Prozent). Letztere sind seit 24. November Teil des Leitindex ATX. Sie haben hier die s Immo ersetzt, die wegen eines zu geringen Streubesitzes im Zuge der Übernahme durch die CPI Property aus dem ATX geflogen sind. Im Prime Market gab es mit Pierer Mobility und RHI Magnesita zwei Neuzugänge, womit nun insgesamt 40 Werte im Prime-Segment notieren.

Insgesamt prognostizierte die Wiener Börse in einer Aussendung für das Gesamtjahr einen Aktienumsatz von 72,0 Milliarden Euro, also knapp weniger als die 73,4 Milliarden Euro im Vorjahr.

Schwieriger Ausblick auf das kommende Börsenjahr

Beim Ausblick auf das kommende Jahr sind sich die Analysten nicht einig. Experten der Deutschen Bank gehen von mittleren einstelligen Renditen an den Aktienmärkten aus, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt. Europäische Aktien könnten 2023 von einem Bewertungsabschlag gegenüber US-Werten profitieren, meint dann Marcus Poppe vom Vermögensverwalter DWS. "Wir gehen davon aus, dass dieser Abschlag schrumpfen wird, wenn Anleger erkennen, dass die negativen Folgen der hohen Energiepreise doch nicht ganz so stark ausfallen wie erwartet", so Poppe in einem Marktausblick.

Bei JPMorgan Asset Management geht man davon aus, dass die Industrieländer in eine leichte Rezession rutschen werden, wie sie in einem Blogeintrag schreiben. Diese makroökonomischen Probleme hätten die Märkte aber bereits vorweggenommen, weshalb Aktien den Analysten "zunehmend attraktiv" erscheinen.

Gegenüber Reuters drücken sich einige Marktbeobachter aber auch pessimistisch aus. "Wir glauben nicht an das Szenario, dass die USA Anfang nächsten Jahres eine milde und kurze Rezession erleben werden", wird Gergely Majoros vom Vermögensverwalter Carmignac zitiert.

Vor allem die straffe Geldpolitik der Zentralbanken sowie die unsichere Aussicht auf eine Zinserhöhungspause würden Investoren verunsichern. "Zeiten mit schrumpfender Liquidität haben in der Vergangenheit zu erheblichen Luftlöchern an den Märkten geführt, das jüngste Beispiel war der Crash im vierten Quartal 2018", sagte Benjamin Melman, Investmentchef von Edmond de Rothschild Asset Management zu Reuters. "Wir können daher nicht ausschließen, dass ein solches Phänomen ohne Vorwarnung wieder auftritt."(ede/apa)