Die hohe Inflation, steigende Zinsen und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bremsen das weltweite Wirtschaftswachstum nachhaltig und drastisch aus. Die Weltbank senkte am Dienstag ihre globale Wachstumsvorhersage für dieses Jahr auf nunmehr 1,7 Prozent und warnte vor einer möglichen Rezession.

"Die Weltwirtschaft steht auf Messers Schneide", sagte Prognose-Chef Ayhan Kose in Washington. Es handle sich um die niedrigste Wachstumsrate außerhalb einer globalen Rezession in den vergangenen drei Jahrzehnten. In praktisch allen Regionen werde das Pro-Kopf-Einkommen langsamer wachsen als in der Zeit vor der Coronapandemie, heißt es im Bericht "Global Economic Prospects".

Dies werde vor allem Entwicklungsländer hart treffen, mahnte Weltbank-Präsident David Malpass. "Es besteht eine verheerende Diskrepanz zwischen den Regionen, die umfangreiche neue Investitionen benötigen, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen, und den tatsächlichen Investitionsströmen." Weitere negative Schocks könnten die Weltwirtschaft in eine erneute Rezession stürzen, wird gewarnt.

"Wenn wir eine weitere globale Rezession erleben, denn wir hatten gerade eine im Jahr 2020, dann wird das historisch sein", sagte Volkswirt Kose. Es wäre das erste Mal seit den 1930er-Jahren, dass die Weltwirtschaft zwei Rezessionen innerhalb desselben Jahrzehnts erlebe. Das Risiko sei durchaus vorhanden - auch wenn eine Rezession im Moment nicht das Basisszenario der Weltbank sei: "Wenn es dazu kommt, wird es meiner Meinung nach ziemlich kostspielig werden."

Größte Herausforderung bleibt Inflation

Die größte Herausforderung bleibe die hohe Inflation. Die weltweite Teuerungsrate dürfte sich zwar abschwächen, werde aber über dem Niveau vor der Pandemie bleiben, heißt es in der Prognose. Die Zentralbanken müssten die Zinssätze weiter erhöhen oder auf hohem Niveau halten, um Preisstabilität zu gewährleisten, so die Weltbank.

Die US-Notenbank Fed oder die Europäische Zentralbank stemmen sich seit Monaten mit kräftigen Zinserhöhungen gegen die hartnäckig hohen Preise. Das hat allerdings einen Preis: Mit der strengen Geldpolitik wächst das Risiko, dass die Wirtschaft so stark ausgebremst wird, dass Arbeitsmarkt und Konjunktur abgewürgt werden.

Kose merkte an, dass die Finanzmärkte sich als widerstandsfähig erwiesen hätten. "Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Dinge in Zukunft schön und gut laufen werden. Es könnte hier und da Risse geben." Die strenge Geldpolitik kann in Entwicklungsländern eine Schuldenkrise auslösen, da diese sich weitgehend über Kredite finanzieren. "Es ist wichtig, die Folgen dieser Entscheidungen zu bedenken", sagte Kose mit Blick auf die Notenbanken. Allerdings bedeute dies nicht, dass Zentralbanken der großen Volkswirtschaften ihr Hauptziel aufgeben sollten: die Preisstabilität.

Kein Wachstum für Eurozone zu erwarten

Im vergangenen Juni ging die Weltbank noch von einem weltweiten Wirtschaftswachstum um 3 Prozent für das Jahr 2023 aus - es handelt sich also um eine Korrektur von 1,3 Prozentpunkten nach unten. In den Industrieländern dürfte die Wirtschaft im Schnitt um 0,5 Prozent wachsen - 1,7 Prozentpunkte weniger als zuvor prognostiziert. Für die Eurozone wird nunmehr 2023 gar kein Wachstum erwartet - eine Abwärtskorrektur um 1,9 Prozentpunkte.

In Schwellen- und Entwicklungsländer geht die Weltbank von einem Wachstum von 3,4 Prozent im Jahr 2023 aus - ein Rückgang von 0,8 Prozentpunkten. Auch für das kommende Jahr sind die Aussichten trüb. Die Weltbank sagt ein globales Wachstum von 2,7 Prozent für 2024 voraus - 0,3 Prozentpunkte weniger als zuvor erwartet.

Die Prognosen seien für 95 Prozent der Industriestaaten und fast 70 Prozent der Schwellen- und Entwicklungsländer nach unten korrigiert worden, heißt es weiter. Wichtig seinen nun Investitionen, forderte Kose, der Direktor der Weltbank-Prospects-Group ist. Ohne diese werde das Wachstum gedrückt. Auch die Folgen der Klimakrise könnten dann schwieriger bewältigt werden, die Verringerung von Armut und Ungleichheit käme nicht voran. Aufgrund der begrenzten finanziellen Spielräume der Schwellen- und Entwicklungsländer sei an dieser Stelle die internationale Gemeinschaft gefragt, Zuschüsse stark auszuweiten.

Der Bericht nimmt auch 37 kleine Staaten mit einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Menschen oder weniger in den Blick. Diese Länder seien während Corona besonders hart getroffen worden, weil der Tourismus in Inselstaaten wie Mauritius oder auf den Malediven wichtig ist. "Kleine Staaten sind wie Kanarienvögel im Kohlebergwerk", sagte Kose. Sie bekämen das Ausmaß der Krisen besonders heftig zu spüren - und könnten so auch zeigen, was kommende Entwicklungen sein könnten.

Kleine Staaten seien in wirtschaftlichen Merkmalen unterschiedlich. Aber sie hätten Eigenschaften, die sie besonders anfällig für Schocks machten, heißt es im Bericht. Dazu zählten Abhängigkeit von Importen lebenswichtiger Güter, hohe Konzentration der Wirtschaft, hohe Verschuldung, Abhängigkeit von externer Finanzierung und Anfälligkeit für Naturkatastrophen. Es wird erwartet, dass die wirtschaftliche Erholung dort nur sehr langsam vorangeht. (dpa)