Budapest. Die Luft für Zsolt Hernadi wird dünner. Der Vorstandsvorsitzende des ungarischen Energiekonzerns MOL soll tief in die mutmaßlichen kriminellen Geschäfte des früheren kroatischen Ministerpräsidenten Ivo Sanader verwickelt sein.

Zur Erinnerung: Die kroatische Antikorruptionsbehörde erhob im August vergangenen Jahres schwerwiegende Vorwürfe gegen Sanader. Während seiner Amtszeit soll er Kroatien durch fragwürdige Geschäfte einen Schaden von umgerechnet 200 Millionen Euro zugefügt haben. Nach seiner Überstellung aus Österreich, wo er im Dezember verhaftet worden war, muss er sich in Kroatien wegen Amtsmissbrauchs, Bildung einer kriminellen Vereinigung und gewerbsmäßigen Betrugs verantworten.

Über einen Strohmann und mehrere Unternehmen soll Sanader von Hernadi zehn Millionen Euro dafür kassiert haben, dass MOL im Sommer 2008 vom größten Aktionär des staatlichen kroatischen Ölkonzerns INA auch zu dessen Hauptaktionär aufsteigen konnte. MOL verfügte seit 2003 über eine Sperrminoriät von 25 Prozent plus einer Aktie. Diese stockten die Ungarn im Sommer 2008 um weitere 31 Prozent auf, die zuvor von einem Kriegsveteranenfonds und der Citibank gehalten worden waren. Das Nachsehen bei dem Deal hatte die österreichische OMV, die sich zunächst für eine Minderheitsbeteiligung an INA interessierte. MOL zahlte damals umgerechnet rund 1,2 Milliarden Euro für die weiteren INA-Aktien. Sollte sich die Vorwürfe gegen Hernadi erhärten, steht auch die Rechtswirksamkeit des Kaufvertrags zwischen MOL und INA in Frage.

"Üble Gerüchte"

Bei dem Strohmann soll es sich um den einflussreichen kroatischen Geschäftsmann Robert Jezic handeln. Seinetwegen flogen die mutmaßlichen Machenschaften zwischen Hernadi und Sanader überhaupt auf. Denn er soll den kroatischen Ermittlern den entscheidenden Hinweis gegeben haben. Jezic galt - wegen seiner Verbindungen - übrigens früher auch als wichtiger Ansprechpartner der Kärntner Hypo in Kroatien.

Dem MOL-Chef, der die Vorwürfe bisher vehement bestreitet und als "üble Gerüchte" bezeichnet, droht nach Medienberichten zumindest ein Strafverfahren in Ungarn. Zum Verhör musste er jedenfalls schon antreten. Nach offiziell bisher unbestätigten Informationen hat der kroatische Generalstaatsanwalt seine Auslieferung beantragt. Zuletzt reiste ein Vertreter der kroatischen Generalstaatsanwaltschaft zu Gesprächen nach Budapest.

Ende Mai ließ sich der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban noch dafür feiern, dass die russische Surgutneftegaz dem Verkauf ihrer Beteiligung von 21,2 Prozent an MOL zustimmte und "das Unternehmen wieder ungarisch wird". Nun scheint er unschlüssig, wie er in der Causa weiter verfahren soll, ohne sich möglicherweise selbst in ein schlechtes Licht zu rücken.

Vizepremier Mihaly Varga betonte noch in der vergangenen Woche, Ungarn werde "wie die kroatische Seite in der INA-Sache eine Entscheidung treffen müssen". Orban sagte hingegen zu Wochenbeginn, er werde den Fall nicht zur Chefsache erklären, weil die Angelegenheit vorerst nur die bilateralen Beziehungen zwischen MOL und INA betreffe. Tatsächlich aber liegt ihm die Sache offenkundig so schwer im Magen, dass er darüber nur mit seinen engsten Vertrauten beraten mag.