In Schottland und Wales, wo am gleichen Tag ein Parlament mit weniger Vollmachten gewählt wird, dürfte Labour zwar jeweils stärkste Partei werden und zusammen mit ihren jeweiligen Koalitionspartnern die Regierung stellen, doch mit den oppositionellen Nationalisten der Schottischen Nationalpartei (SNP) und der walisischen Plaid Cymru wird London künftig verstärkt zu rechnen haben.

Blairs "New Labour" warf den Nationalisten vor den Wahlen im Zusammenhang mit deren Unabhängigkeitsbestrebungen Abenteurertum vor und malte das Schreckgespenst eines Wirtschaftschaos im Fall einer

Abspaltung an die Wand. SNP und Plaid Cymru schienen daraufhin in Deckung zu gehen.

Im Wahlprogramm der walisischen Nationalisten tauchte die Forderung nach Unabhängigkeit gar nicht erst auf, und auch die SNP konzentrierte sich im Wahlkampf auf soziale und wirtschaftliche Themen, um die gemäßigten Wählerschichten nicht zu verprellen.

Erst vor wenigen Tagen stellte der 44jährige SNP-Vorsitzende Alex Salmond die Strategie seiner Partei für die Loslösung von Großbritannien vor. Seinen Ausführungen zufolge würde der Verlust der Subventionen aus London nur fünf Jahre lang zu einem Staatsdefizit führen. Danach könne ein unabhängiges Schottland weltweit das siebthöchste Pro-Kopf-Vermögen aufweisen. Entscheidende Faktoren für den wirtschaftlichen Erfolg seien das auf schottischem Gebiet geförderte Öl und Erdgas aus der Nordsee. Schottland solle nach der von ihm gewünschten Unabhängigkeit sofort der europäischen Währungsunion beitreten, forderte Salmond.

Wirtschaftsvertreter bezeichnen Salmonds Zahlen als unrealistisch. Doch die Unabhängigkeitsforderung, vor einigen Jahren noch als Idee von Spinnern abgetan, scheint an Terrain zu gewinnen. Unlängst hielt eine Mehrheit von Schotten in einer Umfrage eine Abspaltung von Großbritannien auf lange Sicht für möglich. Was das Wahlergebnis betrifft, kommt die SNP jüngsten Erhebungen zufolge auf 30 Prozent, die Labour Party auf 40 bis 45 Prozent der Stimmen. Im künftigen Regionalparlament entfielen demnach auf Labour um die 60 der insgesamt 129 Sitze, auf die SNP 40 bis 45, auf die Konservative Partei mal 17 mal neun, und auf die Liberalen Demokraten um die zwölf.

In Wales liegt Labour in den Umfragen deutlich vorn. Der britische Minister für Wales, Alun Michael, rechnet fest damit, eine Labourregierung unter seiner Führung zu bilden. Anders als das künftige Parlament in Schottland wird die Versammlung in Cardiff keine gesetzgebende Befugnis und keine Steuerhoheit besitzen, sondern sich lediglich mit Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Erziehung und Infrastruktur befassen dürfen.

Ein walisisches Parlament bestand zuletzt 1404, einberufen von Owain Glendwr, dem Anführer eines Aufstandes gegen die Engländer. England hatte das von einer keltischen Bevölkerung besiedelte Land 1282 endgültig erobert. England und Schottland wurden offiziell 1707 vereinigt.

Ebenfalls am Donnerstag finden in England, Schottland und Wales Teilkommunalwahlen statt. Es wird erwartet, daß die Wähler bei dieser Gelegenheit der regierenden Labour-Partei einen Denkzettel verpassen werden.