In jüngster Zeit überschlagen sich die Meldungen aus Moskau, und die meisten sind im Superlativ gehalten: Gazprom beabsichtigt, das laufende Investprogramm auf eine Trillion Rubel zu erhöhen, rund 25 Milliarden Euro. Gazprom wird heuer für 42 Milliarden Euro Gas nach Europa exportieren - um 37 Prozent mehr als im Vorjahr.

Vollmond über der Bohrinsel vor Murmansk. Rund 508 Milliarden Kubikmeter Gas wurden 2010 von der Gazprom produziert - das sind 10 Prozent mehr als noch im Vorjahr. - © ...... / FOURSA ROSTISLAV +8(495)7049962
Vollmond über der Bohrinsel vor Murmansk. Rund 508 Milliarden Kubikmeter Gas wurden 2010 von der Gazprom produziert - das sind 10 Prozent mehr als noch im Vorjahr. - © ...... / FOURSA ROSTISLAV +8(495)7049962

Gazprom rangiert im "Fortune"-Ranking der weltgrößten Konzerne bereits auf Platz 35. Gazprom ist - nach Nestlé - die Nummer zwei der profitabelsten Weltkonzerne. 2010 hat das Unternehmen einen Nettogewinn von rund 32 Milliarden Dollar gemacht.


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Jetzt drängt Gazprom vor allem nach Deutschland - das Land gehört mit Italien und der Türkei zu seinen wichtigsten Gas-Abnehmern. Der russische Konzern würde gerne etwa bei der deutschen RWE einsteigen, um gemeinsam Gas- und Kohlekraftwerke zu errichten. Gazprom will aber auch dem Rivalen E.ON näherrücken, um dessen Schulden sowie den Schmerz über den deutschen Atom-Ausstieg zu lindern. Gazprom habe schon lange erklärt, in die Stromerzeugung einsteigen zu wollen, wo die Gewinnmargen besonders hoch sind.

Der russische Mega-Konzern, den Wladimir Putin einmal "mein Allerheiligstes" bezeichnet hat, wird immer bedeutender. Die wirtschaftliche und geopolitische Situation ist ideal. Im Vorjahr wurde ein Rekordgewinn in Höhe von 23,8 Milliarden Euro eingefahren. Europa bezieht fast ein Viertel seines Gasbedarfs aus Russland und hängt damit am Tropf. Die kritische Situation, in die sämtliche AKW-Betreiber kürzlich gerasselt sind, markiert für die Gazprom den optimalen Zeitpunkt, um Muskeln spielen zu lassen. Ohne Gazprom wären 20 Länder in Mittel- und Westeuropa nämlich eben so aufgeschmissen wie etwa die Ukraine und Weißrussland, die seit Jahren aus Moskau gegängelt werden.

Ein Sechstel der Reserven

Als weltweit größtes Erdgasförderunternehmen mit 110 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung hat der einstige Staatskonzern, der 1992 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, ein leichtes Spiel: Gazprom dominiert die russischen Gasförderung klar, verfügt über das mit 160.000 Kilometern längste Transportnetz und sitzt auf etwa einem Sechstel der wirtschaftlich gewinnbaren Gasreserven der Welt.

Der Quasi-Monopolist, der auch in der Stromwirtschaft, der Medienbranche und der Bankenszene aktiv ist, hat sich in den vergangenen Jahren merklich ausgeweitet. Sowohl im Land als auch international: So etwa kam es 2005 zur Fusion mit dem Ölunternehmen Rosneft, drei Jahre später wurde - ein Beispiel von vielen - die Mehrheit an der Naftna Industrija Srbije, der staatliche Energiekonzern Serbiens, für 400 Millionen Euro erworben. Der Preis hätte doppelt so hoch sein müssen, hieß es damals von Experten. Russland aber konnte dank politischer Seilschaften ein ausgesprochenes Schnäppchen machen.

Arbeitgeber und Kleinod

Gazprom ist mit nahezu 400.000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber des Landes. Doch während etwa andere große Staatsbetriebe straucheln, etwa die Staatsbahn RZD, die, tief in den roten Zahlen und hoch verschuldet, ihren früheren Personalstand von 1,2 Millionen Beschäftigten zuletzt massiv reduzieren musste, ist Gazprom der Stolz der Nation, vor allem der Kreml-Politiker. Präsident Dmitri Medwedew amtierte sogar bis Juni 2008 als Aufsichtsratsvorsitzender von Gazprom.

Dabei gehört der Gas-Riese nur zu etwas über 50 Prozent der Russischen Föderation und der staatlichen OAO Rosneftegaz. Der Rest befindet sich im Besitz von fast 500.000 privaten Aktionären, zu denen beispielsweise die deutsche E.On/Ruhrgas als größter Auslandsaktionär zählte. Allerdings hat die E.On ihren 3,5 Prozent-Anteil vergangenen Winter zwecks Schuldenreduktion um 3,4 Milliarden Euro abstoßen müssen.

Auch wenn der politische Einfluss auf Gazprom extrem hoch ist, darf der 50-jährige Alexej Miller, der seit zehn Jahren als Vorstandschef fungiert, als Regisseur dieser Erfolgsgeschichte auftreten. Wie mächtig das Gas-Imperium tatsächlich ist, wurde spätestens Anfang Jänner 2009 deutlich, als die Lieferungen an die zahlungsunwillige Ukraine zum zweiten Mal in drei Jahren gestoppt wurden. Miller hat es dank seiner aggressiven Strategie verstanden, etwa das Baltikum, Bosnien und Herzegowina, die Slowakei oder Mazedonien zu 100 Prozent vom Russen-Gas abhängig zu machen. Die Abnehmer im Rest von Europa, etwa die Wiener OMV, sind großteils durch langfristige Verträge an Gazprom gebunden.

Das Moskauer Unternehmen verfügt jedoch nicht nur über Gas, sondern ist in etlichen Staaten auch an Zwischenhändlern direkt beteiligt und kann schließlich aufgrund seiner riesigen Speicher und der erforderlichen Pipelines kaum umgangen werden. In Österreich etwa besitzt es gemeinsam mit der RAG - Rohöl-Aufsuchungs-AG und der BASF-Tochter Wingas den kürzlich fertiggestellten Untertage-Erdgasspeicher in Haidach bei Salzburg. Die Kapazität des 300-Millionen-Euro-Investments beträgt 2,6 Milliarden Kubikmeter.

Die übrigen Gazprom-Speicher stehen derzeit in Deutschland, Serbien und den Niederlanden, sieben weitere sollen noch gebaut werden, etwa in Frankreich, Belgien und Großbritannien.