Paris. (ag/wak) "Die Wirtschaft wächst viel langsamer, als wir es noch vor drei Monaten geglaubt hatten." Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) muss umschwenken und ihre Prognose anpassen. "Das Risiko, wieder in ein negatives Wachstum zu verfallen, ist gestiegen", erklärte der Chefökonom der OECD, Pier Carlo Padoan, am Donnerstag bei der Präsentation der aktualisierten Daten der OECD.

Das Wachstum in den G7-Nationen (ausgenommen Japan, das sich wegen des Wiederaufbaus in einer Ausnahmesituation befindet) werde in der zweiten Jahreshälfte 2011 weniger als 1Prozent ausmachen, errechnete die OECD. Vor allem im vierten Quartal werde das Wachstum in jenen Ländern mit 0,2 Prozent praktisch zum Stillstand kommen wird.

Speziell für Deutschland sieht die OECD für das Jahresende 2011 schwarz: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird zwischen Oktober und Dezember um 1,4 Prozent schrumpfen, meint man in Paris. Die Geldmarktpolitik müsse gelockert werden, die Fiskalpolitik müsse sich um Konsolidierung drehen, erklärte Padoan.

EZB lässt Leitzins unangetastet

Der Ruf nach einer Lockerung der Geldmarktpolitik wurde von der Europäischen Zentralbank (EZB) schon am gleichen Tag zur Kenntnis genommen. Nach zwei Zinserhöhungen im April und Juli (um je 0,25 Punkte auf aktuell 1,50 Prozent) ließ die EZB den Zinssatz nach ihrer Sitzung am Donnerstag unverändert. Zugleich ließen sich die Währungshüter etwas überraschend sogar ein Hintertürchen für Zinssenkungen in den kommenden Monaten offen. "Wir erwarten, dass der Euro-Raum moderat wachsen wird, allerdings begleitet von besonders hoher Unsicherheit und verstärkten Abwärtsrisiken. Noch vor einem Monat haben wir die Wachstumsrisiken für ausgeglichen gehalten, das ist heute nicht mehr der Fall", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach der vorletzten Sitzung des EZB-Rats unter seiner Führung. "Unsere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage hat sich signifikant geändert."

Die EZB passte am Donnerstag offiziell ihre Prognose an (die "Wiener Zeitung" berichtete bereits in der Wochenendausgabe).

Der Euro-Raum werde im heurigen Jahr nur zwischen 1,4 bis 1,8 Prozent wachsen (statt, wie noch im Juni prognostiziert, 1,5 Prozent bis 2,3 Prozent). 2012 ist laut EZB überhaupt nur noch eine Spannbreite von 0,4 Prozent bis 2,2 Prozent möglich (statt 0,6 Prozent bis 2,8 Prozent).

Österreich wird mit 1,8 Prozent zwar über dem europäischen Durchschnitt wachsen, aber auch für Österreich waren deutlich mehr als zwei Prozent erwartet worden.

Den Inflationsgefahren sehe die EZB gelassener entgegen als zuletzt. Das nimmt den Druck von der Notenbank, erneut an der Zinsschraube zu drehen.