New York. (reu/mel) Während in Europa alles bang auf das überschuldete Griechenland blickt, laborieren die USA an ihrer eigenen - seit vier Jahren ungelösten - Schuldenkrise im Bereich der Immobilienkredite. Was bei Griechenland bereits stattgefunden hat - ein teilweiser Schuldenerlass durch Gläubigerbanken -, gewinnt nun auch in den Vereinigten Staaten Befürworter.

In den USA sind derzeit 11.400 Milliarden Dollar an Privatkrediten ausständig. Laut den Immobilienanalysten der Firma Core-Logic waren zur Jahresmitte die Hypotheken von rund 1,6 Millionen Häuslbauern ausgefallen oder bereits im Prozess der Zwangsvollstreckung. Bei 10,9 Millionen Hausbesitzern - das sind 22,5 Prozent des Gesamtmarkts - würde der Wert der Liegenschaft durch den rasanten Preisverfall bereits unter dem Kreditvolumen liegen. Diese Zahl ist seit dem vierten Quartal 2009 nur deshalb leicht gesunken, weil immer mehr Hypotheken zwangsvollstreckt werden. Dazu kommen noch steigende Kreditkartenschulden und die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit.

Insgesamt ist es also nicht verwunderlich, dass der Privatkonsum nicht stark genug anspringt, um die US-Wirtschaft zum Laufen zu bringen.

Mehr und mehr Ökonomen fordern daher, den langwierigen, wachstumshemmenden Prozess der Entschuldung zu abzukürzen: "Wir haben damit zu lange gewartet", so L. Randall Wray, Professor an der Universität von Missouri. "Wir brauchen einen Schuldenerlass und Arbeitsplätze. Bevor es diese beiden Dinge nicht gibt, ist eine Erholung unmöglich."

Dies ist freilich leichter gesagt als getan: Ein Schuldenschnitt würde zwar die Kreditnehmer entlasten und ihnen mehr Spielraum zum Konsumieren geben, brächte jedoch für Banken und andere Gläubiger herbe Verluste. Vor diesem Hintergrund dürften auch jüngste Rufe der US-Politik nach Europa zu verstehen sein, endlich mit umfassenden Finanzhilfen das Griechenland-Problem aus der Welt zu schaffen. Das, was US-Banken derzeit am wenigsten brauchen können, sind zusätzliche Probleme von außerhalb ihres eigenen - ohnehin äußerst schwierigen - Umfelds.

Nicht nur Banken betroffen

Dazu kommt, dass bei weitem nicht nur Banken US-Hypotheken in ihren Bilanzen haben und bei einem Schuldenerlass Abschreibungen vornehmen müssten. Knapp 4500 Milliarden Dollar an Anleihen wurden von Geschäftsbanken begeben und mit den Forderungen aus amerikanischen Haus-, Auto- und Studentenkrediten sowie Kreditkartenforderungen besichert. Kommt es hier zu großangelegten Nachlässen, trifft das die Käufer dieser Anleihen - unter denen sich auch Pensionsfonds befinden. Offen ist auch, was mit den 4100 Milliarden Dollar an Hauskrediten passiert, hinter denen die - ohnehin schwer taumelnden - staatlichen Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac stehen. Neuerliche Verluste in diesem Bereich würden wohl direkt die Steuerzahler treffen.

Regierungskreise haben gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters bestätigt, dass sie das Konzept einer vorsichtigen und zielgerichteten Schuldenreduktion unterstützen würden. Allerdings wäre der Einfluss der Regierung in diesem Zusammenhang beschränkt. Ökonomen hoffen jedoch, dass Washington eine auf Freiwilligkeit beruhende Einigung zwischen Banken, Anleiheneignern und Konsumentenschützern aushandeln könnte.

Zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es am Montag für den schwer unter Druck stehenden US-Immobilienmarkt. Die Bauausgaben waren im August gegenüber dem Vormonat um 1,4 Prozent gestiegen.