• vom 19.07.2010, 18:42 Uhr

International

Update: 19.07.2010, 18:43 Uhr

Josef Pleil, Österreichs Langzeit-Weinbaupräsident seit 1990, zum Weinskandal des Jahres 1985

"Wir hätten den Weinskandal nicht gebraucht!"




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Von Johann Werfring

  • Ausweitung der Rebfläche begünstigte den Weinskandal.
  • Schlechtes Krisenmanagement vergrößerte die Misere.
  • "Wiener Zeitung": 1985 ist als rabenschwarzes Jahr in die heimische Weingeschichte eingegangen. Was war der Nährboden für den "Österreichischen Weinskandal"?
  • Josef Pleil: Die eigentlichen Wurzeln des Weinskandals von 1985 orte ich zu Beginn der 1970er Jahre. Um die Abwanderung von vielen Kleinbauern hintan zu halten, wurde 1974 jedem Winzer im Grenzland die zusätzliche Neuauspflanzung von 0,5 Hektar pro Betrieb genehmigt. Dadurch wollte man verhindern, dass die vielen kleinen Bauern auf den Wiener Arbeitsmarkt drängen.

Welche Auswirkungen hatte die damalige Ausweitung der Anbauflächen?

Josef Pleil ortet die Wurzeln des Weinskandals in den 1970er Jahren. Foto: Pessenlehner

Josef Pleil ortet die Wurzeln des Weinskandals in den 1970er Jahren. Foto: Pessenlehner Josef Pleil ortet die Wurzeln des Weinskandals in den 1970er Jahren. Foto: Pessenlehner


Die Auspflanzungen hatten nach fünf Jahren eine Flächenausweitung von rund 15.000 Hektar mit entsprechender Überproduktion zur Folge. Es zeigte sich, dass dieses Zugeständnis der Regierung eine verfehlte Politik war und ins Chaos führte, weil Anfang der 1980er Jahre der Weinkonsum in ganz Europa zurückging und dadurch ein riesiger Weinüberschuss mit extremem Preisverfall vorhanden war.

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen der Überproduktion und dem Preisverfall einerseits und der 1985 aufgedeckten Weinpanscherei andererseits?

In Deutschland bestand zu jener Zeit eine gute Nachfrage nach Süßweinen. Diesen Bedarf an Süßweinen versuchten nun einige "findige Spezialisten" zu bedienen, indem sie aus einfachen billigen Tafelweinen durch Zusatz von Diäthylenglykol hochwertige Prädikatsweine vortäuschten und diese zu Billigstpreisen anboten. Das funktionierte anfangs sogar ganz gut.

Was war die unmittelbare Folge der Enthüllung des Skandals?

Weil praktisch über Nacht der Exportmarkt für österreichische Weine total zusammenbrach, schlitterte eine Reihe von sehr guten Exportbetrieben unverschuldet in den Konkurs. Davon betroffen waren die Winzerverbände und erfolgreiche Exportkellereien wie zum Beispiel Lenz Moser.

Aber auch viele kleinere Betriebe verloren damals ihre wirtschaftliche Grundlage. Der ehemals angesehene österreichische Wein war mit einem Schlag geächtet und im Ausland nur mehr ganz schwer verkäuflich; die Weinlager waren zum Bersten voll. Anstelle des aufgelösten Weinwirtschaftsfonds wurde im Ministerium eine Kommission eingerichtet, welche verschiedenste "Weinverwertungsmaßnahmen" wie zum Beispiel Destillation, Überlagerung, Trauben abschneiden etc. durchführen musste, um einen totalen Marktzusammenbruch zu verhindern.

1986 wurde dann auch noch ein Weinskandal in Italien aufgedeckt, bei dem es sogar Tote gab. Nichtsdestotrotz war der österreichische Skandal nachhaltiger.. .

Die Italiener haben immer schon ein vorzügliches Krisenmanagement betrieben. Die italienische Strategie in solchen Fällen zielte auf rasche Schadenswiedergutmachung ab, gleichzeitig versuchten sie mit günstigen Konditionen neue Geschäftsabschlüsse zu erreichen. Hingegen gab es in Österreich kaum geeignete Maßnahmen, um die Krise zu meistern. Ganz im Gegenteil wurde noch im Jahr 1986 der Österreichische Weinwirtschaftsfonds aufgelöst, der eigentlich für das Krisenmanagement zuständig gewesen wäre.

Andererseits führte der Weinskandal zur Verabschiedung eines österreichischen Weingesetzes, das bis heute als das strengste der Welt gilt.

Das ist richtig, jedoch ist hierbei anzumerken, dass die zahlreichen Kontrollmechanismen, die in dem 1985 beschlossenen Weingesetz verankert waren, zunächst in vielen Bereichen realitätsfern waren, weshalb dieses Gesetz bis zum Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 insgesamt 18 Mal novelliert werden musste. Die wichtigsten Maßnahmen waren die Einführung einer staatlichen Prüfnummer für alle Qualitätsweine, eine durchgehende Mengenkontrolle vom Weingarten bis in die Weinflasche, die Gründung der Österreichischen Weinmarketinggesellschaft sowie die Einführung einer rigorosen Hektarertragsbeschränkung.

Obwohl es diese Maßnahmen gab, sprechen Sie dennoch vom verfehlten Krisenmanagement der Politik . ..

Nachdem die Verursacher des österreichischen Weinskandals im Gefängnis waren und ihre Betriebe in Konkurs gingen, konnten die deutschen Weinhändler von diesen Betrieben keine Entschädigung mehr bekommen und verlangten daher von der Republik Österreich Schadenersatz. Österreich hat aber ein endlos langes Verfahren in Kauf genommen. In dieser Zeit haben deutsche und österreichische Medien unaufhörlich über den Weinskandal berichtet und das Übel arg vergrößert.

Solcherart ist das Image des österreichischen Weins auf lange Zeit beschädigt worden. Die einzig richtige Maßnahme wäre damals gewesen, wenn die Republik Österreich sofort Schadenswiedergutmachung geleistet hätte.

Die Meinung, die Weinwirtschaft würde ohne den Skandal von 1985 heute nicht so gut dastehen, hat sich längst zu einem Mythos verfestigt. Wie sehen Sie das?

Die gute Entwicklung der österreichischen Weinwirtschaft wäre ohne den Skandal von 1985 viel rascher vorangegangen. Wir hätten den Weinskandal nicht gebraucht! Freilich konnten diverse notwendige Maßnahmen, etwa die Hektarertragsbeschränkung, unmittelbar nach dem Skandal leichter durchgesetzt werden. Aber die Dynamik, wie wir sie seit den ausgehenden 1990er Jahren auf dem Weinsektor erlebt haben, hätte sich auf alle Fälle eingestellt. Praktisch in allen westlichen Ländern kam es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer unglaublichen Weineuphorie, wie man sie bis dahin nie zuvor erlebt hat. Von dieser geradezu globalen Euphorie wäre Österreich auch ohne Skandal erfasst worden, und die heimischen Winzer hätten sich auch ohne diese schmerzliche Erfahrung in dieser neuen Entwicklung gut zurechtgefunden.

Der Weinskandal 1985

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-07-19 18:42:50
Letzte Änderung am 2010-07-19 18:43:00

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