(hes) "Anonyme Marktkräfte" treiben Staaten in den Bankrott und verdienen damit sogar Geld, wetterte Martin Schulz, Präsident der europäischen Sozialdemokraten, im EU-Parlament. Wer sind diese gesichtslosen Finanzmärkte, welche die Eurozone so massiv unter Druck setzen?

Es sind skurrilerweise primär Banken, Versicherer und Private in Europa selbst (siehe Grafik), die kräftig am Ast sägen, auf dem sie sitzen. Aus Sicht jedes einzelnen Akteurs mag es vernünftig scheinen, Euro-Staatsanleihen, die als Risiko wahrgenommen werden, zu verkaufen. Wenn das alle tun, dann spitzen sich die Probleme allerdings so wie derzeit zu: Die Staaten erhalten keine neuen Kredite zu vernünftigen Konditionen. Die Anleihenkurse fallen, der Verkaufsdruck steigt weiter.

Die Politik hat zu dieser Eskalation beigetragen. Die - an sich verständliche - Forderung, dass nicht nur die Steuerzahler, sondern auch die Banken ihren Teil zur Bewältigung der griechischen Probleme beitragen sollen, sei ein Beispiel für "gut gemeint, aber nicht zu Ende gedacht", sagen Notenbanker hinter vorgehaltener Hand. Der Schuldenschnitt bei Griechenland, der derzeit verhandelt wird, sei "kein Teil der Lösung, sondern Teil des Problems". Ein Großteil des Forderungsverzichtes trifft nämlich europäische Banken, allen voran die trudelnden griechischen Institute. Was mittels Schuldenschnitt aus deren Tasche genommen wurde, muss vielfach über Kapitalaufstockungen bei der anderen Tasche reingesteckt werden. So wird der Schuldenschnitt zum "Loch auf, Loch zu", bei dem erst recht die Staaten draufzahlen - mit dem Kollateralschaden eines gewaltigen Vertrauensverlustes. Seither glauben Investoren den Beteuerungen nicht mehr, dass Euro-Staatsanleihen sicher sind. "Das war der erste Tabubruch", sagt Bank-Austria-Ökonom Stefan Bruckbauer.

Da der Schuldenschnitt freiwillig ist, greifen die umstrittenen Kreditausfallversicherungen (CDS) nicht. Somit bleibt Banken und Versicherern, die Staatsanleihen langfristig halten wollen, diese aber nicht mehr versichern können, künftig nur eins, um Risiko zu minimieren: Verkaufen.

Stresstest kontraproduktiv

Ein zweites Mal wurde die Büchse der Pandora mit den - ebenfalls gut gemeinten- Stresstests geöffnet. Die Europäische Bankenaufsicht EBA gab dem Drängen (auch vieler Experten und Medien) nach und ließ Staatsanleihen durch die Bank zu Marktpreisen bewerten. Danach berechnet sie den künftigen Kapitalbedarf der Institute. Das Signal: Die Papiere von Italien & Co. sind nicht unantastbar.

Natürlich gibt es auch Spekulanten in Übersee, die Kasse machen wollen. Einer dieser Wertpapierhändler war MF Global. Die Amerikaner hatten allerdings nicht gegen den Euro gewettet, sondern darauf gesetzt, dass die Eurozone ihre Probleme rasch in den Griff kriegt. Jetzt ist MF Global insolvent - und eine Warnung für alle Überseeinvestoren, auf Europa zu vertrauen. Hingegen dürfen sich jene bestätigt fühlen, die gegen den Euro gezockt haben.